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Sprachkenntnisse sind ein Hauptproblem

Wenige lettische Arbeitnehmer kommen nach dem 1. Mai nach Deutschland / Interesse an Pflegejobs am größten

Obwohl das Interesse an der Öffnung des deutschen Arbeitsmarktes im Zuge der Arbeitnehmerfreizügigkeit in Lettland groß ist, gibt keinen Grund, eine große Menge von Arbeitssuchenden zu erwarten.

Die Öffnung des deutschen Arbeitsmarktes ist ein heißes Thema in Lettland. Darüber spricht man auf den Straßen, darüber berichten beinahe täglich die Medien. Die Schlagzeilen lauten: »Die neue Emigrationswelle«, »Der Staat wird die Arbeitskräfte verlieren«.

Die Sprachschulen melden, dass das Interesse für die deutsche Sprache in Lettland deutlich angestiegen ist. »Einige von unseren Sprachstudenten, die früher Englisch lernten, haben jetzt zu Deutsch gewechselt«, sagt Inga Zeide, Chefin der Sprachschule »Berlitz« in Riga.

Auch die Staatliche Arbeitsagentur Lettlands verzeichnet eine gestiegene Nachfrage nach Informationen über Arbeitsangebote in Deutschland, sagt Antra Pupede, eine Vertreterin der Agentur. Das größte Interesse bestehe an landwirtschaftlichen Arbeiten, den Bereichen Medizin und Altenpflege sowie der verarbeitenden Industrie. Allerdings ist nicht klar, ob sich das extrem gestiegene Interesse am deutschen Arbeitsmarkt auch in der Praxis niederschlagen wird. Während einige Experten prognostizieren, dass nach dem 1. Mai mehrere tausend Menschen nach Deutschland gehen, sprechen andere von künstlicher Aufregung.

Ein großes Hindernis stellt die deutsche Sprache dar. Obwohl 165 000 von 2,3 Millionen Einwohner Lettlands erwerbslos sind und die Löhne seit Anfang der Krise deutlich gesenkt wurden, weshalb viele Menschen Job-Alternativen suchen, sprechen sehr wenige Letten Deutsch. Während der Sowjetzeit war Deutsch die populärste Fremdsprache in den Schulen, aber seit 1991 bevorzugen junge Leute fast nur Englisch. Für deutsche Personalrekrutierungsfirmen, die in Lettland nach medizinischen Fachkräften suchen, ist das ein Problem. Obwohl das Gehaltsangebot in Deutschland viel besser als in Lettland ist – so verdienen Krankenschwestern beispielsweise nur 280 Lats (400 Euro) im Monat –, ist das Interesse von lettischen Arbeitssuchenden niedrig, denn der größte Teil des medizinischen Personals hat keine Sprachkenntnisse. Auch nur wenige lettische Computerspezialisten können Deutsch. Das mangelnde Interesse von IT-Spezialisten für den deutschen Arbeitsmarkt liegt jedoch auch daran, dass sie auch in ihrer Branche arbeiten können, ohne nach Deutschland umzuziehen.

Ein anderer Grund für das verhaltene Interesse ist, dass viele Letten, die einen Job im Ausland wollten, schon in den Ländern sind, die ihre Arbeitsmärkte früher geöffnet haben. »Für Bauarbeiter sind Großbritannien und Irland die Länder Nummer eins«, sagt Janis Guzans von der lettischen Baugewerkschaft. Dort, und auch in den Skandinavische Staaten, könnten sie mehr Geld verdienen als in Deutschland. Es sei »sehr wahrscheinlich, dass nach dem 1. Mai mehr Bauarbeiter auch in Deutschland eine Stelle suchen werden, denn Deutschland ist relativ nahe. Aber ich erwarte keine Mengen«, prognostiziert er.

Auch Rainer Buhtz, Leiter der Sprachabteilung im Goethe-Institut Riga, rechnet nicht mit »Menschenmassen«, die nach Deutschland migrieren. Es sei sicher richtig, dass der Mangel an Fachkräften in bestimmten Berufszweigen, besonders im Bereich der Kranken- und der Altenpflege, das Interesse an beruflichen Alternativen in Deutschland verstärkt, aber: »Massenhafte Prozesse sind das nicht.«

»Wenn ich nach dem 1. Mai in Deutschland ankomme, hoffe ich am Anfang, einen Job in der Altenpflege oder Betreuung zu finden oder eine Arbeit in einem Café. Dann möchte ich eine weitere Ausbildung in Deutschland bekommen und einen höher qualifizierten Job suchen«, erläutert Haralds Skrodelis seine Zukunftspläne. Er ist 28 Jahre alt und derzeit als Rechtsanwalt bei einer staatlichen Institution beschäftig. Zudem hat er eine kleine eigene Konsultationsfirma. »Ich bin kein Arbeitsloser«, sagt er, »doch ich fühle mich nicht stabil in Lettland und glaube nicht an die Zukunft des Staates.« Er weiß, dass auch viele andere das Interesse an einer Arbeit in in Deutschland haben, aber er denkt auch, dass »viele von ihnen einfach viel reden, aber nicht handeln«.

Die Informationen über den deutschen Arbeitsmarkt bekommt Skrodelis selber im Internet. Informationen kann man auch bei der Staatlichen Arbeitsagentur bekommen, doch das, was dort angeboten wird, ist im Wesentlichen das Gleiche, was auch im Europäischen Kooperationsnetz EURES im Internet vorhanden ist – allerdings in einer sehr bürokratischen, schwer verständlichen Sprache verfasst. Viele Arbeitnehmer wollten sich zudem gar nicht informieren, so Guzans, sondern machten sich einfach so auf den Weg nach Deutschland.

  • Der Mindestlohn in Lettland: 200 Lats brutto (286 EUR)
  • Der Durchschnittsarbeitslohn: 445 Lats brutto (636 EUR)
  • Die prognostizierten Berufsgruppen in Lettland, die nach dem 1. Mai als Arbeitswillige in Deutschland ankommen werden: Bauarbeiter, Ärzte, Krankenschwestern, Kranken- und Altenpfleger, Betreuer, Computerspezialisten, Landschaftsarbeiter.

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