Dem Wurm sei Dank

Biolumne

  • Von Reinhard Renneberg, Hongkong
  • Lesedauer: 3 Min.
Vignett: Chow Ming
Vignett: Chow Ming

Als Wissenschaftler bin ich an erstaunliche Entdeckungen gewöhnt, diese aber verblüfft auch mich: Würmer, genauer deren Eier, können Autismus bekämpfen.

Doch der Reihe nach: Im Alter von zwei Jahren wurde bei dem kleinen Amerikaner Lawrence Johnson Autismus diagnostiziert. Es fällt ihm schwer, Mimik und Körpersprache einzusetzen, überhaupt mit anderen Menschen zu kommunizieren. Seine Eltern suchten nach Therapien, doch nichts half.

In seiner Verzweiflung machte Vater Steward nun etwas Ungewöhnliches: Er durchforstete die Fachliteratur und publizierte einen Übersichtsartikel, von ihm selbstkritisch »Junk Science« genannt. Und fand als Laie (!) heraus: Beim Autismus sind bestimmte Immunbotenstoffe (Zytokine) im Blut erhöht – wie auch bei verschiedenen Autoimmunkrankheiten. Eine davon ist die chronische Darmkrankheit Morbus Crohn, bei der das Immunsystem die eigenen Darmwände attackiert.

Dr. Eric Hollander von der Universität Iowa wurde auf diese Veröffentlichung aufmerksam. Sein Team hatte etwas Ungewöhnliches probiert: Morbus Crohn mit Eiern (Ova) des Peitschenwurms (Trichuris suis; ein Schweine-Parasit) behandelt. Auf diese Idee kamen die Forscher durch Berichte über Inder, die nach ihrem Umzug nach Großbritannien Morbus Crohn entwickelten. Indien ist ein Land mit hoher Wurmbefallsrate.

Ähnliche Forschungen laufen am Klinikum der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Die klinischen Studien mit mehr als 80 Morbus-Crohn-Patienten zeigten über teilweise vier Jahre deutliche Besserung, vielfach wurde sogar eine beschwerdefreie Phase erreicht. Außerdem wurde eine ähnliche Studie zur Wirksamkeit von Wurmeiern gegen Heuschnupfen durchgeführt.

Der Kontakt mit Dr. Hollander führte Vater Stewart zur Hypothese, dass eine solche Wurminfektion das Immunsystem seines Sohnes anregen würde und so sein autistisches Verhalten verändern könnte. Kein Fachmann hätte wohl so eine gewagte Theorie aufgestellt, doch Dr. Hollander war beeindruckt. Sie erreichten die Genehmigung zum Test von Trichuris suis ova (TSO).

Wie gefährlich ist so eine Therapie? Aus den Eiern des Schweine-Peitschenwurms werden im menschlichen Darm zwar Würmer, aber diese sterben nach ca. zwei Wochen geschlechtsunreif ab und bleiben harmlos – wir sind ja nicht der richtige Wirt.

Und worin steckt der heilende Effekt? Als »erfahrene« Parasiten haben die Würmer gelernt, das Immunsystem des Wirtes ganz speziell zu stimulieren. Und hier zeigt sich der Pferdefuß der verbesserten Hygiene von heute: immer weniger Wurminfektionen in der Kindheit. Japan z. B. mit der besten Hygiene hat die größte Zahl an Patienten mit Autoimmunerkrankungen.

Und beim Autismus? Nachdem die Dosis der Wurmeier erhöht wurde, geschah das Wunder: Innerhalb von zehn Wochen verdrehte Lawrence nicht mehr die Augen, schlug den Kopf nicht mehr an die Wand... Die Autismus-Symptome waren weg! Lawrence Johnson ist nun 20 Jahre alt und führt ein normales Leben, dem Wurm sei Dank.

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