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Wundumschlag

Berlins »Wühlmäuse«: Matthias Deutschmann

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 3 Min.
Wundumschlag

Der Satz ist zum ersten Mal in der Laufbahn des Kabarettisten eine Pointe: »Ich komme aus Baden-Württemberg.« Matthias Deutschmann gastiert mit seinem neuen Programm »Deutsche, wollt ihr ewig leben?« bei den Berliner »Wühlmäusen«.

Er ist kein Witzeerzähler. Er sitzt an seinem Cello, hinten steht das knallrote Futteral des Instruments, wie ein glühendfarbener Luzifer, oder wie eine rote Fahne, die sich nach Erfahrungen des 20. Jahrhunderts lieber zur übergroßen lustigen Mensch-ärgere-dich-nicht-Figur verformt hat. Deutschmann nennt Demokratie: Volksherrschaft. Worüber herrscht's? Über sich. Demokratie sei alsoSelbstbeherrschung. Besser: Autokratie. So wird geknüpft, assoziativ getänzelt – wahrlich: Man verliebt sich wieder in Sprache!

Kabarett über die FDP, die sich völlig atomkraftlos verhält: »Zerfällt, aber strahlt nicht mal da was aus«. In wenigen Worten treffliche Poträts von Heiner Geißler und Helmut Schmidt. Erinnerungen auch an Schlingensiefs Skandalruf »Tötet Helmut Kohl!« Ein Ruf, der als Lösung inzwischen längst akzeptiert ist, bis in die CDU hinein. Und Gähnen über die »Linke«, die mit Porsche-Klaus und Wagen-Knecht nicht mal mehr im Kabarett stoffträchtig ist.

Ein Virtuose der Fahrigkeit. Listig kapriziert er sich mit dem Gestus eines Unsicheren, der Publikumsreaktionen kommentiert, als sei er in ständigem Abwehrkampf gegen Denkunwillige und Geistesmüde. Nachsinnen darüber, warum man Spießbürger im Kabarett attackiert, die aber trotzdem wiederkommen: »Die gehen ins Kabarett, weil da kein Blatt vor den Mund genommen wird – der auf der Bühne ist der Einzige, der zum Neger noch Bimbo sagen darf.«

Er sagt »Fukushima«, mehr nicht. Als werfe er einen Stein ins Wasser, aber will dann seine eigenen Kreise nicht stören. Das einzelne Wort japst nach einer Pointe, aber er hilft dem Wort nicht, er steht ihm nicht bei, er stolpert sich seufzend voran, ums Wort herum – jener Not stolpert er nach, im natürlichen Schweigenswunsch doch Kabarettist sein zu müssen. »Fukushima«. Nur Schulterzucken, verwandelt in cellistische Atemstöße.

Deutschmann ist der philosophische Kopf, der besonders komisch wirkt durch eine mutig zu nennende Furcht vor gelingender Komik. Einmal spricht er vom »Besenwagen der Postmoderne«. Pause. Er wisse selbst nicht genau, was das ist, aber das sei seine Annonce ans Feuilleton – »bei sowas horchen die auf«.

Kabarett ist: Wundumschlag, auch im eigenen Leben. Er selber sei als Junge für Kernkraft gewesen, bestärkt vom Pfarrer des Dorfes und dessen beschwingtem Spruch, die Kernkraft sei unbedingt »zu loben, und wenn was schiefgeht, sind wir schnellstens oben«. Umgestimmt habe ihn die Friedlichkeit des Massenprotestes gegen das geplante AKW Wyhl, inklusive der »Sanftheit« der Polizei damals, die sich von den Demonstranten widerstandslos, beinahe einladend habe wegdrängen lassen. Das machte Spaß!, da ist man doch gern gegen etwas – welch sinnfälliger Einblick in die Psychologie von Protestbewegungen.

Der Name des Kabarettisten: Klingt wie Deutschmark. Hart. Vordergründig aber ist der Mann weich. Er huscht, er hüscht. Hüsch mag Weisheitszahn des deutschen Kabaretts gewesen sein, Deutschmann hat Biss. Gewissensbiss. Eines seiner Programme hieß »Wenn das der Führer wüsste«. Das Plakat spielte mit Nazisymbolik, Berlin genehmigte nur mit Mühe die Veröffentlichung. Am Schluss dann nur noch eine einzige Auflage: »Der Name ›Deutschmann‹ da drauf, der muss unbedingt weg!«

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