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Grenzlandgeschichten auf Usedom

Diesjährige Literaturtage stellen das Dreiländereck Polen-Tschechien-Deutschland ins Zentrum

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Ganz im Nordosten Mecklenburg-Vorpommerns laufen derzeit die Usedomer Literaturtage 2011. Die tschechische Autorin Radka Denemarková erhält den in diesem Jahr erstmals vergebenen Usedomer Literaturpreis.

Im tiefsten Kalten Krieg fuhr Martin Pollack einmal mit der Eisenbahn von Wien nach Prag. An der Grenze wurde er gezwungen, mit kaltem Wasser von der Zugtoilette seinen Vollbart abzurasieren, denn das Foto seines Reisepasses zeigte ihn bartlos. Martin Pollack, der frisch gekürte Leipziger Buchpreisträger zur Europäischen Verständigung, eröffnete am Mittwoch in Bansin die Usedomer Literaturtage. Das Motto in diesem Jahr heißt »Grenzlandgeschichten«.

Im Mittelpunkt der Literaturtage steht das Dreiländereck zwischen Polen, Tschechien und Deutschland, ein Gebiet fortwährender Grenzneuziehungen, dessen Bewohner bis heute nicht selten unter Vertreibung und Heimatverlust leiden. So haben die älteren Bürger mancher Regionen, etwa an der slowakisch-ukrainischen Grenze, in sechs verschiedenen Staaten gelebt – ohne dass sie jemals umgezogen wären.

Zwittergattung Reportage

Martin Pollack, Autor und einstiger »Spiegel«-Redakteur, hat sich durch sein einschneidendes Bart-Erlebnis nicht von seiner Faszination für Grenzen abhalten lassen. Diese führt er in seinem Essay »Grenzen« auf deren Doppelfunktion als verbindendes und trennendes Element zurück. Wobei sich beim biografischen Geplauder offenbart, dass diese Faszination auch damit zu tun hat, dass Pollack aus Linz stammt, das nach dem Krieg in eine russische und eine amerikanische Hälfte geteilt war.

Heute fürchtet sich Pollack einerseits vor einem kommerziell gleichgeschalteten Europa, in dem von Vilnius bis Wien dieselben Einkaufszentren und Werbeplakate das Gesicht der Städte prägen. Andererseits diagnostiziert er das Aufrüsten an der EU-Außengrenze als Gegenentwicklung zur Verflüchtigung innereuropäischer Grenzen.

Die Zwittergattung der Reportage, die sich mit literarischem Handwerkszeug an nicht-fiktionale Themen macht, erweist sich als besonders geeignet zur Erhellung der komplexen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Martin Pollack präsentierte auf Usedom auch seine Übersetzung der Reportagensammlung »Die Nacht von Wil-denhagen« des polnischen Journalisten Wlodzimierz Nowak. Zwölf Schicksale aus dem dunkelsten Kapitel der deutsch-polnischen Geschichte werden hier geschildert.

»In Polen macht sich bereits seit den Neunzigern eine Sehnsucht bemerkbar, die Geschichte der früheren Bewohner der Grenzgebiete wiederzuentdecken«, stellt die Übersetzerin Eva Profousová fest. »Tschechische Schriftsteller hingegen beschäftigen sich erst seit wenigen Jahren mit diesem Thema.« Eva Profousová stellte am Donnerstag zwei Romane vor, welche die sudetendeutsche Vergangenheit Tschechiens auf ganz verschiedene Weise anpacken.

»Grand Hotel« von Jaroslav Rudiš ist ein grotesker und sarkastischer, sprachlich kraftvoller Roman um Fleischman, den Nachtportier eines heruntergekommenen Edelhotels an der deutsch-polnisch-tschechischen Grenze. Fleischman hilft seinem Stammgast, einem alten Sudetendeutschen, die Asche seiner in alle Welt vertriebenen Klassenkameraden in Kaffeedosen zurück in die heimische Erde zu schmuggeln.

In »Ein herrlicher Flecken Erde« schildert Radka Denemarková in poetischer, fortwährend die Zeitebenen und Erinnerungsschichten wechselnder Sprache das Schicksal einer deutsch-jüdischen Holocaust-Überlebenden, die nach dem Krieg nicht in ihr tschechisches Heimatdorf zurückkehren darf. »Als Kind habe ich nichts von den Deutschen, die hier lebten, gewusst. Ich bin mit Lügen aufgewachsen«, erzählt die tschechische Autorin. »Dieses Schweigen wollte ich brechen.«

Fotoschau noch bis 11. Mai

Radka Denemarková und ihre Übersetzerin Eva Profousová erhalten für ihr Werk den Ersten Usedomer Literaturpreis. Hellmut Karasek leitet die Preisverleihung am Sonntag bei der Abschlussmatinee der Literaturtage. Die festivalbegleitende Ausstellung »Der Fotograf ist da« mit historischen Fotografien aus Ostpreußen ist noch bis zum 11. Mai in Heringsdorf zu sehen.

Informationen im Internet unter:

www.usedomer-literaturtage.de

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