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In Sendai stirbt die Hoffnung, Überlebende zu finden

Die Angst vor Nachbeben ist größer als die Angst vor einer Kernschmelze

  • Von Sebastian Maslow, Sendai
  • Lesedauer: 3 Min.
In der Millionenstadt Sendai, die dem Epizentrum des Erdbebens am Freitag am nächsten lag, ist die Hoffnung aufgegeben worden, noch Überlebende des Bebens und des folgenden Tsunamis zu finden. Allein in der Region dürften Zehntausende ums Leben gekommen sein. Die Strahlungswerte sind in Sendai noch nicht beunruhigend hoch.

In der Katastrophenregion um Sendai ist mit den Aufräumarbeiten begonnen worden. Allein in der Präfektur Miyagi rund um die Millionenstadt im Norden Japans sollen nach Angaben der Präfektur mindestens 10 000 Menschen ums Leben gekommen sein. Doch wenn man berücksichtigt, dass allein 2000 Leichen bereits an Land gespült worden sind, dürfte die Zahl der Opfer wohl eher doppelt so hoch sein.

In der Region an der Pazifikküste leben viele alte Menschen, weil dort die Bodenpreise niedriger sind als anderswo in Japan. Viele von ihnen hatten sich am Freitag nicht mehr rechtzeitig vor den Wassermassen in Sicherheit bringen können. Die Hoffnung, doch noch Überlebende zu finden, ist am Montag aufgegeben worden. Mehr als 72 Stunden hält es kaum jemand ohne Hilfe aus, zumal die Nächte noch immer empfindlich kalt sind.

Das ganze Ausmaß der Zerstörungen, die der Tsunami tatsächlich angerichtet hat, lässt sich noch immer nur schwer beurteilen, da die Regierung den Zugang zu den am stärksten betroffenen Gebieten gesperrt hat, gerade auch für ausländische Journalisten.

Die Bergungsarbeiten konzentrieren sich derzeit auf die Küstenregion. Dort ist auch ein Team des Deutschen Technischen Hilfswerks eingetroffen. In Sendai hatten viele örtliche Organisationen die ersten Hilfsmaßnahmen organisiert, noch bevor die staatliche Hilfe eingesetzt hatte. Eine solche Hilfe zur Selbsthilfe wird in Japan immer wieder bei Katstrophenübungen geprobt.

Wasser, Strom, Telefon nur sporadisch

In Sendai selber normalisiert sich das Leben. Es gibt immer wieder mal Strom, an recht vielen Stellen auch Wasser. Die Gasversorgung dürfte für viele Monate unterbrochen sein. Das Mobilfunknetz funktioniert sporadisch. Die Banken haben seit Sonntag wieder geöffnet. Kunden können dort unbürokratisch Geld abheben. Wenn die Bankkarte fehlt, reicht eine Identitätskarte, um an das eigene Geld zu kommen. Die Versorgung ist allerdings noch nicht sichergestellt. Es gibt zwar genügend Wasser, aber noch nicht genügend Lebensmittel. Vor den Supermärkten harren die Menschen immer noch bis zu vier Stunden aus, um einkaufen zu können. Die Zahl der Bewohner, die auf Notunterkünfte angewiesen sind, ist inzwischen auf 90 000 gestiegen. In der ganzen Region Tohoku, die außer der Präfektur Miyagi den Norden der Insel Honshu umfasst, mussten 430 000 Menschen ihre Wohnungen verlassen.

Strahlenwerte noch nicht beunruhigend

Die Wahrscheinlichkeit neuer Beben, die eine Stärke bis zu 7 auf der Richterskala erreichen könnten, wird von den Behörden auf 70 Prozent geschätzt. Dementsprechend ist die Angst der Einheimischen vor Nachbeben größer als die Angst vor einer Reaktorkatastrophe. Am Montag jedenfalls waren die Strahlenwerte nach offiziellen Angaben nur leicht erhöht. Die Menschen in Sendai vertrauen auf Aussagen wie die eines US-amerikanischen Experten, der an der Universität Sendai arbeitet: Auch bei einer Kernschmelze würde nur die unmittelbare Umgebung geschädigt werden. Es mag unwahrscheinlich anmuten, doch in Sendai sprechen viele Leute angesichts der Medienaufmerksamkeit für die Unfälle in den umliegenden Kernkraftwerken von »Panikmache«.

Ausländer werden evakuiert

Selbst wenn weitere Katastrophen ausbleiben, dürften die Aufräumarbeiten Wochen, wenn nicht Monate dauern. Der Bahnhof von Sendai beispielsweise ist unbenutzbar, weil Deckenplatten heruntergefallen sind. Während die Schäden in der Innenstadt überschaubar sind, weisen außerhalb des Zentrums zahlreiche Gebäude starke Risse auf. Viele von ihnen werden unbewohnbar bleiben. Die Universität ist bis mindestens Ende April geschlossen. Dort werden wohl ganze Gebäude abgerissen werden müssen.

Ausländer werden inzwischen aus der Katastrophenregion gebracht. Die deutsche Botschaft in Tokio hat drei Schulbusse über die verstopften Autobahnen nach Sendai geschickt, um Deutsche und andere Ausländer nach Tokio zu bringen. Für die Betroffenen ist das ein Privileg, Einheimische haben derzeit keine Möglichkeit zu reisen. Die südkoreanische und die US-Botschaft haben Außenstellen in Sendai eingerichtet.

Sebastian Maslow ist Doktorand der Politikwissenschaften an der Tohoku-Iniversität Sendai.

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