Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Unternehmer, Migrant, erfolgreich

In Berlin arbeiten 40 000 Selbstständige nicht-deutscher Herkunft, drei Beispiele im Porträt

Textilien bestaunen: Wolf, Bluhm, Güney (v.l.n.r.)
Textilien bestaunen: Wolf, Bluhm, Güney (v.l.n.r.)

Über Thilo Sarrazin kann Vedat Güney nur müde lächeln. Der erfolgreiche 33-jährige deutsch-türkische Unternehmer hat mit den dumpfen Klischeevorstellungen des ehemaligen Bundesbankers und Berliner Finanzsenators, der einer »großen Zahl Arabern und Türken« keine »produktive Funktion, außer für den Obst- und Gemüsehandel« zumaß, nichts zu tun. Zwar jobbte auch Vedat Güney als Schüler und Student im Obst- und Gemüsegewerbe. Indes nur, um seine ersten Ersparnisse zu erarbeiten. »Vor zehn Jahren trat ich noch im Fernsehen als Spargelexperte auf«, lächelt Güney über diese Zeit heute.

Kultursensibel Pflegen, diese Notwendigkeit erfasste die Firma Deta-Med bereits vor Jahren.
Kultursensibel Pflegen, diese Notwendigkeit erfasste die Firma Deta-Med bereits vor Jahren.

Doch inzwischen hat der adrette Jungunternehmer umgesattelt. Er macht in Textilien. Gemeinsam mit seinem Bruder, der Architektur studierte, bedruckt und designt er T-Shirts, Blusen und Hemden. »Beysun« haben sie ihr Unternehmen genannt, nach einem Ort im Süden der Türkei. Die Produktionszahlen sind beeindruckend: 1,5 Millionen Teile werden derzeit monatlich angefertigt und weltweit verkauft. Zur Fußball-WM 2006 etwa versorgte das Neuköllner Unternehmen mehrere Textil-Ketten in Deutschland mit Fan-Utensilien. Zu ihren Kunden zählte auch schon der Fußball-Bundesligist FC Bayern München.

Allein in Berlin beschäftigt »Beysun« 14 Festangestellte und sechs Praktikanten. Der Unternehmer Güney, der sich selbst als internationaler »Brückenbauer« sieht, hat aber auch Dependancen in Hannover, Ägypten und in der Türkei aufgebaut. Eine weitere wird zurzeit im fernöstlichen Hongkong eröffnet. Wobei die rasante Expansion nicht auf Krediten basiert, sondern immer aus erwirtschafteten Gewinnen finanziert wird, wie Güney betont. »Streck dich nur soweit aus, wie die Decke dich zudecken kann.«

Mit dem Zudecken hat auch Gürsan Acar keine Probleme mehr. Dabei hat sich der »preußische Türke«, wie er sich selbst nennt, ebenfalls ganz allein eine unternehmerische Existenz aufgebaut. Ohne akademischen Grad, nur mit Unterstützung der Familie. Heute, 14 Jahre danach, kommuniziert Acar von seinem Firmensitz in Moabit aus mit Museumsdirektoren aus der ganzen Welt. Sie kaufen mit Vorliebe Audioguides bei der »tonwelt professional media GmbH«, also bereits mit kurzen Stücken über Ausstellungen bespielte, portable Abspielgeräte. Andere Auftraggeber bestellen Hörbücher oder Sprachsysteme für Navigationssysteme. In seinen Tonstudios kann Acar all dies aufnehmen lassen – in bis zu 30 Sprachen und in allen möglichen Dialekten.

Richtig beschleunigt hat den ohnehin kometenhaften Aufstieg des Moabiter Unternehmens ein kleines Gerät, das sich der Geschäftsführer 2004 selbst ausgedacht hat: Auf einen flachen Holzklotz hatte Gürsan Acar damals die Funktionstasten für ein handyähnliches Hörgerät geklebt, die er zuvor auf seinem Notebook entworfen hatte. Im fernen Taipeh fand der Unternehmer dann einen Entwickler, der die Audio-Abspielgeräte tatsächlich produzieren kann. Seitdem revolutionieren die leichten, handlichen Geräte Museumsbesuche weltweit. »Produktion, Technik, Service, Know-how« – alles aus einer Hand, darin sieht Acar seinen Erfolg begründet.

Wie sehr die türkisch-preußische Professionalität »Made in Berlin« geschätzt wird, belegt eindrucksvoll ein Beispiel aus Österreich: Als 2005 für den Wiener Stephansdom ein Audioguide-Produzent gesucht wurde, bekam Acar den Zuschlag. Obwohl sein Angebot deutlich teurer war als das seiner Mitbewerber. »Als Türke den Wiener Auftrag zu bekommen, war eine Ehre«, sagt Acar.

Um die eigene unternehmerische Ehre geht es auch Nare Yesilyurt. »Die Hand aufhalten, und zu sagen, der Staat soll mal machen, das kann jeder«, sagt Yesilyurt. Ihr Ding ist das nicht. Als sie 1999 von Bank zu Bank tingelte, um für ihre Geschäftsidee Kredite zu bekommen, schickten sie die Banker damals mit Blick auf ihre beiden kleinen Kinder einfach weg. Aber auch ohne die Hilfe bornierter Banker gelang der Deutsch-Türkin die Gründung von Deta-Med, einem Pflegebetrieb, bei dem Migranten, aber auch Deutsche kultursensibel ambulante Pflege für Migranten anbieten. In einer internationalen Metropole wie Berlin eine Marktlücke, wie sich im Nachhinein herausstellte. Heute versorgen 230 Mitarbeiter rund 500 Patienten über ganz Berlin verteilt. Und Nare Yesilyurt zahlt fair: zehn Euro in der Stunde bekommen die Mitarbeiter. Bereits in der Ausbildung erhalten die Frauen, unter ihnen viele alleinerziehend, vollen Lohn. Fachkräftemangel, wie sonst in der Pflege üblich, gibt es bei Deta-Med nicht.

»Der Trend geht zur kultursensiblen Pflege«, bestätigt auch Berlins Integrationssenatorin Carola Bluhm. Gemeinsam mit Wirtschaftssenator Harald Wolf (beide LINKE) stattete sie den drei migrantischen Unternehmern in Berlin am Montag einen Besuch ab. Sowohl Bluhm als auch Wolf lobten die internationale Vernetztheit und die hohe Bereitschaft, sich in Berlin zu engagieren. 40 000 selbstständige Migranten sind in Berlin gemeldet – Exoten sind sie schon lange nicht mehr.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung
  • Lastschrift

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln