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Im Tal der schwarzen Schlange

Zu Besuch im nordirakischen Lalisch, dem größten Heiligtum der geheimnisvollen Jesiden

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Der Gott der Jesiden manifestiert sich in Gestalt eines Pfaus. Seine Jünger verehren das Feuer und glauben an Wiedergeburt. Bei einem Besuch des Heiligtums von Lalisch in Nordirak bieten sich dem Besucher erstaunliche Einsichten in eine Religion, deren Ursprünge weit in vorislamische Zeit zurückreichen.
Die markanten Kegelspitzen von Lalisch.
Die markanten Kegelspitzen von Lalisch.

Karl May bezeichnete sie in seinem Buch »Durchs wilde Kurdistan« noch als »Teufelsanbeter«. Bei ihren muslimischen Nachbarn stehen die Jesiden noch heute im Verdacht, dem Satan zu huldigen und müssen deshalb um ihr Leben fürchten. Im August 2007 kamen bei zwei gegen Jesiden gerichteten Attentaten in Nordirak mehr als 500 Menschen ums Leben. Dabei beruht der teuflische Verdacht auf einem Missverständnis. Die kurdischen Jesiden verehren einen der sieben Erzengel, der sich in ihrer Mythologie oft in Gestalt eines Pfaus namens Tausi Melek manifestiert. Einer seiner weiteren Namen ist aber auch Shaytan. Was dem arabischen Wort für Teufel gefährlich nahekommt. Ein tödliches Missverständnis. Nur wenige Kilometer südlich des wichtigsten jesidischen Heiligtums Lalisch beginnt bereits der arabische Teil Iraks, in dem Islamisten ihre Basis haben. Doch da misstrauische und zudem schwer bewaffnete Peschmerga-Milizen des Kurdenführers Masud Barzani die Grenze sichern, leben die Jesiden hier in relativer Sicherheit.

Großvater und Enkel bewachen gemeinsam den Zugang eines Schreins.
Großvater und Enkel bewachen gemeinsam den Zugang eines Schreins.

Und deshalb ist eine Fahrt nach Lalisch problemlos möglich. Zwar gibt es einige Kontrollposten, doch überall winkt man uns durch. Schneller als gedacht, erreichen wir schließlich den Zugang zum Tal. Ein Schild am Straßenrand weist den Besucher darauf hin, dass hier das Jagen streng verboten ist. Die kargen, sandsteinfarbenen Hänge sind mit dürren Stieleichen bestanden. Hier und da ragen spitz zulaufende, von Lamellen geteilte Kegel aus dem Grün. Diese Türme markieren heilige Schreine, erklärt unser Chauffeur Dschalal. Der Wagen hält vor einer massiven Betonsperre. »Ab hier müsst ihr zu Fuß gehen«, meint Dschalal. Während wir aussteigen, bleibt der Kurde im Auto sitzen. Dschalal ist Muslim und weigert sich, die heilige Stätte zu betreten. Er muss zwar eingestehen, dass der Glaube der Jesiden »der alte Glaube der Kurden ist«. Noch im Mittelalter bekannte sich eine Mehrheit der Kurden zum jesidischen Glauben. Aber seitdem konvertierten viele zum Islam – nicht immer ganz freiwillig. Das Misstrauen gegenüber den Teufelsanbetern sitzt tief. Und so passieren wir ohne ihn die letzte Absperrung und betreten – etwas verunsichert – das Tal von Lalisch. Noch wissen wir nicht, ob die Jesiden hier Besucher willkommen heißen.

»Der alte Glaube der Kurden«

Aber unsere Zweifel sind schnell verflogen. Kaum haben wir die Sperre passiert, werden wir auch schon bestürmt. Und zwar nicht von messerschwingenden Satansjüngern, sondern sichtlich aufgeregten Kindern und Jugendlichen. Sowohl Mädchen als auch Jungen. Niemand hier trägt einen Schleier oder achtet auf Geschlechtertrennung, wie in der benachbarten Provinzhauptstadt Dohuk. Friedlich vereint sitzen ganze Familien im Schatten der knorrigen Bäume beim Picknick. Die älteren Frauen tragen farbenfrohe Kleider und ihre Männer die weite Pluderhose der Kurden, während die jüngeren durchweg westlich gekleidet sind. Es geht hier zu wie auf einem Jahrmarkt. Da werden Süßigkeiten verkauft, lebhafte Diskussionen geführt. Die Luft ist erfüllt vom Gelächter der vielen Menschen. Erste Zweifel beschleichen uns: Dies soll der heiligste Ort einer Religionsgemeinschaft sein, deren Anfänge sich im Dunkel der Vorzeit verlieren?

Ein junger Mann kommt auf uns zu und fragt, ob wir aus Deutschland sind. Wir bejahen. Und der hochgewachsene Kurde erwidert auf Deutsch: »Ich wohne in Bielefeld und bin hier mit meiner Familie zu Besuch.« In Deutschland leben schätzungsweise 60 000 der weltweit rund 500 000 Jesiden. Die meisten von ihnen kamen als Flüchtlinge aus der Türkei, wo sie gleich zweifach diskriminiert wurden: Als Kurden und Nicht-Muslime. Doch generell gilt: Überall, wo Jesiden leben, werden sie benachteiligt. Ihr Siedlungsgebiet erstreckt sich von Nordirak über die Türkei bis nach Syrien und in Teile der ehemaligen Sowjetunion. Von überall her pilgern sie nach Lalisch. Denn nach Möglichkeit soll jeder Jeside einmal im Jahr das Heiligtum besuchen.

Unser deutsch sprechender Freund macht uns mit einem jungen Mann namens Telim bekannt, der zwar nur englisch spricht, aber dafür viel über seine Religion zu erzählen weiß. »Am besten, ich führe euch durch unser Heiligtum und erkläre euch dabei alles«, schlägt Telim vor. Gesagt, getan. Während wir uns auf den Weg machen, stellt Telim einige grundlegende Dinge klar. »Wir Jesiden glauben an einen Gott, aber wir glauben nicht an einen Widersacher wie den Teufel.« Der von den Jesiden verehrte Engel in Pfauengestalt, Tausi Melek, ist nicht Gott, sondern sein Stellvertreter. »Gott schuf Tausi Melek zusammen mit sechs weiteren Engeln aus Licht, so besagt es die Überlieferung«, betont Telim.

Im Glauben der Jesiden fehlt der Gegensatz von Gut und Böse. »Bei uns gibt es keinen Himmel und keine Hölle«, so Telim. »Wir glauben an Wiedergeburt und Seelenwanderung.« Schon zu Lebzeiten sucht man sich einen Bruder oder eine Schwester für das Jenseits aus. Diese Geschwister übernehmen dann gegenseitig moralische Verantwortung für ihre Taten.

»Es gibt keinen Himmel und keine Hölle«

Ich frage Telim, ob es so etwas wie die heilige Schrift der Jesiden gibt. Er runzelt die Stirn und meint, die Frage sei nicht leicht zu beantworten. »So etwas wie die Bibel oder den Koran kennen wir nicht«, erläutert Telim. »Die Vermittlung religiöser Lehren erfolgt bei uns mündlich.« Es gibt zwar zwei heilige Bücher – »Die Schwarze Schrift« und »Das Buch der Offenbarung« . Doch beide liegen heute nur noch als unvollständige Abschriften vor. »Die Originaltexte sind irgendwann verloren gegangen«, bedauert Telim.

In der Zwischenzeit haben wir das prächtig verzierte Eingangsportal zum eigentlichen Heiligtum erreicht. Unser Blick fällt auf das Relief einer schwarzen Schlange, die sich neben dem Portal an der Wand entlang schlängelt. Telim bemerkt unsere Blicke und erklärt: »In der Überlieferung der Jesiden heißt es, dass die Arche Noah Leck schlug und es eine Schlange war, die mit ihrem Körper das Loch im Bootsrumpf verschloss.« Die Jesiden glauben übrigens auch, dass das Schiff beim Abklingen der Sintflut zum ersten Mal in Lalisch festen Boden berührte. Erst danach wurde die Arche weiter getragen zum Berg Ararat.

Wir passieren die schwarze Schlange und betreten die höhlenartigen Innenräume des Heiligtums. Bunte Seidentücher schmücken die marmornen Säulen. Am Ende der Halle führt eine Treppe hinab in ein Gewölbe. Dort entspringt die heilige Quelle Zemzem. Leider ist es nur Jesiden gestattet, hinunter zu gehen. Der nächste Raum trägt eine hohe Kuppel. Unter ihr liegt das mit bunten Tüchern geschmückte Grab des jesidischen Reformators Scheich Adi ibn Musafir, der als Reinkarnation des Tausi Melek gilt. Der im heutigen Libanon geborene Scheich Adi ließ sich vor 1111 in Lalisch nieder. Unter seiner Führung vereinigten sich die jesidischen Kurden. Scheich Adi soll auch ein Sufi, also ein islamischer Mystiker, gewesen sein. Dies würde die vielen Anleihen aus dem Alten Testament erklären, die sich im Glauben der Jesiden wiederfinden.

Wir verlassen den Kuppelsaal und betreten ein aus dem harten Fels gehauenes Gewölbe. Hier finden sich bizarre Reliquien. Ein mit schwarzem Tuch verhüllter Schrein enthält die Kleider Adams, wie uns Telim erklärt. Zudem stehen dort unzählige uralte Tonkrüge. Ihre Form erinnert an römisches Design. Niemand weiß, seit wie vielen Jahrhunderten in ihnen das Olivenöl aufbewahrt wird, mit dem allabendlich die rituell vorgeschriebenen 366 Lichter angezündet werden. Das erinnert nun wieder an den Feuerkult der persischen Zoroastrier, der in Iran heute noch Anhänger hat. Und auch die Glaubensrelikte des Sonnenkultes, der einst den gesamten Orient prägte, scheint seine Spuren hinterlassen zu haben. Als wir wieder das Portal mit der Schlange erreichen und im gleißenden Sonnenlicht die Augen zusammenkneifen müssen, schmunzelt Telim: »Wir Jesiden verehren auch die Sonne.«

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