Sonne ernten und mehr

In Potsdam ist Dr. Sophie Haebel eine von denen, die sich darum kümmern, dass die Stadt ihre Klimaziele erreicht

  • Von Christina Matte
  • Lesedauer: 8 Min.
Sophie Haebel: »Eine Herausforderung für uns Menschen«.
Sophie Haebel: »Eine Herausforderung für uns Menschen«.

Brandenburgs Landeshauptstadt Potsdam ist reich an alten Bürgervillen, die sich nun wieder in alter Pracht präsentieren. Reich auch an denkmalgeschützten Mietshäusern, deren Schönheit wieder erstrahlt. Reich auch an zu DDR-Zeiten in Plattenbauweise errichteten Vierteln, in denen sich Menschen zuhause fühlen.

Dr. Sophie Haebel und ihr Mann entschieden sich für ein Gartenhaus. Es liegt in jenem Teil von Potsdam, das Brandenburger Vorstadt genannt wird, im Hinterhof eines Mietshauses, dem es einst als Remise diente. Viel her macht es von außen nicht. Tritt man ein, ist man überrascht. Nicht nur wegen der weiten, offenen Räume, nicht wegen der warmen Holzfußböden, nicht wegen der schlicht-schönen Holztreppen, die ins Obergeschoss hinaufführen. Überrascht ist man von einem Öfchen, das unscheinbar und doch elegant am Rande des Wohnzimmers steht – das Öfchen entpuppt sich als hochkomplizierte und hocheffiziente Anlage, die das gesamte Haus beheizt: mit Pellets aus Biomasse. Sophie Haebel und ihr Mann haben aus dem Gartenhaus, auch mit Hilfe natürlicher Wärmedämmung, ein energieeffizientes Kleinod gezaubert.

Ein Auto fährt Sophie Haebel nicht. Sie hat nie ein Auto gefahren. »Das hier ist mein Luxus«, sagt sie – ihre Geste umfasst das Gesamtkunstwerk: der Gegenwert eines großen Audi. »Wer beides will, den Audi und Nachhaltigkeit, der bekommt finanzielle Probleme.«

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Potsdam hat sich ein Ziel gesetzt: Bis 2020 will die Stadt ihre CO2 Emissionen um ein Fünftel reduzieren. Ähnliche Willensbekundungen haben in den letzten Jahren viele deutsche Kommunen abgegeben. Sophie Haebels private Initiative mag ein großer Schritt sein für einen Menschen, doch sie ist nur ein kleiner Schritt für die Menschheit. Um nicht weniger als die Menschheit geht es, ist Sophie Haebel überzeugt. Seit das Wort vom Klimawandel weltweit in aller Munde ist, glaubt sie, jedem müsste das klar sein. Mehr noch freilich als ums Klima sorgt sie sich um die Ressourcen: »Als die Welt noch mit Holz heizte, bestand kein Grund zur Besorgnis – Holz wächst nach. Dann entdeckten wir Kohle und Erdöl, das erleichterte uns vieles. Aber Kohle und Erdöl wachsen nicht nach, seit 100 Jahren zehren wir von der Substanz.« Sophie Haebel spricht vom »Peak Oil«: Man müsse sich die Ölvorkommen der Erde wie einen Berg vorstellen. Den hätten wir sozusagen bestiegen, als wir das Öl zu fördern begannen. Nun, da wir die Spitze erreicht haben, befänden wir uns auf dem Abstieg: Die Ölreserven nehmen ab, bald werden sie ganz erschöpft sein. »Öl wird für unseren Lebensstil nicht mehr zur Verfügung stehen.« Was ihr Gartenhaus betrifft: »Auch wir verbrauchen noch Holz und Biomasse, immerhin nachwachsende Stoffe, doch das ist keine Lösung für alle. Wir zeigen nur, dass es machbar ist, mit der vorhandenen Energie zu haushalten.«

Wären sogenannte Energie plus Häuser, also Häuser, die in der Lage sind, mehr Energie zu produzieren als sie verbrauchen, irgendwann eine Lösung für alle? Von diesen Häusern schwärmt Sophie Haebel. Es gibt sie schon, rein technologisch könne man sie bereits bauen. Aber eine Lösung für alle? Vielleicht irgendwann, noch sind sie zu teuer.

Um Lösungen für alle zu finden, verlässt Sophie Haebel ihr Gartenhaus und geht jeden Morgen zur Arbeit. In Potsdam wohnt sie erst seit 15 Jahren – ihr Ehemann stammt aus Berlin; gemeinsam haben sie beschlossen, die Stadt mit den herrlichen Parkanlagen, den prunkvollen Bürgervillen und schönen alten Häusern als Wohnsitz zu wählen. Sie selbst wurde 1965 in Hannover geboren, als Tochter eines Naturwissenschaftlers, den die Forschung nach Frankreich führte, wo sie aufwuchs und die Schule besuchte. Chemie studierte sie in der benachbarten Schweiz, anschließend promovierte sie. Als »Postdoc« ging sie nach Dänemark und damit in eine andere Richtung: Sie wandte sich der Biologie zu. Nach Dänemark dann endlich Potsdam: Elf Jahre lang arbeitete sie an der dortigen Universität, am Institut für Biologie und Biochemie. Als sich die Gelegenheit bot, ihre mit den Jahren gewachsene energiepolitische Leidenschaft auch beruflich auszuleben, wechselte sie zum Forschungszentrum Jülich (NRW), das in Berlin eine Dependance unterhält. Diese erbringt Dienstleistungen insbesondere für Bundesministerien – als Träger verwaltet und begleitet sie Projekte der Energietechnologie, die mit Bundesmitteln gefördert werden. Zugegeben, das klingt nach einer leicht bürokratischen Tätigkeit. Doch wie gesagt, es geht dabei um Energietechnologie! Auf die setzt Sophie Haebel Hoffnungen.

Energietechnologie: Sie glaubt, hier liegt sie, die Lösung für alle! Hier werden Gerätschaften entwickelt, die Energie – sie lässt sich ja bekanntlich weder neu erschaffen noch kann sie verlorengehen – in Strom und Wärme umwandeln können. Wie die Brennstoffzellentechnologie, mit deren Hilfe »aus Energieträgern wie Erdgas oder Wasserstoff sehr effizient Strom und Wärme werden«. Erdgas? Eine Lösung für alle? »Ein nötiges Übergangsstadium.«

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Ehrenamtlich arbeitet Sophie Haebel in verschiedenen Gremien der Stadt, die ihren Beitrag leisten möchten, damit Potsdam seine Absichtserklärung, die CO2-Emissionen bis 2020 um ein Fünftel zu reduzieren, auch umsetzt. 2007 begann Potsdam, ein »integriertes Klimaschutzkonzept« zu erstellen, beziehungsweise erstellen zu lassen; auch solche Konzepte fördert das Bundesumweltministerium. Letztes Jahr wurde das Konzept vorgestellt – ein »integriertes« nennt man es deshalb, weil es verschiedene Bereiche verbindet. Es enthält 99 Maßnahmen. 99 Luftballons? »Manche Maßnahmen bringen mehr, manche weniger«, räumt Sophie Haebel ein. Einige seien eher symbolisch, doch auch Öffentlichkeitsarbeit müsse sein. Messbar C02 einsparen lasse sich aber in Bereichen wie Energieversorgung, Verkehr, Wohnen, Bauplanung und nicht zuletzt der Landschafts- und Umweltplanung.

Bei ihrer ehrenamtlichen Arbeit erwirbt Sophie Haebel viel fachliches Wissen, das zum Nutzen der Stadt zurückfließt. Sie gehört dem Potsdamer Klimarat an, der beratende Funktion ausübt, dem Energieforum und dem Solarverein, dessen Vorsitz sie innehat. Mit ihr zu plaudern, ist erhellend: So kann das Klimakonzept einer Stadt aussehen. Sie holt Ordner, zeigt Grafiken: Gebäude zu dämmen, erklärt sie uns, werde »den größten Batzen bringen«, von innovativen Heiztechniken erhofft man sich ebenso etwas. Vor allem aber gelte es, Fernwärme stärker zu nutzen – bis zu 70 Prozent der Haushalte sollen angeschlossen werden. Die Stadt verfüge heute über ein sehr modernes Gaskraftwerk, welches in Kraftwärmekoppelung Strom und Wärme produziert: Die bei der Stromerzeugung entstehende Wär- me verpuffe nicht, sondern werde zum Heizen genutzt. Allerdings sei die Fernwärme recht teuer und daher bei den Potsdamern unbeliebt. Das berge soziales Konfliktpotenzial, weshalb man mehr Wettbewerb schaffen müsse, damit die Fernwärme preiswerter wird. Eine große Rolle falle der Landschafts- und Umweltplanung zu: Meliorierte Niedermoore zum Beispiel, auf denen lange Mais angebaut wurde, haben Biomasse im Boden, die als CO2 abgebaut wird. Vernässe man diese Moore wieder, stoppe man den C02-Ausstoß – nur müsse man dies mit den Bauern klären, die eine Stilllegung der Flächen zugunsten des Klimaschutzes möglicherweise vergütet bekämen? Möglicherweise würden die Bauern verstehen. Schließlich gehe es nicht nur darum, das Klima vor uns Menschen zu schützen, sondern auch uns Menschen vor dem Klima. Noch mehr Grün in die Stadt, das CO2 bindet! Viel sei anzupacken, zu regeln …

Im Potsdamer Energieforum, dem Sophie Haebel angehört, haben sich Bürger zusammengefunden, die sich mit dem Klimawandel und seinen Auswirkungen beschäftigen. Darunter sind Wissenschaftler, Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Verwaltung, »wir wollen in der Stadt mitmischen«. Kontakte, die im Forum entstehen, tragen mitunter unmittelbar Früchte. So ermöglichte die Wohnungsbaugenossenschaft GEWOBA Sophie Haebels Solarverein die Installation der ersten Bürgersolaranlage auf dem Dach eines ihrer Häuser. Entstanden ist der Solarverein aus dem sympathischen Gedanken, dass viele Potsdamer etwas tun wollen. Bei ihnen, die bereit und in der Lage sind, in die Zukunft zu investieren, sammelt der Verein Geld für den Bau von Photovoltaikanlagen. Hat er dann entsprechende Dächer gefunden und die Anlagen aufgebaut, wird der so gewonnene Strom in das städtische Netz eingespeist – die Investoren werden vergütet. Und dennoch: Was so einfach aussehe, sei gerade in Potsdam schwierig. Die zahlreichen denkmalgeschützten Villen und Mietshäuser, die Potsdam sein Flair geben, setzen dem Einsatz von Photovoltaik Grenzen. Noch: Hier gelte es zu vermitteln. Auch kleine Schritte, meint Sophie Haebel mit Verweis auf ihr Gartenhaus, dürften nicht verachtet werden. Auch auf einem langen Weg müsse man einen Fuß vor den anderen setzen. »Wenn wir nicht alles versuchen, geht's schief.«

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Kinder leben im Gartenhaus nicht. Was treibt eine Frau wie Sophie Haebel? Lösungen für alle zu finden, sieht sie als »Herausforderung für uns Menschen«, vornehmlich als intellektuelle. Die Herausforderung anzunehmen, »macht auch viel Spaß«, beteuert sie. Jedes Leben sucht nach Sinn.

Ihr »großer Held« ist Hermann Scheer. Der »Sonnengott«, wie er genannt wurde, habe schon vor 30 Jahren, früher als alle anderen begriffen, »dass wir, um zu überleben, umweltfreundliche Energien brauchen«. Wirklich gewürdigt worden sei er dafür in Deutschland nie. Noch immer wüsste Deutschland nicht, was es Scheer verdanke, was er ihm schenkte. Verhöhnt, mit Häme übergossen, habe der alternative Nobelpreisträger für die Wende in der Energiepolitik gekämpft und sie mit dem Gesetz über den Vorrang Erneuerbarer Energien (EEG) auf den Weg gebracht. »Es war genial, das Gesetz so zu gestalten, dass die Förderung der Netzeinspeiser Jahr für Jahr ein wenig zurückgefahren wird. So sind sie gezwungen, die Technologien Jahr für Jahr effektiver zu gestalten.« Diese habe Deutschland in die Lage gesetzt, schon heute Technologien anbieten zu können, die in südlichen Regionen, in denen die Sonnenernte größer als in Westeuropa ausfällt, keinerlei Förderung mehr bedürfen. Eine Lösung für alle? Man werde sehen. »Viel Zeit«, sagt Sophie Haebel, »bleibt uns nicht mehr.«

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