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Schwarzer: »Ich wollte, dass es das gibt«

Die Emma-Herausgeberin trat als Zeugin im Prozess gegen Chef des Vereins Hatun & Can auf

  • Von Jutta Schütz, dpa
  • Lesedauer: 3 Min.

»Emma«-Herausgeberin Alice Schwarzer macht sich Vorwürfe. Sie spendete einem Berliner Frauennothilfeverein eine halbe Million Euro – im Vertrauen darauf, dass mit den Geldern gewaltbedrohte Mädchen und Frauen unbürokratisch unterstützt werden. Doch die Sache ging schief: Der frühere Vereinschef von Hatun & Can muss sich seit Monaten wegen Betruges vor dem Berliner Landgericht verantworten. Am Dienstag betrat Schwarzer – ganz in Schwarz – als geladene Zeugin den Gerichtssaal.

Das Geld hatte die Frauenrechtlerin in einer Prominentenausgabe der RTL-Show »Wer wird Millionär« im September 2009 gewonnen. Knapp drei Stunden schilderte die Journalistin nun dem Gericht, wie sie Gutes tun wollte und dabei anfangs ihre eigenen Zweifel beiseiteschob. »Ich hätte länger nachdenken sollen«, sagte die 68-Jährige. Ihr Resümee am Rande des Prozesses: »Jeder Missbrauch verhindert Hilfe für die, die es nötig haben.« Weil sie keine ausreichende Auskunft über die Verwendung der Gelder bekommen hatte, brachte sie mit ihrer Strafanzeige im Dezember 2009 die Ermittlungen ins Rollen.

Der Vereinschef, der sich für öffentliche Auftritte einen Decknamen zulegte, sitzt seit fast einem Jahr in Untersuchungshaft. Ob Zufall oder nicht: Am Dienstag erschien er mit einem RTL-Shirt im Gerichtssaal 537. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass er den Verein Hatun & Can 2006 nur gründete, um sich zu bereichern. Dem 42-jährigen Angeklagten wird vorgeworfen, 690 000 Euro Spendengelder erschlichen und zum Teil für privaten Luxus ausgegeben zu haben. So soll er einen mehr als 60 000 Euro teuren Geländewagen für den Verein angeschafft, aber nur privat gefahren haben. Auch für Urlaubstage in einem spanischen Hotel, Elektrogeräte und Genussmittel soll er sich aus der Spendenkasse bedient haben. Sein Verteidiger Hubert Dreyling hatte die Anklage als »absurd, boshaft und abenteuerlich« zurückgewiesen.

Schwarzer gab in ihrer Befragung zu Protokoll, sie sei damals zunächst sehr angetan gewesen von der »flexiblen Bürgerinitiative« für entrechtete Frauen. »Weil ich einfach wollte, dass es das gibt, weil ich das toll fand«, sagte Deutschlands prominenteste Feministin. Der Verein war nach dem Ehrenmord an der Deutsch-Türkin Hatun Sürücü gegründet worden, um von Zwangsheirat bedrohten Frauen zu helfen. Er ist nach dem Mordopfer und seinem kleinen Sohn benannt. Sie habe es »rührend« gefunden, dass ein Freund des Mordopfers den Verein aufbaute. »Ich war die zufriedene, glückliche Spenderin«, sagte Schwarzer selbstkritisch. Erst später seien ihr Zweifel gekommen.

Auch »Emma« hatte seinerzeit über den Verein berichtet. Sie habe mit der Spende auf einen Hilferuf von Hatun & Can reagiert, dass die Arbeit des Vereins in Gefahr sei, erläuterte Schwarzer. Das Geld habe sie nie selbst in der Hand gehabt, die Spende sei über eine RTL-Stiftung abgewickelt worden. Als ihre Zweifel immer größer wurden, habe sie um ein Treffen mit dem Verein im November 2009 in Berlin gebeten. »Da kam so gar nichts, nur wieder so ein Rumgedruckse«, erinnerte sich Schwarzer an ihre damalige Frage, wofür die Gelder ausgegeben wurden. Eine Frau habe bei dem Treffen nicht mal ihren Namen sagen wollen, auch ein angeblicher Bodygard sei dabei gewesen. Dass binnen weniger Wochen schon 100 000 Euro von der Spende weg waren, habe sie auch stutzig gemacht. Nach dem Treffen sei ihr klar gewesen: »Hier ist was faul, aber gewaltig.«

Für ihren Fernsehauftritt in der RTL-Show habe Schwarzer 10 000 Euro bekommen, hielt Verteidiger Dreyling der Feministin vor. Dessen Nachfragen wehrte Schwarzer ab: »Auf diese Art von juristischen Formalien habe ich jetzt gar keinen Bock – mir geht es um die Sache.« Es ist nicht der erste Fall in der Hauptstadt, in dem gemeinnützige Vereine durch ihre Führungskräfte ins Zwielicht geraten sind. Für bundesweite Schlagzeilen sorgte etwa die »Maserati-Affäre« bei der Treberhilfe, einer Hilfseinrichtung für Obdachlose.

Die Staatsanwaltschaft hatte einen Teil der Gelder bei Hatun & Can sichergestellt. Das Restgeld warte darauf, neu gespendet zu werden, sagte Schwarzer der dpa. »Aber dann nur mit Kontrolletti.«

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