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Wenn ...

Nordhausen: »Ballettgeschichten«

  • Von Volkmar Draeger
  • Lesedauer: 2 Min.

Kann Tanz seine Rolle erfüllen, wenn er keine erzählbaren Geschichten mehr darstellt? So fragt Anja Eisner im gründlichen Programmheft für einen Zweiteiler in Nordhausen.

Bisher reüssierte Jutta Ebnother (früher Wörne) als Choreografin in von realen Personen inspirierten Stücken. Nun verlässt sie Erzählstrukturen und hat Nick Hobbs als Co-Choreografen eingeladen. »Ballettgeschichten« heißt, was weder Ballett präsentiert noch Geschichten berichtet, aber Inhalte, Stimmungen, Emotionen vermittelt, dazu den klassisch geschulten und zeitgenössisch bereicherten Tänzerkörper braucht.

Gekräuselt wie aus verfestigten Wolkenstores ist Wolfgang Kurima Rauschnings Bühne: ein fast klinischer Raum, dem farbiges Licht Atmosphäre verleiht. Auch Ebnothers Halbstünder »Violet Spring« hat Farbe schon im Titel und wird von Aaron Coplands »Appalachian Spring« sowie von »Tongue of Secrets« und »It's Name is Secret Road« des Norwegers Jan Garbarek getragen.

Huldigte Martha Graham zu der Komposition 1944 US-amerikanischem Pioniergeist, steht hier eine Frau im Mittelpunkt. Zu Flöte, dann dunklen Streichern liegt sie, ehe sie ihren Lichtzirkel verlässt, sich expressiv, dynamisch in den Raum und die menschliche Gemeinschaft begibt. Mit zerlegter und geschmeidig neu gefügter Bewegung wird aus Silhouetten Einzelner eine flink, bisweilen fröhlich agierende Gemeinschaft, in der Individuen ihre Besonderheit behaupten: in Jonathan dos Santos' präzisem Solo, einem Duett tastender Liebe, einem eifersüchtigen Trio. Machtvoller Marsch vereint alle neun Tänzer; während sich die Gruppe langsam zurückzieht, verharrt Solistin Nina Monteiro im Ausfallschritt, die Arme erwartungsvoll ausgebreitet. Etwas hat der Kontakt mit anderen in ihr verändert. Auch Ebnother beschreitet mit dem Poem auf die Kraft der Gruppe choreografisch neue Wege, legt eine ihrer besten Schöpfungen vor.

Weiter in Richtung einer emotional verdichteten sinfonischen Struktur geht Hobbs mit »White Man Sleeps«. Den Namen übernahm er von Kevin Volans' in Durban 1982 uraufgeführtem Streichquartett Nr. 1. Dessen fünf Sätze verarbeiten, daheim in Südafrika entsprechend verfemt, Musikstile der Farbigen, Akkordeon, Panflöte, ein Saiten-Blasinstrument einsetzend. Wenn der weiße Mann schlief, musste ohne Musik getanzt werden. In Hobbs Konstruktion schälen sich aus einer Nebelwelt schattenlos Gestalten. Wandern ins Land der Begegnungen. Höhepunkt: eine Kaskade differenzierter Soli und Duos in der Geborgenheit aufleuchtender Scheinwerferkegel. Auch Witz transportiert Hobbs, erkennt die Stärken der Tänzer. Haben sie mit fixen Schwüngen, Wendungen, den komplexen, oft winzigen Bewegungen als Gruppe ihre Not, wirken sie in der kleinen Form sicherer.

Das Ende gestaltet brillant zwischen Zorn und Angst dos Santos, der hochtalentierte Brasilianer, der die »Ballettgeschichten« zu »seinem« Abend macht.

Nächste Vorstellungen: 8.4., 14.5.

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