Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Der Zauber verschmolzener Farben

In der sächsischen Lausitz wird eine seltene Glasmachertechnik lebendig gehalten

  • Von Anett Böttger, dpa
  • Lesedauer: 3 Min.
Anfang des vergangenen Jahrhunderts war die Lausitz Zentrum der Glasmacherkunst. Nach der Wende lag die Glasindustrie am Boden. Nun will sich ein Glasgestalter aus Bad Muskau mit einer fast vergessenen Handwerkskunst neue Märkte erschließen.

Weißwasser. Filigran und äußerst elegant wirkt das Abbild Fürst Pücklers mit einer Dame auf der bauchigen Vase. Den Schöpfer des zum Weltkulturerbe gehörenden Muskauer Parks hat Gotthard Petrick wie einen Scherenschnitt auf Glas verewigt. Der 59-Jährige bedient sich einer fast vergessenen Technik, dem sogenannten Arsall-Verfahren. Dabei werden mehrere Farbschichten übereinander verschmolzen, bevor der Gestalter das Glas bearbeitet. Offenbar beherrscht Petrick diese Kunst als einziger in Deutschland. »Das Wissen darüber ist anderswo nicht mehr vorhanden«, sagt der Ingenieur für Glastechnik.

Die Arsall-Technik hat sich Petrick durch jahrelange Recherchen und Ausprobieren mühsam angeeignet. »Der Ursprung der Gläser mit verschiedenen Farbschichten liegt in Frankreich«, sagt der Bad Muskauer. 1918 brachten Glasmacher das spezielle Wissen nach Weißwasser. Der Ort war nach dem Anschluss an die Bahnstrecke Berlin – Görlitz im Jahre 1867 zu einem Zentrum der Glasproduktion aufgestiegen. Reiche Vorkommen an Quarzsand, Ton, Holz, Alaun und Braunkohle lockten Glasmacher aus Böhmen, Schlesien und dem Elsass in die Gegend. Bis 1904 entstanden elf Glashütten, fünf Glasraffinerien, eine Spiegelfabrik, eine Glasschablonenfabrik und viele Zulieferbetriebe.

Zehn Jahre Arbeit

Farbige Gläser, meist mit floralen Dekoren, wurden bis 1929 in der »Arsall-Werkstatt« der Vereinigten Lausitzer Glaswerke AG in Weißwasser hergestellt, berichtet Elvira Rauch. Sie leitet das Glasmuseum der Stadt. Ehrenamtlichem Engagement ist es zu verdanken, dass es die sachsenweit einzigartige Einrichtung überhaupt gibt. Als die Lausitzer Glasindustrie nach der Wende nahezu zusammenbrach, schlossen sich ehemalige Fachkräfte der Branche in einem Förderverein zusammen. In der Villa eines früheren Glasfabrikanten bauten sie das Museum auf, das 1996 öffnete. Zwar wird das Haus von der Stadt getragen, doch an den Wochenenden übernehmen regelmäßig Vereinsmitglieder die Aufsicht, darunter auch Petrick.

Immerhin noch zwei Glasbetriebe setzen die Tradition der Branche in Weißwasser fort. Längst geschlossen ist Bärenhütte, in der Petrick als technischer Leiter seinerzeit die Arsall-Tradition wiederbeleben wollte. Später forschte der heute selbstständige Berater in seiner Freizeit weiter an dem Thema. »Mehr als zehn Jahre habe ich gebraucht, um zu einem akzeptablen Ergebnis zu kommen«, gesteht Petrick. »Wenn die Farben untereinander nicht stimmen, platzt das Glas.« Mit Ätzen, Schleifen und Polieren vollendet er die Rohlinge zu Kunstwerken. Vom Verkauf seiner Produkte der Marke »Gotthard-Glas« kann er bisher nicht leben. Doch er ist optimistisch: »Wir arbeiten daran.«

Ein besonderes Licht

Das verschiedenfarbige Glas lässt Petrick zum Teil in der Werkstatt von Dieter Tusche herstellen. Der Mann aus Rietschen ist der vorerst letzte Mundglasmachermeister in der Lausitz. Er beherrscht zugleich die alte Kunst, mundgeblasenes Tellerglas herzustellen. Das ist besonders in der Denkmalpflege sehr begehrt. Für Schlösser, Burgen und historische Baudenkmale in ganz Deutschland, aber auch in Österreich und Polen hat der Handwerker originalgetreue Scheiben gefertigt.

Die historische Technik lernte Tusche von einem Zunftkollegen aus Görlitz, der das Verfahren wiederentdeckte. »Das Licht, das durch mundgeblasene Scheiben fällt, sorgt für eine besondere Raumatmosphäre«, sagt der Glasmacher Rainer Trumpf. Am Glasschmelzofen steht er selbst jedoch schon lange nicht mehr. Seine Werkstatt in der Görlitzer Altstadt übernahm Dieter Tusche.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln