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Ausstieg aus der Atomwirtschaft ist auch für Kontoinhaber und Sparer möglich

Die Banken und die Atombranche

Der kürzliche Anti-Atom-Protest von 250 000 Menschen in Köln, München, Hamburg und Berlin beeindruckte eine ganze Nation. Doch mancher, der auf der Straße gegen AKWs protestierte oder am Wahlsonntag danach sein Kreuz gegen Atomstrom machte, finanziert die Atomwirtschaft privat als Kontoinhaber oder Sparer mit.

Gefährdet von der Ausstrahlung der Atomwirtschaft sind besonders Fondsanleger. Infolge der Privatisierung der Altersvorsorge ist dies ein Kreis, der immer weiter wächst. Die meisten Aktien- und Pensionsfonds dürften mehr oder weniger stark in AKW-Aktien engagiert sein, und das gilt selbst für »grüne« Fonds.

Guter »grüner« Ruf der Stromerzeuger?

Viele Fonds bilden beispielsweise einen scheinbar harmlosen Index wie den DAX ab, der die 30 größten deutschen Konzerne erfasst – doch darunter befinden sich AKW-Betreiber wie RWE und Eon. Bei großen Stromerzeugern wie eben RWE, Eon oder Vattenfall und EnBW mag die Sache noch schnell strahlend klar sein. Was ist aber mit Mischkonzernen?

So genießt Siemens einen guten »grünen« Ruf. Bei der Windkraft aus dem Meer ist der Münchner Konzern auf dem Weg in die globale Spitzengruppe und auf seine neue, vierte Sparte »Infrastruktur und Städte« setzt Siemens-Boss Peter Löscher kapitale Hoffnungen.

Wie eine Sonderschau auf der Hannover Messe zeigte, könnte die Metropole von morgen ihre Energieversorgung mit intelligenten Netzen – sogenannten Smart Grids – atomstromfrei regeln.

Für die neue Siemens-Sparte arbeiten bereits mehr als 80 000 Beschäftigte. Doch trotz seines starken Umwelttechnologie-Portfolios und der Rückgabe seiner Beteiligung am französischen Atomkraftwerkshersteller Areva bleibt der Konzern im AKW-Geschäft aktiv. So soll mit der russischen Rosatom ein Gemeinschaftsunternehmen geplant sein. Viele Siemens-Komponenten können in AKWs eingesetzt werden.

Wer verhindern möchte, dass sein Geld in die Atomwirtschaft fließt, sollte Aktien- oder Rentenfonds kaufen, welche die gesamte Branche ausschließen. Leider tut dies nicht jeder Fonds, der »grün« daherkommt. Ein Test ergab, dass nur sieben von 24 ethisch-ökologisch ausgerichteten Aktienfonds (Welt) keine atomaren Investments tätigen. Acht Fonds verzichten zumindest teilweise auf Unternehmen, die in der Atombranche tätig sind, ergab eine Untersuchung der Verbraucherzeitschrift »Finanztest«.

Diese Fonds entscheiden von Fall zu Fall, ob sie Aktien oder Anleihen einer Firma kaufen wollen, die beispielsweise Teile baut, die in Atomkraftwerken verwendet werden. Von sechs Rentenfonds (Euro) schließt nur einer die Atombranche vollständig aus.

Atomstrom ist nicht klimafreundlich

»Grüne« Atomfonds verweisen auf Klimaexperten, die Atomstrom für klimafreundlich halten, weil AKWs im Betrieb kein Kohlendioxid ausstoßen. Mit dieser Begründung legen viele ethisch-ökologisch ausgerichtete Fonds in der Nuklearbranche an. »Bei Umweltschützern stößt die Haltung aber auf heftige Kritik«, meint die Stiftung Warentest.

Die Schäden an der Umwelt würden schon beim Abbau von Uran beginnen. Oft schädigten giftige Abfälle aus Urangruben Arbeiter und Anwohner – von den Gefahren während des Betriebes ganz zu schweigen.

Zudem sei das Problem der Endlagerung ungelöst. Einige »grüne« Fonds haben sogar Energieversorger wie beispielsweise RWE im Portfolio. Begründet wird dies mit einem »Best-in-Class-Ansatz«. Dabei werden gar keine Branchen ausgeschlossen, sondern der jeweils Beste im Umweltcheck einer Branche kann ausgewählt werden. Atomenergie, Rüstung oder Alkohol sind dann kein Tabu.

Roman Limacher von der schweizerischen Bank Hauck & Aufhäuser, der sich für den Ausschluss von Kernenergie in Fonds einsetzt, warnt außerdem vor dem sogenannten Greenwashing. Manche Fonds investieren nur gerade mal die Hälfte ihres Kapitals nachhaltig. »Da ist es leicht, den Rest in nicht-nachhaltige Anlagen wie Öl zu stecken, die in bestimmten Zyklen besser laufen«, weist Limacher auf Tricks hin, mit denen der Kurs eines Fonds nach oben getrieben wird.

Weitere Tricks, Tipps und Marktübersichten finden Sie im Internet beim Forum nachhaltige Geldanlagen und – auf Englisch – bei Eurosif.

Wo das Girokonto in Atomstrom fließt

Es fließt aber nicht allein Geld aus Aktien, Anleihen und Fonds in die Atombranche. Auch wer Tagesgeld anlegt oder ein Girokonto unterhält, kann unfreiwillig zur Unterstützung atomarer Firmen beitragen. Beispielsweise dadurch, dass Banken die Einlagen ihrer Kunden als Kredit an Stromversorger und Atomkraftwerksbetreiber weitergeben.

Platz eins belegt dabei laut der Nichtregierungsorganisation Urgewald die Deutsche Bank, die von 2000 bis 2009 die Atomindustrie mit 7,8 Milliarden Euro unterstützt hat. Ihr folgen die Commerzbank mit 3,9 Milliarden und die UniCredit/Hypovereinsbank mit 2,3 Milliarden Euro Unterstützung.

Wenn Sie ausschließen wollen, indirekt die Atomwirtschaft zu fördern, können Sie ihre Geldgeschäfte zu einer ethisch-ökologischen Bank verlagern, etwa zur GLS Bank, Umweltbank, Ethikbank oder Triodos Bank.

HERMANNUS PFEIFFER


Literaturtipps

Welche Banken wie in die Finanzierung der Atombranche verflochten sind, ist nachzulesen in der Broschüre »Wie radioaktiv ist Ihre Bank« der Umweltorganisation Urgewald (www. urgewald.de), 4,50 Euro plus Porto. Neben der Negativrecherche werden Alternativen aufgezeigt und über Banken informiert, die Atomfinanzierungen ausdrücklich ausschließen.

Wer sein Geld nachhaltig anlegen möchte, findet umfangreiche Informationen dazu im Ratgeber »Grüne Geldanlage«. Das Buch erklärt, wie der Vermögensaufbau ganz in grün funktioniert: über Tagesgeldkonten bei ethisch-ökologischen Banken, sauberen Investmentfonds, Mikrofinanzfonds, Waldinvestments, Beteiligungen an Wind- und Solaranlagen oder die eigene Solaranlage auf dem Dach. Der Ratgeber nennt Vor- und Nachteile der einzelnen Investments sowie deren Chancen und Risiken. Damit Anleger auch mit nachhaltigen Anlagen gute Renditen erzielen. Das Buch hat 208 Seiten und kostet 16,90 Euro. H.P.

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