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Untertauchen mit Anne Frank

Das Multimediaprojekt »Das Hinterhaus Online« macht das Versteck der Familie Frank begehbar

Virtueller Blick in das Hinterhaus der Prinsengracht 263, in dem sich Anne Frank versteckt hielt. ND-
Virtueller Blick in das Hinterhaus der Prinsengracht 263, in dem sich Anne Frank versteckt hielt. ND-

Per Mausklick tritt man durch die hinter einem Bücherschrank versteckte Tür und in ein kleines Zimmer. Auf dem Schreibtisch liegt ein rot-weiß kariertes Büchlein. Aktiviert man die Tonspur, wird dessen Geschichte erzählt. Was wie ein Spiel erscheint, hat einen ernsten Hintergrund, denn es handelt sich um das Tagebuch von Anne Frank. Ihm hatte sich das Mädchen im Versteck anvertraut. »Sonst würde ich komplett ersticken«, notierte Anne Frank.

Seit Kurzem ist das Hinterhaus Prinsengracht 263 im Internet begehbar – dort verbarg sich die Familie Frank von 1942 bis 1944 vor den Nazis. »Das Hinterhaus Online« soll junge Leute über die Person Anne Frank an die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden heranführen. »Die Besucher unserer Ausstellung werden immer jünger«, erläutert der Direktor des Anne Frank Zentrums, Thomas Heppener. Bislang habe man mit einer alten CD-Rom gearbeitet – mit mäßigem Erfolg.

Die 17-jährige Paula Riemann bestätigt das. In der Schule habe sie das Tagebuch nicht gelesen. »Erst durch das Projekt habe ich viel über Anne Frank erfahren«, sagt sie. Gemeinsam mit ihrer Mutter, der Schauspielerin Katja Riemann, sprach sie die Texte ein. Nicht zuletzt aufgrund eigener Erfahrungen mit Anne Franks Tagebuch habe sie gern mitgewirkt, betont Katja Riemann. Mit zwölf Jahren bekam sie ein Exemplar, das bereits ihre Geschwister besessen hatten. »Eine Rowohlt-Ausgabe aus den 50ern«, erinnert sie sich. »Ich habe sie oft gelesen.«

»Das Hinterhaus« ist eine Multimediacollage: Neben Tonspuren enthält es Fragmente historischer Fotografien und TV-Aufzeichnungen, in denen sich Helfer der Franks erinnern. Das virtuelle Hinterhaus wurde auf deren Grundlage möbliert und enthält viele Details, die über das Leben im Versteck hinausweisen. Die Originalräume im Anne-Frank-Museum Amsterdam stehen hingegen leer – so hatte es sich Otto Frank, einzig Überlebender der Familie, gewünscht. »Trotzdem ist es wichtig, das Versteck online zu zeigen, wie es war«, sagt Ita Amahorseija vom Anne Frank Haus. Die Geschichte wird so für junge Leute greifbar. »Wir wollen aber mehr erzählen«, betont Projektleiter Gerrit Netten. Neben dem 3D-Rundgang wird daher ein interaktiver Zeitstrahl angeboten, der bis heute reicht. Was geschah in Amsterdam, als sich die Familie versteckt hielt? Was in Berlin? Wie erging es Otto Frank, als er aus Auschwitz zurückgekehrt war? Anhand von Bildern und Audiofiles kann man sich über Einzelschicksale informieren, ohne den politischen Kontext aus den Augen zu verlieren.

Eine Auseinandersetzung mit der Genese von Nationalsozialismus und Holocaust ersetzt die spielerische Teilhabe an Anne Franks Leben nicht, steigert aber vielleicht die Bereitschaft dazu. Wie Katja Riemann zurecht hervorhebt: »Es ist ein Türöffner.«

www.annefrank.org/hinterhaus

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