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Lyrikerinnen übernehmen die Streitkräfte!?

Lokführer, die ITB und eine Kampagne der »Zeit« – Randnotizen zu drei Ereignissen dieser Tage

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Lokführer

Lokführer streiken. Die Volksseele köchelt: Wer von uns pünktlich kommen will, den bestrafen nun diese Streikenden, als wären sie das Leben. Das doch nur den bestraft, der zu spät kommt, und wer bislang gern zu spät kam, waren die mit ihren Zügen ...

Ein Wort geht mahnend um. Solidarität. Das ist eine Tugend und etwas Schönes, Gutes. Aber wenn man Letzteres zu oft betont, kommt Gefahr auf, Solidarität auch für etwas Selbstverständliches, Leichtes zu halten. Damit Solidarität den einen gut tun kann, muss sie anderen mitunter weh tun. Wie die Toleranz. Zu diesem Schmerz gehört die Einsicht, dass Demokratie zwar aufs Gemeinwohl, auf Gemeinsinn zielt, aber das heißt auch: für die Verträglichkeit der Egoismen zu sorgen, für deren Frieden miteinander. Auch jeder Streik ist Egoismus. Der Satz von der Unteilbarkeit der Welt gilt daher besonders, wenn Interessen anderer unseren Lebensrhythmus, unsere eigenen Interessen beeinträchtigen. Es gibt nun ein seltsames Missverhältnis zwischen den täglichen, ungebremst gepredigten Prinzipien, vor allem an sich zu denken, und jenen medial so entrüstet präsentierten Mahnungen, an alle zu denken – dann, wenn Müllmänner, Busfahrer, Lotsen, Lehrer streiken. Oder Lokführer. Freiheit und Gerechtigkeit? Das wird gern als Paar gesehen. Aber wer sich eine Freiheit nimmt (etwa die eines Streiks für höhere eigene soziale Gerechtigkeit), der wird sofort ungerecht gegen scheinbar Unbeteiligte. Logisch. Unangenehm.

Zukunft ist lediglich die Wiederholung der Gegenwart – die Welt draußen ändert sich langsamer zum Besseren als in den Köpfen (weil die Welt kleiner ist als das, was unser Hirn aus ihr zu machen vermag). So lange das so ist, wird Freundlichkeit, als gesellschaftliche Kategorie, sehr wesentlich darin bestehen, sie auszuhalten, sie mitzutragen: jeweils Streikende, die Lebensabläufe und -qualität durchkreuzen; Bettelnde, die Kaufhallentüren belagern; Obdachlose, die uns die Parkbänke nehmen; U-Bahngitarristen, deretwegen wir sogar schon die Beatles zu hassen beginnen; Flüchtlinge, die unsere Ufer stürmen; all die Störenden; alle, die uns auf die Nerven – gehen,uns auf der Tasche – liegen, uns im Weg – stehen; alle, die zuständig sind dafür, dass nur einer sitzt: der Ärger, und zwar tief.

Lokführers Lektion: Letztlich ist es immer wieder lächerlich, wie wenig doch geschehen muss, dasswir schon denken, es gehe um die nackte Existenz. Von Sabine Stefan

Kampagne der »Zeit«

Eine Renaissance hat heute nichts Riesenhaftes mehr. Allgemeine Verzwergung bewegender Ideen erzeugt, wo man sie überwinden will, nur kümmerliche Kopien von einst treibendem Geist. Das politische Gedicht etwa, es hat eine große Geschichte, es wagte sich an vorderste Fronten, dort freilich musste es auch grob und deutlich werden, dort verschliss es sich unweigerlich in Parteidienst und Propagandahilfe. Als die Ära der Ideologien verpuffte, atmete die Poesie auf; der Schriftsteller musste nicht mehr länger auch noch als Verstärker von Gesinnungstexten arbeiten. Das politische Gedicht fiel ins Schweigen.

Aber nun scheint etwas zurückzukehren: das Interesse der Poesie am politischen Geschehen. Ist es der Wille, politischer Verdrossenheit etwas entgegenzusetzen? Sehnsucht nach gesellschaftlichem Eingriff? (Und sei es nur die Illusion davon: weg von der Selbstbespiegelung!). Die Hamburger »Zeit« jedenfalls wird übers gesamte Jahr »neue Gedichte über Politik« drucken, von sechs Lyrikerinnen und fünf Lyrikern. Im Vortext der Serie heißt es: »In der DDR hielt sich der politische Impuls der Dichtung länger; gegen die Diktatur zu schreiben, entwertete das Dichten nicht, im Gegenteil. Doch im Westen musste Politik meist mit der Brechstange zwischen die Verse gedrückt werden.« Nun soll Poesie die Neugier auf Politik wieder wecken. Und Beteiligungslust an gesellschaftlicher Teilnahme. Unter berückendem Titel: »Macht, Gedichte.« Und die FAS stellte ihr jüngstes Feuilleton gänzlich unter die Devise: »Plädoyer für eine Literatur, die sich wieder einmischt«.

Die »Zeit«-Poeten werden sich hineinbewegen in die Sphäre des politischen Geschäfts, werden Abgeordnete, Parteigrößen treffen. Eine Dichterin will unbedingt in die Bundestagskantine – der Bitterfelder Weg hat viele Abzweige. Dichtung als Praktikum in der beamteten Elite? Ist das schon Ankunft in der Realität? In Frankreich gibt es flammende Empörungs-Pamphlete, Dramatikerin Yasmina Reza begleitete den Präsidenten Sarkozy – nun schnuppern auch deutsche Poeten an der Ödluft dieser Stillstandsumwälzanlage Politik.

Wissenschaft fordert Opfer. Politik hat sie immer schon – da liegt der Stoff. Monika Rinck in der »Zeit«: »Selig sind die Lyrikerinnen, denn sie werden die Streitkräfte übernehmen./ Sie werden die Befehle verklausulieren, bis sie einschlagen wie Bomben.« Ob sie sehr oder nur vage politisch wird – immerhin darf Poesie bei allem, was sie anstellt, das tun, was woanders der politischste der Träume ist: ihre Freiheit feiern. Von Jan Helbig

ITB

In Berlin war jetzt wieder weltumspannende Tourismus-Börse. Sie kämpft jährlich grell, tapfer, raffiniert gegen eine Wahrheit, zu deren Urhebern der Fremdenverkehr selber gehört: Im Grunde schafft sich der Mensch mehr und mehr ab – auch in dem, was er sich an flüchtiger und flüchtiger werdenden Eindrücken anschafft. Auf dem Fließband der Tourismusbranche wird nicht gereist, man wird transportiert.

Wir brechen auf, wohin auch immer, von Flughäfen oder Bahnhöfen, die haargenau denen des Ankunftsortes ähneln. Wir streifen durch Innenstädte und Einkaufspassagen, eines die Kopie des anderen. Wir übernachten in Hotels und Ferienhäusern, die aus aller Welt ein immer gleiches Zimmer machen.

Am Ziel sitzen alle gleich Aussehenden, das Gleiche trinkend, in der ebenfalls immer gleich aussehenden Lounge-Bar der ebenfalls immer gleich gestalteten Beach Ressorts und brüten über das ewige Missverhältnisses von Erwartung und Erfüllung derselben.

In einer Ökonomie, deren wichtigste Konstante der Wandel ist, scheint es immer weniger Sinn zu machen, sich zu konzentrieren. Und in bestimmten Branchen spricht man schon vom »lifetime value« eines Konsumenten – als einem Maß für jene Werte, die sich mit einem Menschen schöpfen lassen, wenn jeder Augenblick seines Lebens in irgendeiner Form hurtigst vermarktet wird. Im neuen Zeitalter kaufen die Menschen quasi ihre Existenz, in kleinen kommerziellen Segmenten.

Aber alles ist wieder einmal wunderbar dialektisch. Denn: Just der Ostmensch weiß, wie verhängnisvoll Reiselosigkeit ist. Man ist sich daheim einfach zu nah. Immer in den eigenen vier Wänden, das ist die Villa Verfolgungswahn. Hätte der Bürger des Sozialismus schon die Chance gehabt, ins Gegenteil zu reisen, wer weiß ...

Trotzdem: Man kann die Welt auch bewohnbarer machen, indem man mit einer unerfüllten Sehnsucht in ihr bleibt. Bewundernswert der ganz auf Fußreisen eingestellte Dichter Robert Walser, der es ablehnte, sich von Walter Rathenau zur Reise in die Südsee einladen zu lassen. Bäume reisen ja auch nicht, soll er gesagt haben.

Draußen zerstreut man sich erst, dann verliert man sich. Schlimm. Oder gut: Das Eigene wird einem fremd – bis man den, der man daheim ist, nicht mehr ohne weiteres versteht. Das Anregendste, was einem passieren kann. Im Urlaub, der von Land zu Land jagt, bleibt dies Glück aus.

Fort zu sein, ohne reisen zu müssen, das wär's. Von Hans-Dieter Schütt

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