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Neuer Stil nach 58 schwarzen Jahren

Winfried Kretschmann wird erster grüner Landesvater der Republik

  • Von Barbara Martin, Stuttgart
  • Lesedauer: 6 Min.

Für manchen Baden-Württemberger sind am vergangenen Sonntag Albträume wahr geworden. Die Dagegen-Partei, wie die CDU die Grünen im Wahlkampf gerne betitelt hat, ist an der Regierung. Einem SWR-Reporter, der in einer Bäckerei im Schwarzwald Kunden fragte, was sie denn von der neuen grün-roten Landesregierung erwarteten, antwortete ein Mittvierziger: »Jetzt wird alles teurer. Das ist mal klar.« Vor allem in den ländlichen Gebieten überwiegt die Skepsis. Was soll schon Gutes kommen von diesen Grünen, außer Fahrradhelmpflicht und rigidem Rauchverbot? Gewonnen haben die Ökos die Wahl in den Städten. Dort erwartet man gespannt eine neue Zeit mit dem designierten Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann. Der 62 Jahre alte Gymnasiallehrer, der sich selbst als wertkonservativ bezeichnet, symbolisiert nun den Aufbruch im Südwesten.

Urgestein und bekennender Realo

Dabei ist Aufbruch wahrlich nicht das erste, was einem einfällt, wenn man Winfried Kretschmann begegnet. Der lang aufgeschossene Mann gehört rein äußerlich eher zur langsam-bedächtigen Sorte Mensch. Er spricht langsam und wenn er keinen guten Tag hat, sind seine Reden nur mühsam durchzuhalten. An guten Tagen dafür horcht selbst der politische Gegner interessiert auf und mit Respekt zu.

Kretschmann hat die Grünen in Baden-Württemberg mitbegründet und gehörte zu den sechs Abgeordneten, die 1980 als erste Grüne in das Parlament eines Flächenstaates einzogen. Seitdem ist er mit zwei Legislaturperioden Unterbrechung Parlamentarier, seit 2002 Fraktionsvorsitzender. Dass die baden-württembergischen Grünen als Realos gelten, ist auch Kretschmanns Werk. Zwar gehörte er wie viele heute gut versorgte Politiker und Gewerkschaftsfunktionäre in den 68er Zeiten zu linksradikalen, kommunistischen Gruppen, doch das bezeichnet Kretschmann auf seiner Website als einen »fundamentalen politischen Irrtum«. Immerhin wurde der Student von der Schwäbischen Alb damals politisiert und diese Leidenschaft hat ihn auch in seinen Lehramtszeiten nicht losgelassen. »Ich weiß noch: In der letzten Chemiestunde, bevor er in den Landtag einzog, hat er mit uns Umweltschutz behandelt«, berichtet ein ehemaliger Schüler von Kretschmann. »Mein Vater hat danach gemeint, er habe mit uns das grüne Wahlprogramm durchgenommen. Ich fand das gut.«

Nicht nur der Lehrerberuf zeigt: Kretschmann ist ein Vermittler. Seine behäbige Art und Geduld, gepaart mit Bildung und einem scharfen Verstand, lässt ihn manche Debatte gewinnen. Und seine Bescheidenheit kommt im pietistisch geprägten Schwaben gut an. Obwohl Kretschmann Katholik ist. Und zwar aktiver. Er ist Mitglied im Zentralkomitee der Deutschen Katholiken und als Noch-Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) im vorigen September zum Papst durfte, war in der Delegation selbstverständlich auch Kretschmann dabei. »Wenn der ›Papst‹ hört, ist alles andere vergessen«, spottet ein Fraktionskollege, allerdings durchaus liebevoll, nach dem Motto: »Eine Schwäche hat jeder«.

Religion wird in der künftigen Politik sicher eine untergeordnete Rolle spielen. Kretschmann hat einen neuen Politikstil angekündigt. Er will erst mit den Bürgern reden und dann entscheiden. Er will auch echte Debatten im Landtag. »Wenn die CDU eine konstruktive Oppositionspolitik macht, werden wir sie nicht so behandeln, wie sie uns«, kündigte er in einer Pressekonferenz zwei Tage nach der Wahl an. »Gute Vorschläge werden übernommen.« Er zähle sich zur Spezies der »Verfassungspatrioten«, erklärte Kretschmann. Und dazu gehöre für ihn eine Stärkung des Parlamentes. »Es muss wieder erste Gewalt im Staate werden.«

Das hört sich alles sehr gut an. Was Kretschmann gemeinsam mit der SPD tatsächlich durchsetzen kann, bleibt abzuwarten. In diesen Tagen haben die Koalitionsverhandlungen angefangen und Kretschmann weiß, dass dies Kompromiss bedeutet. »Das ist in der Demokratie so«, sagt er dann gerne und oft. Eine ganze Journalistenschar ist Anfang vergangener Woche aus der gesamten Republik nach Stuttgart gereist, um den neuen Grünen-Star zu erleben. Gut gelaunt ist Kretschmann nach der gewonnenen Wahl und so kommen auch seine Antworten gut an. »Wie lange Probezeit geben Sie sich? 100 Tage oder mehr?«, möchte ein Journalist wissen. Kretschmann wendet sich ihm zu, lächelt und sagt: »Wenn Sie uns 150 geben, würden wir uns freuen.« Allgemeines Gelächter.

Grüne machen jetzt auch Wirtschaft

Kretschmann konnte sich lange ein Bündnis mit der CDU vorstellen. Die machen Wirtschaft, wir Ökologie, so in etwa lautete die Idee. Mit dem Mappus-Vorgänger Günter Oettinger (CDU) hat er schon mal versucht, Koalitionsverhandlungen zu führen. Die scheiterten nicht zuletzt am Störfeuer von Stefan Mappus. Lange kam auch in diesem Wahlkampf immer wieder Misstrauen auf: Würden die Grünen mit Kretschmann an der Spitze wirklich nicht mit den Christdemokraten regieren wollen? Doch die Auseinandersetzung um Stuttgart 21 und die Verlängerung der AKW-Laufzeiten machten es den Grünen – und auch Kretschmann – unmöglich, diese Option in Betracht zu ziehen. Nun müssen also die Ökos Wirtschaft machen. Selbst da sind sie mittlerweile ordentlich aufgestellt. Viele der mittelständischen Maschinenbauer haben seit geraumer Zeit begriffen, dass die Zeichen auf Energieeffizienz stehen. Firmen, die ganze Windräder oder Teile dafür bauen, fänden es gut, wenn ihre Produkte auch im Ländle selbst Anwendung finden würden. Als Kretschmann im Wahlkampf Unternehmen besuchte, war manchem Geschäftsführer offensichtlich sehr bewusst, dass er den potenziellen nächsten Landesvater empfing.

Aufbruch oder Konsenssoße?

Winfried Kretschmann genießt also Ansehen, sein unprätentiöser Stil kommt gut an. Im Gegensatz zu den Frauen von Mitwahlkämpfer Nils Schmid (SPD) und Gegner Stefan Mappus ist Kretschmanns Ehefrau Gerlinde nicht im Wahlkampf aufgetreten. So bekam mancher erst am Wahlabend mit, dass der Ober-Grüne verheiratet ist und drei erwachsene Kinder hat.

Dem 62-Jährigen dürfte nach 30 Jahren geduldiger Oppositionsarbeit bewusst sein, dass der momentane Hype um ihn bald ein Ende haben wird. Natürlich ist auch Kretschmann eitel und genießt die aktuelle Aufmerksamkeit. Andererseits ist der Gymnasiallehrer kein Show-Mensch. »Politik macht keinen Spaß, Politik macht Sinn«, hat er in einem Interview mit dem österreichischen »Standard« gesagt. Vor ihm und der neuen Regierung liegen schwere Aufgaben. Wie können ein neuer Politikstil und eine neue Politik in einem Land durchgesetzt werden, das fast 60 Jahre lang schwarz regiert war? Die Landräte sind CDU, in den Gemeinderäten dominieren CDU und Freie Wähler. Ein CDU-Parteibuch war stets nützlich, vor allem, um in einem Ministerium oder Regierungspräsidium unterzukommen. Wie loyal wird der Beamtenapparat sein? Die Spitzenleute dort wolle man sich genau anschauen, hat Kretschmann angekündigt und in dem einen oder anderen Fall austauschen. Doch insgesamt setze er auf die Professionalität der Verwaltung. Er wolle die tiefen Gräben, die es natürlich nach der Wahl gibt, so weit wie möglich überbrücken, sagt »Kretsch«, wie er im Landtag genannt wird.

Vermitteln, überbrücken, beteiligen, integrieren – das sind so die Hauptvokabeln von Kretschmann. Ob das seiner Partei und all jenen Grünen-Wählern gefallen wird, die endlich mal etwas anderes im Ländle erleben wollen? Sie hoffen auf einen intellektuellen Aufbruch. Dem gegenüber stehen die vielen, die Veränderungen überhaupt nicht mögen. Aufbruch oder eine alles zukleisternde Konsenssoße – mit Winfried Kretschmann scheint in Baden-Württemberg im Moment beides möglich.

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