Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Keine Zahlen zu »Castor und Krebs«

Niedersachsens Sozialministerin: Nicht alle Erkrankungen im Wendland gemeldet

  • Von Hagen Jung, Dannenberg
  • Lesedauer: 3 Min.
Sind seit Betriebsbeginn des atomaren Zwischenlagers 1995 in Gorleben in der Umgebung der Anlage mehr Menschen als zuvor an Krebs erkrankt? Dazu gibt es keine aussagefähigen Zahlen. Warum das so ist, wollten Atomkraftgegner im Wendland von Niedersachsens Sozialministerin Aygül Özkan (CDU) wissen.

Knapp zwei Stunden lang tat Niedersachsens Sozialministerin Aygül Özkan (CDU) am Dienstag auf einer CDU-Veranstaltung in Dannenberg kund, wie viel Gutes die schwarz-gelbe Landesregierung mit ihrer Gesundheitspolitik leiste. »Pflege und ärztliche Versorgung« war der Diskussionsnachmittag überschrieben. Doch das Erscheinen der Ministerin hatte auch Besucher angelockt, die an einem ganz anderen Thema interessiert waren: an möglichen gesundheitlichen Auswirkungen des in Castor-Behältern gelagerten hochradioaktiven Mülls in Gorleben.

Özkan war schon fast am Aufbruch, als die Vorsitzende der Bürgerinitiative Umweltschutz (BI), Kerstin Rudek, Fragen zu »Castor und Krebs« stellen wollte. Zwar war dies nicht geplant, doch wurde der Bitte entsprochen, denn: Wer auf der politischen Bühne, gleich welcher Couleur, wird schon in den Tagen der Fukushima-Katastrophe etwas atomkritisches abwürgen?!

Schon Anfang Dezember 2010, so erinnerte die BI-Vorsitzende, hatte die Initiative schriftlich beim Sozialministerium angefragt, ob es sich um Daten über Krebserkrankungen im Raum Gorleben kümmert. Monate lang gab es keine Reaktion aus Hannover. Doch am Montag, genau einen Tag vor dem Auftritt der Ministerin in Dannenberg, erhielten die Atomkraftgegner einen Antwortbrief. »Das hat nichts mit meinem Besuch hier zu tun«, beteuerte Özkan, »sondern mit einem Fehler in meinem Haus.«

Was das Sozialministerium tue, um aussagekräftige Zahlen zu »Gorleben und Krebs« zu bekommen, wollte Kerstin Rudek wissen: »Wir haben hier eine überproportionale hohe Erkrankungsrate von Kindern an Krebs.« Die Häufung sei ähnlich wie in der Umgebung des Atomkraftwerkes Krümmel in der Elbmarsch. Dort und auch im Umfeld des maroden Atommülllagers Asse hatte das Epidemiologische Krebsregister Niedersachsen – eine Institution des Landes – eine erhöhte Zahl von Leukämie-Fällen festgestellt.

Analysen zu Krebserkrankungen und -quellen seien nur möglich, so die Ministerin, wenn die Erkrankungen dem Krebsregister vollzählig gemeldet werden. Aus Lüchow-Dannenberg seien von Ärzten nur 31 Prozent der Fälle mitgeteilt worden. »Das ist die schlechteste Melderate, die wir in Niedersachsen haben.« Im Bereich Asse habe diese Rate bei 95 Prozent gelegen. Ein Problem für die Ärzte sei die Vorschrift, dass sie die Erkrankungen nur mit Zustimmung der Patienten melden dürfen. »Wir bereiten ein Gesetz vor, das Ärzte und Krankenhäuser zur Meldung von Krebsfällen verpflichtet«, sagte die Ministerin. Angestrebt sei zudem ein »kleinräumiges Monitoring« mit »Sonderauswertungen«, etwa an Orten mit kerntechnischen Anlagen. »Wenn wir dann feststellen, dass bestimmte Krebsarten auffällig sind, kann die Ursachenforschung beginnen«, erklärte Aygül Özkan.

Auch im verspäteten Brief aus dem Ministerium war etwas zum Thema »Ursachen« zu lesen, ein Satz, der bei den Bürgerinitiativlern nur Kopfschütteln auslöste: »Bisher gibt es keinen nachgewiesenen Kausalzusammenhang zwischen Krebs-Neuerkrankungen und der Nähe zu kerntechnischen Anlagen«. Dies, so die Umweltschützer, sei eine »Killerphrase, mit der das Sozialministerium die Besorgnisse der Anwohner von Atomanlagen beiseite wischt«. Die wirksamste Form der Krebs-Vorsorge, bekräftigt die BI, sei der Verzicht auf Atomkraft.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln