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Emanzipation der Zeichnung

Der Gropius-Bau zeigt in der Ausstellung »Kompass« Werke aus dem Museum of Modern Art

  • Von Volkmar Draeger
  • Lesedauer: 3 Min.
Franz West »Im Milchweißen Bade« (l.), Russel Crotty »Kassiopeia über Dry Chaparral« (r.) Fotos: Franz West, dpa / Pillick
Franz West »Im Milchweißen Bade« (l.), Russel Crotty »Kassiopeia über Dry Chaparral« (r.) Fotos: Franz West, dpa / Pillick

Wieder ist das New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) Gast in Berlin, diesmal mit einer Kollektion von Zeichnungen. »Kompass« heißt die Ausstellung im Martin-Gropius-Bau: Wie das Navigationsgerät geleitet sie durch eine für das Wiedererstehen der Zeichnung wichtige Periode. Von 2003-2005 wurde die Sammlung im Auftrag der Judith Rothschild Foundation als Contemporary Drawings Collection aufgebaut, ging danach als Schenkung in den Bestand des MoMA über. Rund 2600 fleißig in rekordverdächtig kurzer Zeit zusammengetragene Arbeiten auf Papier von 600 Künstlern umfasst sie und präsentiert Werke von den späten 1950er Jahren bis zur Gegenwart.

Gut ein halbes Jahrhundert Auseinandersetzung mit dem Thema dokumentiert sie so, zeigt Entwicklungen und künstlerische Verwandtschaften auf, steht auch für Dialog der Generationen und Auffassungen. Ausgesuchte 250 Arbeiten sind auf einer Etage im Gropiusbau zu besichtigen und fokussieren wie unterm Mikroskop die Aspekte der Sammlung, die sich auf Zentren der Zeichnung im genannten Zeitraum begrenzt: New York und Los Angeles, London und Glasgow, das Rheinland der 1960er bis 1980er und Berlin.

Deutlich wird die Emanzipation der Zeichnung von der bloßen Skizze oder der Vorstudie für größere Werke etwa in Öl, auch von der intimen Seelenentäußerung hin zur eigenständigen Kunst. Freilich ist sie ohne die Meister der Renaissance, der Romantik nicht denkbar, weist heute indes weit über damalige Techniken hinaus.

Vom hingeworfenen Liniengewirr bis zur Monumentalarbeit reicht sie, setzt Bleistift, Gouache, Wasserfarbe ebenso ein wie Erde, Pigment, Ruß, Speichel und erzeugt damit erzählende, figurative oder abstrakte Werke von der traditionellen Zeichnung bis zur Assemblage und Collage. So liegen sechs Dezennien zwischen dem US-Choreografen Merce Cunningham, dessen Raumplan für den Auftritt und Abgang seiner Tänzer selbst zum Kunstobjekt geworden ist, und seinem 1980 geborenen Landsmann Nick Mauss als »Junior« der Ausstellung.

Gleich im Vorraum zündet sie ein Feuerwerk großer Namen. Sechs krakelige Zeichnungen von Joseph Beuys, darunter »Blut Nerven«, stoßen auf eine pralle Arbeit Sigmar Polkes von 2003, Robert Rauschenbergs Collage mit Packband und Adressaufklebern von 1974 auf Cy Twombleys orangegelbviolettes Farbgewölk von 2002. Was Lee Bontecou 1958 per Schweißbrenner auf Karton aufbrachte, dann mit der Rasierklinge zu einer labyrinthisch verschlungenen Netzstruktur ausgekratzt hat, steht konträr zu Mauss’ beinah jugendstilhaft schwingender, pfauenhaft ornamentierter Acryl-Farbstift-Kohle-Zeichnung von 2003; einzigartig auch André Thomkins’ titellose, großformatige Emaillelack-Arbeit von 1965, durch Pusten von auf Wasser schwebendem Lack auf Papier entstanden. Eben: Künstlerpositionen.

Wie sich die deutsche Szene international behauptet, weist ein Raum aus. Voller Schalk hängen da Polkes »Fliegende Untertassen«, beeindruckt Georg Baselitz’ gegenständlicher »Waldarbeiter«, trennt Stacheldraht Jörg Immendorfs »Café Deutschland«, trägt Neo Rauchs »Verrat« von 2003 die Jesus-Story ins Heute: Vorm Scheiterhaufen hockt ein Gefesselter, einen weiteren schleppt man heran, ein MPi-Schütze sichert, drei Kreuze sind errichtet.

Auch Briten erzählen: Peter Doigs »Camp Forestia« spiegelt sich im Wasser, Richard Hamilton zeichnet im Beatles-Look, der Österreicher Franz West betört, David Hockney hält im Tusche-Akt den Tänzer Wayne Sleep fest, die Amerikanerin Elizabeth Peyton wiederum zeichnet über 25 Jahre später Hockney als lässig lehnenden Kindmann beim Dozieren.

Wunderbar in Schwarz ausgeführt, fast fotografisch exakt sind Marcel van Eedens holländische Landschaften von 2002; Gesichter Heranwachsender hat der Kanadier Paul P. in Pornoheften gesehen und den Körper einfach fortgelassen; Fotos von Leo Trotzki sind in einer Hommage des Peruaners Fernando Bryce an den Vordenker zu zitatbeschrifteten grafischen Formen in Tusche geworden. Die Sehnsucht Farbiger nach Harmonie gestaltet Kerry James Marshall mit Mut zum Comic-Kitsch, der Schwede Jockum Nordström lässt auf einer Reihenhaussiedlung eine »Tintenbombe« explodieren. Abstrakte, Minimalisten und jene, die das maschinegeschriebene Wort zum grafischen Element erheben, sind ebenso vertreten wie politisch Ambitionierte. Ein singulärer Streifzug.

Bis 29.5., Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7, Kreuzberg, Telefon 25 48 60, Infos unter www.gropiusbau.de

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