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Überschätzte Inflationsgefahr

Monetaristen ignorieren die geringe Steigerung der Geldmenge

Wegen der stärkeren Teuerung sehen manche Ökonomen die Geldstabilität in Gefahr – zu Unrecht.

Lenin soll einmal gesagt haben: »Wer die kapitalistische Gesellschaft zerstören will, muss ihr Geld zerstören.« Beim Studieren der Wirtschaftspresse kann man aktuell fast den Eindruck gewinnen, dass solch eine Situation unmittelbar bevorsteht. »Deutsche Importpreise heizen Inflation weiter an«, »Boom schürt Inflationssorgen« oder »Deutsche Banken warnen vor Inflation« lauteten einige Schlagzeilen.

Tatsächlich hat die Teuerung wieder angezogen. Im Euroraum legten die Verbraucherpreise im Februar um 2,4 Prozent zu. Damit bewegte sich die Inflationsrate zum dritten Mal in Folge über der Zielmarke der Europäischen Zentralbank (EZB) von unter zwei Prozent. Auch in Deutschland erreichte die Inflation erstmals seit Oktober 2008 wieder diese Marke. Grund dafür ist vor allem die Entwicklung auf den Rohstoffmärkten. Zuletzt haben die Unruhen in Nordafrika den Ölpreis stark steigen lassen. Auch Metalle wie Kupfer und Eisenerz sowie Nahrungsmittel haben sich deutlich verteuert. Einige Ökonomen malen schon wieder das Schreckgespenst der Inflation an die Wand und sehen die Teuerung im kommenden Jahr Richtung vier Prozent gehen.

Für Arbeitnehmer ist Inflation ein zweischneidiges Schwert. Einerseits können sie sich wegen der steigenden Preise weniger leisten, andererseits müssen sich die Gewerkschaften in Tarifrunden immer wieder anhören, dass wegen der Inflationsgefahr gerade keine Lohnerhöhungen drin seien. So mahnte EZB-Präsident Jean-Claude Trichet die Tarifpartner zu Lohnzurückhaltung und warnte vor einer Lohn-Preis-Spirale. Und Noch-Bundesbank-Präsident Axel Weber erklärte diese Woche, dass der Preisauftrieb beschränkt bleibe, wenn sich die Lohnsteigerungsraten im Rahmen hielten.

Grundsätzlich besteht ein Zielkonflikt zwischen Preisniveaustabilität und Vollbeschäftigung, wobei Monetaristen wie Axel Weber dem Ziel der Preisniveaustabilität den Vorrang geben. Deswegen sind sie im Zweifel für höhere Zinsen, die die Inflation drosseln sollen. Keynesianer hingegen plädieren für niedrigere Zinsen, um für mehr Wachstum und Beschäftigung zu sorgen. So kam es nicht überraschend, dass die monetaristisch ausgerichtete EZB im April die Zinsen erhöhen will, was Trichet kürzlich angedeutet hat.

Damit stößt er aber nicht überall auf Zustimmung. Der US-Ökonom Nouriel Roubini ist der Ansicht, dass die EZB sich zu stark um die Inflation sorge. Sie riskiere damit, die Leitzinsen zu früh anzuheben. Auch für Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz stellen die steigenden Energie- und Rohstoffpreise keine echte Gefahr dar. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt die BayernLB. In einer Analyse mit dem Titel: »Ist die Inflationsangst der Bürger begründet?« stellt Chefvolkswirt Jürgen Pfister fest, dass im Februar die Inflationsrate ohne die Energiepreise nur bei einem Prozent gelegen hätte. Ferner verweist er darauf, dass die für die langfristige Inflationsentwicklung maßgebliche Geldmenge M3 im Januar nur 1,5 Prozent höher gelegen habe als ein Jahr zuvor; mittelfristig gilt eine Ausweitung um 4,5 Prozent als stabilitätskonform. Dies müsste gerade Monetaristen ruhig stimmen, schließlich ist für sie Inflation ein rein monetäres Phänomen. Doch von ihnen hört man wenig zur Geldmengenentwicklung. Vielleicht passen die aktuellen Werte ja einfach nicht ins Bild.


Lexikon

Der Monetarismus ist das geldpolitische Konzept des Neoliberalismus, zurückgehend auf Milton Friedman. Notenbanken haben sich demnach um die Steuerung der Geldmenge, also der liquiden Mittel einer Volkswirtschaft, zu kümmern. Wächst diese im vorgegebenen Rahmen, bestehen keine Gefahren für Inflation und Wirtschaftswachstum. Der Monetarismus entstand in den 1970ern als Gegenentwurf zum Keynesianismus, der die finanz- und geldpolitische Stärkung von Konjunktur und Beschäftigung nahelegt. ND

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