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Mitmachen und Wegsehen

Im Kino: Die Kinder von Paris von Rose Bosch

  • Von Caroline M. Buck
  • Lesedauer: 4 Min.

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Hitler auf Sightseeing-Tour unter dem Eiffelturm, dazu Akkordeonklänge und die Stimme von Edith Piaf – das schwarz-weiße Archivmaterial gleich zu Beginn lässt keinen Zweifel daran, wann und wo dieser Film spielt. Halb Frankreich ist von den Deutschen okkupiert, und leider findet sich weit und breit kein gallisches Dorf, das sich dem Usurpator entgegenstellte. Einzelne Aufrechte, die schon. Aber auch Mitläufer, politische Opportunisten, antisemitische Überzeugungstäter und Uniformierte, die Konsequenzen fürchten, sollten sie sich einem höheren Befehl widersetzen. Wer von ihnen nicht aktiv an der Stigmatisierung, Internierung und Auslieferung jüdischer Familien beteiligt war, wie sie während der Besatzung auch in Frankreich stattfand, nahm diese billigend in Kauf. Erst 1995, fünfzig Jahre nach Kriegsende, bekannte der französische Präsident Jacques Chirac sich für sein Land zu einer Mitschuld am deutschen Generalplan Holocaust.

»Die Kinder von Paris« ist der Film zum lange verdrängten Wegsehen. Rein optisch ist das schönes altmodisches Kino, hochkarätig besetzt und sorgfältig ausgestattet. Weil der Film aber auf die großen Gefühle eines ganz großen Publikums zielt, weil er persönliches Entsetzen und nationale Reue auch bei denen erreichen will, die ihre zögerliche Großelterngeneration befragen müssten, um überhaupt noch Zeitzeugen zu finden, ist die Musik immer etwas zu vordergründig, sind Haare und Hemden der Deportierten immer etwas zu sauber gekämmt und gefaltet, wird die Geräuschkulisse auch in einem Einraumlager mit 8000 Menschen, davon Tausenden Kindern, stets so weit heruntergefahren, dass man noch die leisesten Bemerkungen des mitleidenden Lagerarztes (Jean Reno) und seiner protestantischen Krankenschwester (Mélanie Laurent) ganz bestimmt verstehen kann.

Lagerkitsch, haben einige Kollegen das genannt und formal damit durchaus recht gehabt. Aber kann ein Film, der allein in Frankreich Millionen Zuschauer dazu brachte, über das Leid zu erschrecken, das das blinde Befolgen unmenschlicher Befehle mit sich bringt, ganz schlecht sein? Denn dass es auch anders ging, dass man gar nicht aktiv beim Widerstand sein musste, um seinen Nachbarn zu helfen, als es drauf ankam, das zeigt der Film auch. Und dass es Gründe gab, warum statt der 24 000 Juden, die die Handlanger der Vichy-Regierung allein in Paris zu internieren hofften, um deutsche Transportforderungen zu befriedigen, nur gut 13 000 zu finden waren bei der großen Razzia, von der der Film handelt. Der Rest versteckte sich, so gut er konnte – nicht zuletzt dank der Hilfe nicht-jüdischer Nachbarn.

Im Film steht die Leiterin der Schwesternschule für diese hilfsbereiten Franzosen, die ihre Schülerinnen zur aktiven Fluchthilfe auffordert, sollten die Deutschen kommen, ihre beide jüdischen Mitschülerinnen zu holen. Der Priester, der als Solidaritätsbekundung selbst einen gelben Stern auf der Soutane trägt. Der Lehrer, der als Tagesordnung ausgibt, das neue Bildwerk an der Brust der Mitschüler gar nicht weiter zu beachten und schon gar keine Witze darüber zu reißen. Und die leichtgeschürzten Mädchen vom Bordell an der Ecke, die eine flüchtige junge Frau mit Kind kurzerhand zu einer der Ihren erklären, als sie am Morgen nach der Razzia von französischen Polizisten aufgegriffen wird. Nur die Bäcker-Olsche hätte die netten Jungs mit gelbem Stern ja nie für »solche« gehalten. Gut, findet sie, dass man sich da in Zukunft dank des Sterns nicht mehr vertun könne.

Zukunft, das ist allerdings bald etwas, das den Nachbarn mit dem Stern abgeht. 8000 von ihnen landen nach der Razzia vom 16. auf den 17. Juli 1942 im Vélodrome d'hiver, der Winterradrennhalle, werden von dort in ein Übergangslager in Mittelfrankreich verlegt und schließlich Richtung Polen abtransportiert. Auf Seiten der Vichy-Regierung hat man ausdrücklich kein großes Problem damit, zumindest die Staatenlosen und die Flüchtlinge unter den Juden Frankreichs an die Deutschen »zurückzugeben«. Nur auf den Kindern dieser Staatenlosen und Flüchtlinge möchte man danach lieber nicht sitzenbleiben, denn das würde die französischen Sozialämter schon rein mengenmäßig überfordern. Also verhandelt man so lange auf die Deutschen ein, bis die auch noch die Kinder abholen lassen. Auf den Memoiren eines dieser Kinder, eines Jungen, der gerade noch fliehen konnte, bevor die Viehwaggons eintrafen, beruht ein Teil der Erzählung.

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