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Benedikt und der schwankende Busch

Biblische Belletristik statt historisch-kritischer Exegese: Joseph Ratzingers Buch über die letzten Tage Jesu

Oberammergau: Nach der Kreuzabnahme
Oberammergau: Nach der Kreuzabnahme

Oberammergau im Jahr 2000. Das seit dem 17. Jahrhundert alle 10 Jahre aufgeführte »Spiel vom Leiden, Sterben und Auferstehen unseres Herrn Jesus Christus« wird zum 40. Mal in der oberbayerischen Gemeinde aufgeführt – und zum ersten Mal ohne den Satz »Sein Blut komme über uns und unsere Kinder«.

Diese Textstelle aus dem Matthäus-Evangelium stand seit den 1960er Jahren im Zentrum der Kritik internationaler jüdischer Organisationen an der Darstellung der Juden bei den Oberammergauer Passionsspielen. Denn mit dieser Selbstverfluchung, so die gängige Lesart, hatte die vor der Jerusalemer Residenz des Pontius Pilatus versammelte Volksmasse für das vom Statthalter Roms verhängte Todesurteil gegen Jesus die Verantwortung übernommen – als Jesusmörder. Was über Jahrhunderte zur Begründung von Diskriminierung, Verfolgung und Pogromen herhalten musste.

Nun bietet Papst Benedikt XVI., der als Buchautor zugleich ganz zivil unter Joseph Ratzinger firmiert, im jüngst erschienenen zweiten Band seines »Jesus von Nazareth«* eine frappante Deutung des dubiosen Diktums. Demnach ruft Jesu Blut, von dem die Rede ist, »nicht nach Rache und nach Strafe, sondern es ist Versöhnung«. Das Wort bedeute – »vom Glauben her gelesen« –, »dass wir alle die reinigende Kraft der Liebe brauchen, die sein Blut ist. Es ist nicht Fluch, sondern Erlösung, Heil.« Auf diese Weise, so Ratzinger, »erhält das matthäische Blutwort seinen richtigen Sinn«.

Über die theologische Tragfähigkeit dieser überraschenden Umwidmung einer zentralen antijudaistisch konnotierten Stelle des Neuen Testaments durch das Oberhaupt der rund 1,2 Milliarden Gläubigen der römisch-katholischen Kirche mögen die Meinungen auseinandergehen. Als Versöhnungsgeste in Richtung Judentum ist sie kaum zu überschätzen.

Das gilt auch für weitere Aussagen Ratzingers zum Prozess gegen Jesus, die essenziellen Passagen in den Evangelientexten ihre antijudaistische Stoßrichtung nehmen sollen. Nicht »die Juden« als Volk hätten Verurteilung und Hinrichtung des Nazareners betrieben, sondern die Tempelaristokratie sowie die Anhänger des Barabbas, jenes Delinquenten also, dessen Freilassung Pilatus als Alternative zu der von Jesus angeboten hatte.

Zudem wendet sich Benedikt gegen die christliche Missionierung der Juden. So unter Bezug auf die katholische Theologin Hildegard Brem, die mit Blick auf den Römerbrief von Paulus konstatierte, die Kirche müsse sich »nicht um die Bekehrung der Juden bemühen«, denn die Juden seien »selbst eine lebendige Predigt, auf die die Kirche hinweisen muss, da sie das Leiden des Herrn vergegenwärtigen«. Zu solcher Klarstellung haben den Papst wohl auch die Proteste veranlasst, die seiner vor drei Jahren verfügten Aufwertung der Judenfürbitte in der Karfreitagsliturgie nach dem sogenannten vorkonziliaren Ritus gefolgt waren.

Von Vertretern Israels und des internationalen Judentums gab es jedenfalls uneingeschränktes Lob für den Pontifex. Juden in aller Welt wüssten es sehr wohl zu würdigen, »dass es diesem Papst absolut ernst damit ist, eine gute Beziehung zwischen Christen und Juden zu haben«, erklärte Ronald S. Lauder, Präsident des World Jewish Congress. Benedikt habe einen »wichtigen Markstein gegen Antisemitismus in der Kirche« gesetzt.

Was offenbar vergessen ist – bereits 1965 konstatierte das Zweite Vatikanische Konzil in der Erklärung »Nostra Aetate«: »Obgleich die jüdischen Obrigkeiten mit ihren Anhängern auf den Tod Christi gedrungen haben, kann man dennoch die Ereignisse seines Leidens weder allen damals lebenden Juden ohne Unterschied noch den heutigen Juden zur Last legen.«

Dessen ungeachtet ist der Wille zu guten Beziehungen der katholischen Kirche mit dem Judentum zweifellos die wichtigste politische Botschaft, die von diesem Buch ausgeht, das zeitgleich in acht Sprachen erschien, in Deutschland mit einer Startauflage von 150 000 Exemplaren auf den Markt kam und sich seitdem bestens verkauft.

Auch Ratzingers neuer Jesus-Band ist – wie Teil eins von 2007 – eine klare Absage an die historisch-kritische Methode der Bibelforschung. Zu dieser bekennt sich der Autor zwar ausdrücklich, indem er das »bleibend Bedeutende« dieser Methode betont. Aber er moniert zugleich, der »historische Jesus« sei »inhaltlich zu dürftig, als dass von ihm große geschichtliche Wirkungen hätten ausgehen können«. Er, Ratzinger/Benedikt, habe sich beim Schreiben »von der Hermeneutik (Deutungskunst – I. B.) des Glaubens« führen lassen.

Der Schweizer katholische Theologe und populäre Papstkritiker Hans Küng meint, Ratzingers Buch sei deshalb »für die wissenschaftliche Theologie kaum interessant«. Eine Ansicht, die von seinem evangelischen Göttinger Kollegen Gerd Lüdemann geteilt wird.

Lüdemann, bekannt durch seine radikale Absage an die Historizität der Auferstehung Jesu, kritisiert vor allem die Fixiertheit Benedikts auf die vier kanonischen Evangelien als alleinige Quellen der Darstellung. Wobei des Papstes besondere Vorliebe dem Johannes-Evangelium gilt, in dem nach Lüdemanns Urteil »kein einziges Jesus-Wort echt« ist. In diesem vierten und jüngsten Evangelium, so der Neutestamentler gegenüber ND, lasse der unter »Johannes« firmierende Autor Jesus nur über sich selbst reden. »Jesus hat aber nicht über sich geredet, das ist eine Faustregel der Exegese, der Bibelauslegung.« Auch die durchgängige Betonung der Göttlichkeit Jesu sei jeglichem wissenschaftlichen Anspruch zuwider.

Der US-Schriftsteller Norman Mailer ließ in seinem 1997 erschienenen »Jesus-Evangelium« den Nazarener die Evangelien persönlich beurteilen: »Obwohl ich nicht sagen möchte, dass Markus’ Evangelium falsch ist, enthält es viel Übertreibung. Und noch weniger traue ich Matthäus und Lukas und Johannes, denn sie legten mir Worte in den Mund, die ich nie ausgesprochen habe ... Ihre Worte wurden viele Jahre nach meinem Hinscheiden aufgezeichnet und wiederholten nur, was alte Männer ihnen erzählt hatten. Sehr alte Männer. Auf solche Geschichten kann man sich nicht mehr stützen als auf einen Busch, der, von seinen Wurzeln losgerissen, im Winde schwankt.« Mit anderen Worten: biblische Belletristik.

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Jesus ist unserer Welt etwas, weil eine gewaltige geistige Strömung von ihm ausgegangen ist und auch unsere Zeit durchflutet. Diese Tatsache wird durch eine historische Erkenntnis weder erschüttert noch gefestigt.
Albert Schweitzer
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Immerhin: Den im Winde schwankenden Busch hat Ratzinger in Literatur verwandelt, die auch nichtgläubigen Interessierten ein Leseerlebnis bieten kann – eben als biblische Belletristik. Der 84-Jährige, der sich gern als »Arbeiter im Weinberg des Herrn« sieht, erzählt eine der größten Geschichten aller Zeiten. Und er reflektiert die Urgründe seines Glaubens. In einem intellektuell herausfordernden Diskurs, stilsicher formuliert. Widersprüchlich und zum Widerspruch provozierend.

Das ist bisweilen anstrengend, aber durchweg spannend, selbst wenn man dem Autor am Ende nicht folgt, nicht folgen kann. Wie beispielsweise in seinem notorischen Nein zu jeglicher Jesus-Auslegung in revolutionärer Intention, wie dies die Befreiungstheologie in Lateinamerika lehrt, die Ratzinger schon als Glaubenspräfekt Wojtylas vehement bekämpfte.

So spricht denn auch offenbare Genugtuung aus der Feststellung: »Inzwischen ist die Welle der Theologien der Revolution abgeflaut, die, von einem zelotisch (Zelot: jüdisch-religiöser Militanter – I. B.) gedeuteten Jesus her, Gewalt als Mittel zur Errichtung der besseren Welt – des ›Reiches‹ – zu legitimieren versucht hatten.«

Bei aller berechtigten Kritik: Ratzinger versteht es, Welt und Zeit Jesu, biblische Begebenheiten und Bilder so zu assoziieren, dass sie auch für das Hier und Heute Fragen aufwerfen. Fragen nach Gründen und Abgründen von Glaube und Unglaube, nach hoffender Vergebung und vergeblicher Hoffnung, nach Sinn und Widersinn von Leiden und Mitleiden, nach höchster Verheißung und tiefster Verzweiflung.

Exemplarisch verwiesen sei dazu auf Ratzingers Lesart des intellektuellen Ringens zwischen Pontius Pilatus, dem mächtigen Repräsentanten der Besatzungsgewalt, und Jesus, dem machtlosen Künder der Gewaltlosigkeit. Jesus zu Pilatus (laut Johannes-Evangelium): »Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme.« Es folgt die berühmte skeptische, gleichwohl eher rhetorische Frage des Pilatus: »Was ist Wahrheit?« Jesus schweigt. Die Frage bleibt so im Raum. Und in der Zeit.

»In der Welt«, schreibt Ratzinger, »sind Wahrheit und Irrtum, Wahrheit und Lüge immer wieder fast untrennbar vermischt. Die Wahrheit in ihrer ganzen Größe und Reinheit erscheint nicht.« Für den Papst wird die Welt, was nicht verwundert, »umso wahrer, je mehr sie sich Gott annähert«. Das ist sein Weg, auf dem der Mensch wahr wird, er selbst wird, auf dem er »zu seinem eigentlichen Wesen« kommt. Letzteres ist indes das Ziel, das alle Religionen, Philosophien, Weltanschauungen umtreibt. So bezieht Ratzinger den von Martin Heidegger geprägten Begriff der »Uneigentlichkeit« als Ausgangszustand des Menschen und die Entfremdungstheorie von Karl Marx in seine Betrachtungen ein.

Dieser ungewohnte und ungewöhnliche Blick vom »Weinberg des Herrn« auf den Steinbruch des irdischen Seins ist vielleicht das für den theologischen Laien Reizvollste an Ratzingers Buch über die letzten Tage Jesu.

*Joseph Ratzinger/Benedikt XVI.: Jesus von Nazareth. Zweiter Teil. Vom Einzug in Jerusalem bis zur Auferstehung. Verlag Herder Freiburg. 368 S., geb., 22 €.

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