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»Du bist ja ganz anders«

Der Sufi André Al Habib über mystischen und orthodoxen Islam

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Andre Ahmed Al Habib ist Deutsch-Ägypter, er studierte in München Religionssoziologie, Psychologie und Interkulturelle Kommunikation. In Vorträgen und Workshops vermittelt er die Sufi-Tradition in Deutschland. Er stellt den Koran in dessen historischen Kontext, um ihn mit Anforderungen der Moderne in Übereinstimmung zu bringen. Antje Stiebitz sprach mit ihm.
Andre Ahmed Al Habib
Andre Ahmed Al Habib

ND: Was kennzeichnet Ihrer Meinung nach den Sufismus?
André Al Habib: Sufismus ist die mystische Seite des Islam. Gerade weil momentan die Islamdiskussion so geführt wird, dass auf der einen Seite rechtspopulistische Islamgegner und auf der anderen Seite fundamentalistische Muslime stehen und beide versuchen, den Islam auf einer eindimensionalen, nämlich rein kriegerischen Ebene zu verstehen – gerade deshalb ist es uns wichtig zu verdeutlichen, dass der Islam von seiner Wurzel her eine offene, lebensbejahende, tolerante Seite hat. Diese Komponente drückt der Sufismus aus.

Wo grenzt er sich vom orthodoxen Islam ab?
Kurze Zeit nach dem Tod des Propheten begann man seine Aussprüche, aber auch die Koran-Interpretation zu kanonisieren. Und sofort gab es Tendenzen, den Islam auf eine machtpolitische Ebene zu bringen und eine Gesetzesreligion aufzubauen. Der Sufismus hingegen versuchte, den Islam als eine Religion lebendig zu halten, die humane Potenziale entfaltet und die Menschen mit Gott und dem Universum in Harmonie bringt. Den Begriff Orthodoxie möchte ich etwas entkräften. Orthodoxie heißt nichts anderes als: sich an gewisse Lebensregeln zu halten, wie sie eigentlich in allen Religionen zu finden sind. Auf diesen Regeln aufbauend, versucht der Sufismus einen mystischen Islam zu leben.

Der fundamentalistische Islam ist den Mystikern nicht freundlich gesinnt.
Für mich besteht ein Unterschied zwischen den Fundamentalisten und Sufis darin, dass Fundamentalisten ein sehr enges Gottesbild haben. Bei ihnen herrscht eine Trennung – Gott ist außerhalb der Erde und des Menschen, gewissermaßen von oben versucht er, durch strenge Gesetze das Leben der Menschen zu reglementieren. Die Fundamentalisten sagen auch, dass einzig ihr Weg zum Heil führt. Sufis hingegen besitzen eine große Toleranz gegenüber anderen Religionen. Es gibt im Koran viele Belege, dass der Islam nicht der einzige Weg zum Heil ist, zum Beispiel in Sura 02:62 oder Sura 03:199.

Der fundamentalistische Islam versucht auch, die Frauen systematisch auszugrenzen. Der Sufismus nicht. So gibt es viele Sufi-Lehrerinnen. Und gerade in Europa ist die Mehrzahl der Schüler weiblich.

Sie bezeichnen den Sufismus als die weibliche Seite des Islam.
Sufismus als weibliche Seite des Islam, das ist ein geflügeltes Wort. Viele Menschen wissen, dass der Prophet zwölf Frauen hatte. Aber die meisten wissen nicht, dass sie seine Beraterinnen waren und ihm Tipps bei wichtigen Entscheidungen gaben. Der Sufismus betont weibliche Tugenden wie Friedfertigkeit, Freundlichkeit und Toleranz. Ibn Arabi, ein wichtiger Sufi-Mystiker aus dem 13. Jahrhundert, gab folgendes Beispiel: Das arabische Wort für Essenz ist ein weibliches Wort. Wird also im Koran von Essenz gesprochen, wird das Weibliche angesprochen.

Steht der Sufismus damit dem patriachalen Islam gegenüber?
Zu dem verständlichen Vorwurf, der Islam sei patriarchalisch: Das ist sicher dadurch bedingt, dass in Ländern wie Saudi-Arabien, Pakistan oder Afghanistan die Rechte der Frauen systematisch eingeschränkt wurden. Dagegen erlaubt der Islam eine breite Vielfalt des Zusammenlebens zwischen Mann und Frau. Und das größte bestehende Matriarchat der Erde, das der Mingankabau in Indonesien, ist islamisch. Und in Deutschland, der Türkei, in Bosnien, anderen europäischen Ländern, leben Muslime vollkommen modern, mit Frauen, die gleichberechtigt sind.

Der Sufismus möchte die Gegensätze von patriarchal und matriarchal auflösen. Sufismus gibt den Menschen eher Anleitungen, wie sie mit sich ins Reine kommen, wie sie ihr Herz öffnen und also mystische Erfahrungen machen können.

Warum gibt es in der öffentlichen Wahrnehmung diese Vermischung von fundamentalistischem Islam und Islam?
Gegenwärtig leben wir mit dieser Sarrazin-Debatte, die eine Zuspitzung ist. Ich denke, dass eine gewisse Personengruppe herhalten muss, um populistische Phrasen hoffähig zu machen. Das ist gefährlich. Die Wahrnehmung des Islam schwankt momentan zwischen Demokratie und Freiheit auf der einen und Fundamentalismus auf der anderen Seite. Alles, was zwischen diesen Polen liegt, wird in Debatten nicht berücksichtigt.

Wie können wir den Islam differenzierter wahrnehmen?
Es gibt Untersuchungen, dass die meisten Sarrazin-Leser kaum Kontakt zu Muslimen haben. Und was mir und in meinem Freundes- und Verwandtenkreis immer wieder passiert: dass gesagt wird, das ist ja toll, du bist ja ganz anders. Wenn ein Muslim modern denkt, heißt es automatisch: interessant, du bist anders als die anderen Muslime.

Also würden Sie raten, Muslime kennen zu lernen?
Wie kann man einem Deutschen sagen, lernt Muslime kennen?! Gerade Migranten verkehren oft nur in ihren eigenen Kreisen, das hat so eine Eigendynamik: Menschen treffen Menschen lediglich aus demselben Kulturkreis. Es heißt oft, uns fehle eine Leitkultur. Doch die Titanen der Leitkultur in Deutschland – Goethe, Fichte, Herder – waren sehr islamfreundlich. Und sie sahen im Islam keine Bedrohung, sondern eine Bereicherung. Sicher: Der Islam muss sich reformieren, aber wenn Menschen den Islam pauschal gleichsetzen mit Negativem, dann entsteht eine Stimmung, die allen nicht gut tut.

Meist werden aus dem Koran recht kämpferische Sätze zitiert. Das prägt unser Bild. Allerdings kann man aus dem Koran oder der Bibel alles herauslesen.
Es gibt von Prophet Mohammed den Satz: Jeder Bereich des Koran hat sieben höhere Ebenen. Darüber hinaus heisst es etwa in Sura 03:07, dass es im Koran mehrdeutig zu lesende Verse gebe. Im Islam ist also verankert, den Koran nicht nur wörtlich, sondern auch allegorisch zu lesen. Fundamentalisten verneinen das. Liest man im Koran nicht nur die Kriegspassagen, sondern weiter, dann liest man, dass Frieden besser sei. Die Kriegspassagen im Koran sind dazu gedacht, den Krieg zu regeln, nicht dazu, wahllos Krieg zu führen. Es finden sich konkrete Angaben, wie ein Krieg zu führen, aber auch, wie er zu begrenzen sei.

Was sagen Sie zu Gewalt?
Es ist generell besser, wenn man Konflikte nicht kriegerisch löst. Tut man das trotzdem, ist es das Werk von Menschen, die auf einer Ebene noch nicht entwickelt sind. Einen Konflikt durch Verhandlungen, Nachdenken oder Überzeugung zu lösen, ist besser.

Ist die Vorstellung vom entwickelten Menschen realistisch? Steckt die Bereitschaft zur Gewalt nicht vielleicht im Menschen?
In der Sura 02:30 beschweren sich die Engel bei Gott: Warum setzt du Adam in die Welt, wo er doch Blut vergießen wird? Gott antwortet, dass Menschen auch höhere ethische Attribute besitzen wie Friedfertigkeit, Vergebung, Gerechtigkeit. Teil des sufischen Menschenbildes ist, dass der Mensch eine Brücke zwischen tierischen und himmlischen Eigenschaften bildet. Wir sind auf der Erde, haben tierische Triebe – Gewalt, Leidenschaft –, wir haben aber auch Bewusstsein von Engeln. Wir können Dinge vernünftig lösen. Alle Gemeinschaften haben erkannt: Wenn Menschen nur das Tierische ausleben und alles mit Gewalt lösen würden, dann verschwänden die Gemeinschaften alle bald.

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