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Zeit vertreiben, Zeit bündeln

Ein Blick zurück auf die Leipziger Buchmesse 2011

W as stimmt nun? War Japan, war Libyen auf dieser Leipziger Buchmesse »sehr präsent« (Andreas Fanizadeh, taz) – oder wandelten »die Kulturträger Deutschlands phlegmatisch durch die Hallen« und dachten »nicht daran, die Ereignisse zu spiegeln« (Daniel Haas, FAZ)? Die Antwort liegt im Auge des Betrachters, der immer sieht, was er sehen will und alles – auf einer Veranstaltung dieses Ausmaßes – gar nicht sehen kann.

Hastig anberaumte Sonderveranstaltungen zur Atomkraft hat es, so weit wir sahen, nicht gegeben. Aber Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung strich einen Teil seiner vorbereiteten Eröffnungsrede und zitierte stattdessen Christa Wolfs »Störfall«. Aufgebrachte Debatten fanden allenfalls am Rande statt. Aber im Manga- und Comicbereich schritt eine Gruppe Jugendlicher schweigend in japanischen Kostümen durch die Gänge und bot den Entgegenströmenden »Free Hugs for Japan« an – kostenlose Umarmungen. Eine Demonstration für oder wider das Kriegsmandat gegen Gaddafi hat niemand organisiert. Aber vielerorts konnte man Zeuge werden, wie in spontanen Gesprächen um Positionen gerungen wurde.

Unzweifelhaft waren die Reibungsflächen zwischen allem, was Kunst heißt, und allem, was sich Gegenwart nennt, auf dieser Leipziger Buchmesse so aufgeladen wie auf keiner der unmittelbar vorangegangenen. Es nötigt höchsten Respekt ab, dass dabei niemand zerrieben worden ist. Politische Brandreden fanden ihren Platz genauso wie nüchterne Weltzeichnungen; weit in die Vergangenheit leuchtende Erzählungen kamen ebenso zu ihrem Recht wie Schilderungen des unmittelbar Erlebten; Unterhaltung und Aufklärung lebten das friedlichste Nebeneinander. Der Vorwurf, der Literaturbetrieb sperre sich gegen den Einbruch einer drängenden Aktualität, ist so absurd wie die Anklage gegen ein impressionistisches Aquarell, es bilde die Wirklichkeit nicht in derselben Schärfe ab wie eine Fotografie. Ein Sachbuch ist kein Zeitungskommentar. Ein Comic ist keine Nachrichtensendung. Ein Roman ist keine Dokumentation. Ein Gedicht ist kein Blog.

In welch verschiedene Richtungen das geschriebene und gesprochene Wort sich selbst in ein und derselben Textgattung bewegen kann, war in Leipzig am Beispiel der Lyrik zu erleben, die hier auffällig selbstbewusst ihre vielen Stimmen erhob. Selbst Tierstimmen waren darunter. Lokalmatador Clemens Meyer, der zur Leipziger Buchmesse gehört wie die geöffnete Bierflasche zu ihm, war diesmal nicht mit neuen Erzählungen zur Stelle, sondern als Übersetzer jener »Gedichte von Hunden« , die US-amerikanische Autoren ihren Tieren angedichtet haben. Ahne, Urgestein der Berliner Lesebühnenszene, hielt bei seiner alljährlichen Strandung auf der »Leseinsel der jungen Verlage« diesmal »Gedichte, die ich mal aufgeschrieben habe« in den Händen und trug etwa dieses vor: »Endlich wieder weinen können/ wünsch ich./ Tränen, die befrei'n./ Lass die Zwiebel stecken, Mutter!/ Von alleine/ soll es sein.« Auch Dietmar Dath, an dessen statt auf jeder Buchmesse mindestens eine seiner Neuerscheinungen zu entdecken ist – meist ein Roman –, trat diesmal in Gestalt seines Lyrikdebüts »Gott ruft zurück« in Erscheinung, darin er sich formal zum tot geglaubten Endreim bekennt.

Autoren hatte die Lyrik immer auf ihrer Seite. Aber ein Publikum? Aufrichtig verblüfft waren die Veranstalter der Lyriknacht in der Hochschule für Grafik und Buchkunst über den Andrang. Etwa zweihundert Menschen lauschten vier Abendstunden lang konzentriert der auch artikulatorisch höchst professionellen Gedichtlesung von Nadja Küchenmeister, Ulrike Almut Sandig, Daniela Seel und anderen – sensible, assoziative Verse, deren Schönheit und Tiefe sich nicht in der Beschreibung dinglicher Oberflächen erschöpft. Worte eher wie neuste Musik, der zu folgen ein Einlassen auf unbedingte Anstrengung erfordert.

Einen wunderbaren Einblick in die Gegenwartsliteratur des Gastlandes Serbien gewährte der Belgrader Erzähler, Essayist und Kritiker Mihajlo Pantic. Wie die Gesellschaft, so befinde sich auch die Literatur seines Landes in einem »Transitionsprozess«, als dessen deutlichstes Anzeichen Pantic die Überproduktion literarischer Werke ausmachte. Der schiere Pluralismus der Stimmen, verbunden mit der rasanten Beschleunigung technologischer Möglichkeiten, erzeuge einen Marktdruck, der die Verkäuflichkeit eines Buches höher veranschlage als seine Qualität. Das Ganze im Auge zu behalten sei inzwischen unmöglich. Pantic konstatierte das nüchtern – wie einen Verlust, der schmerzt, aber nicht abzuwenden ist. Den besten Teil der serbischen Gegenwartsliteratur machte er – in der Lyrik aus. Das am wenigsten Marktgängige als Hort literarischer Qualität?

Serbien, so Pantic, sei ein Ort, an dem vieles, was überall gilt, deutlicher zu sehen ist als anderswo: »Die Literatur sucht nach einer neuen gesellschaftlichen Funktion, die der gesellschaftlichen Wirklichkeit entspricht.« In den hunderten Spielarten des geschriebenen Wortes, die es auf der Leipziger Buchmesse zu besichtigen gab, lassen sich immer wieder zwei Grundformen der Literatur erkennen: Die eine erfüllt die Funktion, Zeit zu vertreiben. Die andere will das Gegenteil: Zeit festhalten, bündeln, in Schichten über- und ineinanderschieben. Dass Literatur unterhalten oder belehren kann, erbauen oder nutzen – im besten Falle aber beides zugleich –, das postulierte schon Horaz in seiner »Ars Poetica«. Unsinnig ist es, den introspektiven Dichter über den investigativen Sachbuchautor zu erheben, den Großschriftsteller über den Manga-Maniac. Die Literatur als Ganzes kann auf keinen von ihnen verzichten.

Dass sie alle in Leipzig so dicht zusammenkommen, sich immerzu in den hallenverbindenden Glasschläuchen begegnen, einander vielleicht belächeln, aber nicht verachten – das ist die Botschaft, die diese Veranstaltung aussenden kann. Es ist dies, auch, eine politische Botschaft.

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