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Der Sprung in den Kosmos

Vor 50 Jahren umkreiste der sowjetische Kosmonaut Juri Gagarin mit WOSTOK I die Erde

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Juri Alexejewitsch Gagarin, geboren am 9. März 1934 in Kluschino als Sohn eines Zimmermanns und einer Kolchosbäuerin, studierte am Industrietechnikum in Saratow. Während des Studiums wurde er Mitglied eines Aeroklubs. 1955 trat er in die sowjetischen Streitkräfte ein. Er diente in einem Jagdfliegerregiment der Nordflotte, bevor er in die erste Kosmonautengruppe aufgenommen wurde. 1959 wurde seine Tochter Jelena geboren, am 12. März 1961, genau einen Monat vor seinem Raumflug, seine zweite Tochter Galja. Mit dem Raumschiff Wostok 1 umrundete er in 108 Minuten einmal die Erde. Gargarin verunglückte bei einem Testflug am 27. März 1968.
Juri Alexejewitsch Gagarin, geboren am 9. März 1934 in Kluschino als Sohn eines Zimmermanns und einer Kolchosbäuerin, studierte am Industrietechnikum in Saratow. Während des Studiums wurde er Mitglied eines Aeroklubs. 1955 trat er in die sowjetischen Streitkräfte ein. Er diente in einem Jagdfliegerregiment der Nordflotte, bevor er in die erste Kosmonautengruppe aufgenommen wurde. 1959 wurde seine Tochter Jelena geboren, am 12. März 1961, genau einen Monat vor seinem Raumflug, seine zweite Tochter Galja. Mit dem Raumschiff Wostok 1 umrundete er in 108 Minuten einmal die Erde. Gargarin verunglückte bei einem Testflug am 27. März 1968.

In diesen Tagen, wo sich der erste Flug eines Menschen in den Weltraum zum 50. Mal jährt, wird man viel über dieses sensationelle Ereignis am 12. April 1961 lesen können. In Deutschland werden in diesen Tagen keine Zeitung und kein Fernsehkanal, die etwas auf sich halten, darum herum kommen, an den Raumflug von Juri Gagarin zu erinnern. Auch Spekulationen und Mutmaßungen über seinen tragischen Tod werden nicht fehlen. Doch zunächst zur Vorgeschichte des ersten bemannten Raumfluges.

Der erste »Sputnik«

Die WOSTOK, mit der Juri Gargarin in den Weltall flog, war und ist eine Attraktion der Allunionsausstellung bei Moskau
Die WOSTOK, mit der Juri Gargarin in den Weltall flog, war und ist eine Attraktion der Allunionsausstellung bei Moskau

Am 4. Oktober 1957 war der sowjetische unbemannte Raumflugkörper »Sputnik«, der erste von Menschenhand geschaffene Satellit, auf eine Umlaufbahn um unseren Planeten gebracht worden. Dem ging der erfolgreiche Start einer Interkontinentalrakete im August desselben Jahres voraus. Mit dem »Sputnik« war das Tor zum Weltraum aufgestoßen. Ein Ereignis, das nicht überall nur eitel Freude bereitete. Fachleuten und Politikern war klar, dass nicht der kleine Raumflugkörper, dessen Sender ein überall hörbares Piepsen verbreitete, die Sensation war, sondern die Rakete selbst, die ihn in den Weltraum getragen hatte. Die Sowjetunion könnte mit ihren Raketen Waffen im Weltraum stationieren. Das Wettrüsten hatte eine neue Dimension erreicht. Den USA gelang der erste erfolgreiche Start eines Erdsatelliten nur vier Monate nach dem ersten sowjetischen Sputnik. Am 1. Februar 1958 erreichte Explorer-1 eine Umlaufbahn um die Erde.

Dr. Sigmund Jähn , 1937 in Morgenröthe-Rautenkranz/Vogtland geboren und ab 1955 Angehöriger der Luftstreitkräfte der DDR, war vom 26. August bis 3. September 1978 als »erster Deutscher im All«. Seit 1990 ist er Berater des Deutsche Zentrums für Luft- und Raumfahrt und seit 1993 der ESA.
Dr. Sigmund Jähn , 1937 in Morgenröthe-Rautenkranz/Vogtland geboren und ab 1955 Angehöriger der Luftstreitkräfte der DDR, war vom 26. August bis 3. September 1978 als »erster Deutscher im All«. Seit 1990 ist er Berater des Deutsche Zentrums für Luft- und Raumfahrt und seit 1993 der ESA.

Sowohl in der Sowjetunion als auch in den USA arbeiteten nun tausende Menschen fieberhaft daran, die Voraussetzungen für den Raumflug eines Menschen zu schaffen. Dieses Ziel erforderte ein Denken und Arbeiten in zwei Dimensionen. Es ging einerseits um die Neu- und Weiterentwicklung technischer Voraussetzungen in der Raketentechnik, Elektronik, in der automatischen Steuerung, der Schaffung von Raumschiffen mit allen erforderlichen Lebenserhaltungssystemen etc.. Die andere Dimension betraf die Auswahl und Vorbereitung von Kandidaten für die geplanten Raumflüge. Nicht von ungefähr ging man sowohl in der Sowjetunion als auch in den USA davon aus, dass Militärpiloten am ehesten geeignet seien.

Unter dieser Prämisse begann die Auswahl von Kandidaten in den Luftstreitkräften der Sowjetunion im Oktober 1959. Gagarin gehörte zu jenen, die die strenge Kommission von ihrer Eignung und Gesundheit überzeugen konnten. In die erste Auswahl kamen desweiteren: German Titow, Andrian Nikolajew, Pawel Popowitsch, Walerij Bykowskij, Wladimir Komarow, Pawel Beljajew, Alexej Leonow. Zu dieser ersten Gruppe gehörten auch B. Warlamow, A. Kataschow, G. Neljubow und Walentin Bondarenko, aus verschiedenen Gründen als Kosmonauten nicht zum Einsatz kamen. Bondarenko verunglückte am 23. März 1961 bei einem Test in der Barokammer.

Weit vor dem Zeitpunkt der Auswahl von Raumfahrern hatte man begonnen, sich mit der Konstruktion eines bemannten Raumschiffes zu befassen. Das erste sowjetische Raumschiff vom Typ WOSTOK (Osten) wurde in der heutigen Raketen- und Raumfahrtkooperation »ENERGIJA« bei Moskau gebaut. Chefkonstrukteur war der zunächst in der Öffentlichkeit nicht bekannte Sergej Koroljew. Die Konstruktionsarbeiten begannen bereits zu Beginn des Jahres 1957, also noch vor dem Start des ersten Sputniks. Als Trägerrakete wurde die Interkontinentalrakete R-7 erwählt, die mit einer zusätzlichen dritten Stufe ausgerüstet werden musste. In einer streng geheimen Anordnung des ZK der KPdSU und des Ministerrates der UdSSR vom 22. Mai 1959 wurde die Aufgabe vorgegeben, die Voraussetzungen für die Konstruktion eines Aufklärungssatelliten »als auch eines Sputniks, der für den Flug eines Menschen vorgesehen ist«, zu schaffen. Das konkrete Ziel, »die ersten Flüge von Menschen in den Weltraum zu realisieren«, wurde am 10. Dezember in einem Regierungsbeschluss festgelegt.

Als Hauptprobleme für die Konstruktion des Raumschiffes wurden die extremen Bedingungen beim Wiedereintritt der Landekapsel mit dem Kosmonauten an Bord in die Erdatmosphäre erkannt. Dazu gehörte das Aufheizen des Landeapparates; man erwartete Temperaturen von weit über 1000 Grad Celsius. Obwohl bekannt war, dass ein Wiedereintrittskörper in der Form eines stumpfen Kegels günstiger wäre, entschlossen sich die sowjetischen Konstrukteure für die Kugelform. Das führte sicher zu Zeitersparnis. Ebenfalls der Einfachheit halber verzichtete man auf ein System der weichen Landung. In einer Höhe von etwa acht Kilometern sollte der Vorgang des Katapultierens eingeleitet werden. Der Kosmonaut würde mit Sitz aus der Kapsel geschleudert und mit einem Fallschirm landen, die Kapsel separat ebenfalls am Fallschirm.

Am 15. Mai 1960 erfolgte der erste Start einer Rakete vom Startplatz Tjuratam (Baikonur) mit dem ersten Raumschiff WOSTOK an Bord, das die Werksbezeichnung 1KP trug. Es verfügte noch nicht über Lebenserhaltungssysteme, Landesysteme und auch über keine spezielle Hitzeschutzschicht. Der Test verlief nicht erfolgreich. Der zweite Start eines Raumschiffs mit der Werksbezeichnung 1K (Nr. 1) fand am 28. Juni statt. Dieses Raumschiff besaß ein Landesystem und auch die erforderliche Hitzeschutzschicht. In einem Container, der zum Katapultieren vorgesehen war, befanden sich die Hunde Lisitschka und Tschaika. Eine Explosion der Brennkammer in einem Block der ersten Raketenstufe zerstörte jedoch die Rakete in der 38. Sekunde nach dem Start.

Belka und Strelka

Das zweite Raumschiff 1K (Nr. 2) startete am 19. August erfolgreich. An Bord befanden sich im katapultierbaren Container die Hunde Belka und Strelka. Bei den Tieren wurden während des Fluges Blutdruck, Elektrokardiogramm, Herztöne, Atemfrequenz, Körpertemperatur und die Bewegungsaktivität registriert. Außerdem befanden sich in speziellen Containern zwei weiße Ratten, zwölf weiße und graue Mäuse sowie Käfer, Gewächse und Samen. Belka verhielt sich während des Fluges unruhig und erbrach sich sogar. Diese Beobachtung führte zu der Entscheidung, die Flugdauer für den ersten Kosmonauten auf eine Erdumkreisung zu begrenzen, da man nicht wusste, wie der menschliche Organismus reagieren würde. Die sowjetische Nachrichtenagentur TASS vermeldete: »Das Raumschiff und die vor der unmittelbaren Landung von diesem abgetrennte Kapsel mit Tieren sind wohlbehalten gelandet. Die Hunde Belka und Strelka sind nach Raumflug und Landung bei gutem Befinden.«

Parallel zu den genannten Testflügen wurde am bemannten Raumschiff 3K gearbeitet. Im Interesse der Beschleunigung der Arbeiten entschied man sich, auf einige geplante technische Lösungen zu verzichten. Im September 1960 wurde auf der höchsten politischen Ebene der Beschluss gefasst, »die Vorbereitung und den Start eines Raumschiffes WOSTOK (3KA) mit einem Menschen an Bord im Dezember 1960 zu verwirklichen und diese Aufgabe mit höchster Wichtigkeit zu behandeln«. Doch die Sache verzögerte sich. Zum einen waren wichtige Fachleute des Werkes mit dem Start von zwei Marssonden beschäftigt und damit anderweitig gebunden. Außerdem ereignete sich am 24. Oktober in Baikonur eine Katastrophe mit einer Interkontinentalrakete, bei der 92 Menschen ums Leben kamen. So kam es erst am 1. Dezember zum Start des unbemannten dritten WOSTOK-Raumschiffes: 1K (Nr. 5). An Bord befanden sich wieder Hunde: Pscholka und Muschka. Wegen des absehbaren zu flachen Neigungswinkel beim Eintauchen in die Atmosphäre und der Gefahr der Landung außerhalb des Territoriums der UdSSR, wurde – wie für einen solchen Fall vorgesehen – das Raumschiff gesprengt. Beim Test mit dem letzten Raumschiff der Serie – 1K (Nr. 6) – am 22. Dezember überlebten zwar die Hunde. Doch es war klar, dass für den Flug eines Menschen noch Nacharbeiten nötig waren.

Es würde den Rahmen dieses Artikels sprengen, noch auf die folgenden Tests, bei denen nun auch Puppen eingesetzt wurden, einzugehen. Am 29. März 1961 gab Koroljew der Regierungskommission bekannt, dass ein Raumschiff mit einem Menschen an Bord starten könne. Mittlerweile hatte sich die Gruppe der in Frage kommenden Kosmonauten auf drei Mann reduziert: Gagarin, Titow und Neljubow. Alle drei sprachen für den Fall ihres Starts eine kleine Rede auf Tonband. Am 3. April erteilte KPdSU-Generalsekretär Nikita Chruschtschow die Erlaubnis zum ersten bemannten Raumflug. Am 8. April definierte die Regierungskommission die Aufgaben für den Flug und verkündete die Namen: Gagarin war als erster Kosmonaut und Titow als Ersatzmann bestätigt worden.

Am Abend des 11. April 1961 schliefen Gagarin und Titow in einem kleinen Häuschen in der Nähe des Startplatzes der Rakete. Sie wurden am Folgetag 5.30 Uhr geweckt, frühstückten, unterzogen sich einer ärztlichen Untersuchung und legten mit Hilfe der entsprechenden Spezialisten die Skaphander genannten Höhenschutzanzüge an. Dann nahm Gagarin im Raumschiff an der Spitze der startbereiten Rakete Platz. Diese wurde am 12. April 1961, 9.07 Uhr Moskauer Zeit, gestartet.

Die Landung des ersten Raumfahrers der Menschheit erfolgte um 10.55 Uhr in der Nähe des Dorfes Smelowka im Gebiet Saratow unweit der Wolga. Die Kapsel hatte den berechneten Landeort um 110 Kilometer verfehlt. Doch war Gagarin die Gegend, wohin ihn sein Flug und das Glück gebracht hatten, nicht unbekannt. In Saratow hatte er sein Technikstudium und bei Engels seine Fallschirm-Sprungausbildung absolviert.

Salto mortale

Wie der Flug verlaufen war, interessierte zunächst niemanden. Alle waren glücklich, dass Gagarin wohlbehalten auf der Erde gelandet war, er selbst war darüber wohl am glücklichsten. Der Flug indessen war alles andere als komplikationslos verlaufen. Anstelle der vorgesehenen Apogäumshöhe von 230 Kilometern erreichte das Raumschiff eine Bahnhöhe von 327 Kilometern. Und es gab auch Probleme beim Landemanöver. Ein Ventil im Kraftstoffsystem klemmte, was zur Folge hatte, dass sich das Raumschiff mit etwa 30 Grad/sec zu drehen begann. Gagarin nahm die Situation mit Humor: »Es war wie ein ununterbrochenes Salto mortale. Vom Kopf auf die Füße, von den Füßen auf den Kopf und das mit sehr hoher Drehgeschwindigkeit. Alles hat sich gedreht. Da sehe ich Afrika, dann den Horizont, dann den Himmel.« Das kleinste Problem bei der Landung war dann wohl, dass Gagarin für einige Zeit das Atemventil an seiner Ausrüstung nicht öffnen konnte. Die TASS-Meldung war kurz: »Um 10 Uhr 55 Minuten Moskauer Zeit ist das sowjetische Raumschiff ›WOSTOK‹ im vorgesehenen Gebiet der Sowjetunion gelandet.«

Juri Gagarin wurde nun nicht nur in seiner Heimat zu einem gern gesehenen, umjubelten Gast. Doch er wollte nicht ewig gefeiert werden. Er wollte in seinem neuen Beruf als Kosmonaut und gleichzeitig als Flieger tätig sein. Während ihm ersteres verwehrt wurde, konnte man ihm letzteres nicht ausschlagen. So kam es zum Unglücksflug am 27. März 1968. Das Strahlflugzeug MiG-15 UTI stürzte mit steilem Winkel und arbeitendem Triebwerk in ein Waldstück. Beide Piloten, Juri Gagarin und Wladimir Serjogin, fanden den Tod. Es soll an diesem Tag starke Wolkenschichten gegeben haben. Jeder, der den Typ des Unglückflugzeugs kennt, weiß, dass es bei relativ hoher Geschwindigkeit zum Strömungsabriss kommen kann, erst recht in Wolken. Was auch immer die eigentliche Ursache für die Tragödie war, wird sich jedoch wohl nie mehr exakt klären lassen.

Ich stand damals noch nicht im Dienst der Raumfahrt. Doch ging mir der Tod Gagarins und Serjogins sehr nahe. Ich studierte 1968 an der Militärakademie der sowjetischen Luftstreitkräfte. Am Tag der Verabschiedung von den beiden verunglückten Fliegern im Haus der Sowjetarmee in Moskau wurden von der Militärakademie einige Fahrzeuge bereitgestellt. Die Teilnahme unseres Ausbildungskurses war nicht vorgesehen. Ich sprang jedoch kurz vor der Abfahrt entschlossen auf einen LKW und fuhr mit. Die große Trauer der Menschen, die mit Tränen in den Augen stundenlang warteten, um sich an den Urnen Gagarins und Serjogins zu verabschieden, wird mir immer im Gedächtnis bleiben.

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