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Chefsessel, wir kriegen euch!

  • Von Regina Stötzel
  • Lesedauer: 4 Min.

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Vor 100 Jahren wurde zum ersten Mal der Internationale Frauentag begangen, sieben Jahre später war die zentrale Forderung zumindest in Deutschland bereits Gesetz: das aktive und passive Wahlrecht für Frauen. Seither verlief die Entwicklung zur Gleichberechtigung wesentlich schleppender. Kein Wunder, wenn Frauenquoten mit Emanzipation verwechselt werden.

»Dieser Internationale Frauentag ist die wuchtigste Kundgebung für das Frauenwahlrecht gewesen, welche die Geschichte der Bewegung für die Emanzipation des weiblichen Geschlechts bis heute verzeichnen kann.« Mit diesen Worten kommentierte Clara Zetkin die Massendemonstrationen von Frauen vor 100 Jahren. Damals gingen am 19. März Hunderttausende in Deutschland, Dänemark, Österreich-Ungarn und in der Schweiz auf die Straße. Später erst wurde der 8. März als Internationaler Frauentag festgelegt, während die Forderungen sich mehrten – darunter menschenwürdige Arbeitsbedingungen, gleicher Lohn für gleiche Arbeit, Arbeitszeitverkürzungen bei vollem Lohnausgleich und das Recht auf Abtreibung.

In Deutschland ist die Geschichte des Internationalen Frauentags sehr wechselhaft gewesen. Nach dem anfänglichen Schwung musste sich die Frauenbewegung mit der Einführung des Wahlrechts für Frauen und der Spaltung der Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik neu formieren. Dem Verbot des Frauentages während der Zeit des Nationalsozialismus folgte das weitgehende Vergessen im Westen und eine starke Ritualisierung im Osten. Mit der neuen Frauenbewegung erhielt das Datum wieder mehr Bedeutung.

Im Jahr 1977 erkannte die Generalversammlung der Vereinten Nationen den 8. März als Internationalen Frauentag an. In 26 Staaten ist er nunmehr sogar gesetzlicher Feiertag. Die Bilanz von Michelle Bachelet, der Leiterin der Frauenorganisation der Vereinten Nationen, UN Women, zum Jubiläum lautet, dass trotz aller Fortschritte »die am ersten Internationalen Frauentag geäußerten Wünsche noch lange nicht wahr geworden sind«. So seien weltweit zwei Drittel der erwachsenen Analphabeten weiblich und alle 90 Sekunden sterbe eine Frau während der Schwangerschaft oder wegen Komplikationen bei der Geburt, obwohl dies aufgrund des medizinischen Wissens zu vermeiden wäre. »Auf der ganzen Welt verdienen Frauen für die gleiche Arbeit weiterhin weniger als Männer. Und trotz hochkarätiger Fortschritte machen Frauen immer noch nur 19 Prozent der Gesetzgeber aus, acht Prozent der Parlamentäre, und es gibt nur 28 weibliche Staats- und Regierungsschefs.«

Eines dieser Länder ist Deutschland, und das, obwohl Demonstrationen für die Rechte von Frauen, die die Beschreibung »wuchtig« verdienen, schon einige Jahre zurück liegen. Auch hierzulande fällt die Bilanz der vergangenen 100 Jahre äußerst gemischt aus. Für Frauen wie Männer sind körperliche Plackereien und Gefahren am Arbeitsplatz enorm verringert worden, doch wuchs dafür der psychische Druck auf die Lohnabhängigen in der internationalen Konkurrenz. Die Reallöhne sanken im vergangenen Jahrzehnt sogar, und der Kampf für die 35-Stunden-Woche gilt als ebenso altmodisch wie die Figur der »Emanze«. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit gilt zwar auf dem Papier, doch werden ganze Branchen geringer bewertet als andere – jene, in denen Frauen bevorzugt tätig sind. Sogar der Schwangerschaftsabbruch ist nach wie vor illegal, wenn auch unter bestimmten Bedingungen straffrei.

Die Bundesregierung musste aktuell auf eine Kleine Anfrage der Fraktion der LINKEN eingestehen: »Allerdings zeigen wichtige Kernindikatoren wie der Gender Pay Gap, der Anteil von Frauen in Führungspositionen, die Unterschiede zwischen Frauen und Männern bei prekären Arbeitsverhältnissen und die Zahlen zur eigenständigen Alterssicherung, dass die gleichstellungspolitischen Ziele noch nicht umfassend erreicht sind.« »Zahlreiche Fortschritte« seien dagegen nicht nur in der politischen Gleichberechtigung, sondern auch in der Gleichberechtigung von Frauen und Männern im Erwerbsleben erzielt worden. Dies könne man etwa an der steigenden Erwerbsbeteiligung von Frauen und der besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf erkennen.

Tatsächlich konnten nach der Wirtschaftskrise sogar deutlich mehr Frauen als Männer sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze ergattern (183 000 bzw. 145 000 von Juni 2009 bis Juni 2010). Allerdings handelt es sich bei drei Viertel der Jobs um Teilzeittätigkeiten von durchschnittlich 18,5 Stunden pro Woche. Und diese finden sich überwiegend in Branchen mit besonders niedrigem Lohnniveau wie etwa der Gastronomie oder dem Gesundheits- und Sozialwesen. Das Fazit von Sabine Zimmermann, der arbeitsmarktpolitischen Sprecherin der Linksfraktion, lautet daher: »Zum 100. Internationalen Frauentag ergibt sich ein ernüchterndes Bild. Es ist ein Skandal. Frauen werden weiter in Niedriglohnbereiche und prekäre Beschäftigung abgedrängt.«

Das verwundert nicht angesichts dessen, dass die wahrnehmbaren Forderungen über Frauenquoten für Führungspositionen in Unternehmen und mehr Kinderbetreuungsplätze kaum hinausgehen – und zwar, wie stets betont wird, zum Wohle der Wirtschaft! Vor 100 Jahren war weiter verbreitet als jetzt, dass gleiche Chancen und Rechte im Kapitalismus die Welt noch nicht besser machen. Um mit Clara Zetkin zu sprechen: »Die Emanzipation der Frau wie die des ganzen Menschengeschlechtes wird ausschließlich das Werk der Emanzipation der Arbeit vom Kapital sein. Nur in der sozialistischen Gesellschaft werden die Frauen wie die Arbeit in den Vollbesitz ihrer Rechte gelangen.«

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