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Löhne auf der Rutschbahn

Neues Buch zu Niedriglohnsektor und Mindestlohn vorgestellt

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Deutschland ist ein Niedriglohnland. Über eine Million Menschen bekommen Leistungen vom Amt, weil der Lohn nicht zum Leben reicht. Im Buch »Arm wegen Arbeit«, das gestern in Berlin vorgestellt wurde, kommen diejenigen zu Wort, die unter miesen Arbeitsbedingungen leiden, aber auch jene, die dagegen kämpfen.

Der Satz aus dem Frühkapitalismus »Weil du arm bist, musst du früher sterben« habe in Deutschland wieder einen hohen Wahrheitsgehalt, sagte der Publizist Günter Wallraff am Donnerstag. Zusammen mit seinen Co-Herausgebern, dem ver.di-Chef Frank Bsirske und dem Vorsitzenden der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) Franz-Josef Möllenberg, stellte er in Berlin ein eindrucksvolles Buch vor – eine beispielgespickte Untermauerung der Forderung nach dem gesetzlichen Mindestlohn. »Leben ohne Mindestlohn. Arm wegen Arbeit.« heißt es und wirft einen Blick auf den weiter wachsenden Niedriglohnsektor. Zusammengestellt wurde das Buch, das einer Idee der »Initiative Mindestlohn« – einer Kampagne von Gewerkschaften, Organisaionen und Einzelpersonen – entspringt, von den Journalisten Marc Brinkmeier und Ulrich Jonas. Wallraff selbst hatte für die Initiative im Jahr 2008 undercover als Niedriglöhner in einer Fabrik angeheuert, die für den Discounter Lidl Brötchen backt.

Das Buch zeichnet ein düsteres Bild von der Arbeitssituation in Deutschland. »Würde ist ein Begriff, der in der Arbeitswelt nicht (mehr) in Gebrauch ist«, schreibt Wallraff in seinem Vorwort und spricht von »Würde zu Schleuderpreisen« oder »Ein-Euro-Würde«. Die Namen der im Buch Zitierten sind geändert, Fotos so aufgenommen, dass Gesichter nicht zu erkennen sind. Denn Repressalien sind keine Seltenheit, und die gewerkschaftliche Organisationsarbeit wird von manchem Arbeitgeber offen bekämpft, weiß Bsirske zu berichten.

Simone Fichtner ist Leiharbeiterin in einer Kleinstadt bei Dresden. Sie schreibt, dass sie 300 Euro weniger verdient als die Stammbeschäftigten und auf 850 Euro monatlich kommt; zum Leben zu wenig. Ein großer Teil des Lohnes geht für die Miete in Dresden und Benzingeld drauf, weil Fichtner jeden Tag 30 Kilometer pendelt. Ein Zweitjob ist zeitlich nicht drin, schreibt sie weiter. Darum freue sie sich, »wenn meine Mutti mir einen Schein zusteckt«. Simone Fichtner ist 47 Jahre alt. »Für jeden Fall, der im Buch geschildert wird, gibt es 1000 andere«, sagte Wallraff.

Per Definition gilt als Niedriglohn, was unterhalb zwei Dritteln des Durchschnittslohnes liegt und damit nur knapp oberhalb der Armutsgrenze. Nach Zahlen des Instituts für Arbeit und Qualifikation an der Uni Duisburg-Essen ist der Niedriglohnsektor in Deutschland zwischen 1995 und 2006 um gut 43 Prozent gewachsen – auf 6,5 Millionen Menschen, Tendenz steigend. Rund 1,4 Millionen Beschäftigte in Deutschland waren im Juni 2010 Aufstocker, davon 400 000 in Vollzeitstellen. Sie bezogen Leistungen nach Hartz IV, weil der Lohn nicht zum Leben reicht. »Der Wahnsinn ist, dass wir die Hungerlöhne auch noch mit zehn Milliarden Euro jährlich finanzieren«, erklärte Möllenberg. Er weiß wovon er spricht, denn nicht nur im Gastgewerbe, beispielsweise auch in den Schlachthöfen herrschen oft katastrophale Bedingungen was die Bezahlung angeht. Fehlende Interessenvertretung ist zudem an der Tagesordnung. »Es ist ein schönes Buch geworden, aber aus einem sehr traurigen Anlass«, so der NGG-Vorsitzende. Immerhin sei Deutschland sei eine der reichsten Volkswirtschaften der Welt.

Doch es finden sich auch Beispiele dafür, dass Widerstand funktionieren kann. Hier sei der Drogeriediscounter »Schlecker« genannt, der erfolgreiche Kampf gegen Leiharbeit am Universitätsklinikum Essen oder auch der Jobcenter-Chef aus Stralsund, der aktiv den Arbeitgebern auf die Pelle rückt, die mit Dumpinglöhnen ihren Profit maximieren.

Insgesamt ist »Arm wegen Arbeit« ein lesenswertes Buch, das wütend macht, nachdenklich und auch schlicht sprachlos. Die Berichte der Niedriglöhner stammen von www.dumpinglohnmelder.de, einer Initiative von ver.di und NGG. Kommentar Seite 4

Wallraff, Bsirske, Möllenberg (Hg.) »Leben ohne Mindestlohn. Arm wegen Arbeit.«, VSA Verlag, Taschenbuch,176 S, 12,80 Euro

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