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Eine Kristallkugel habe ich nicht

Der kubanischen Autor Leonardo Padura über die Zukunft seines Landes und die Verantwortung der Schriftsteller

Der 1955 in Havanna geborene Philologe Leonardo Padura war zunächst als Journalist tätig und machte sich mit kritischen Reportagen aus dem Alltag der Insel einen Namen. Den literarischen Durchbruch erreichte er mit seinen Romanen um den frustrierten Polizeiinspektor Mario Conde. Scheitern, Angst und Desillusion sind seine Leitmotive. In seinem neuesten auf Deutsch vorliegenden Roman »Der Mann, der Hunde liebte« vertieft er sie, hält sie für symptomatisch für die Generation, die mit den Idealen der kubanischen Revolution groß wurde. In Havanna sprach für ND Ute Evers mit dem Schriftsteller, der diese Woche in Berlin weilt.
Eine Kristallkugel habe ich nicht

ND: Herr Padura, welche Frage hat man Ihnen bisher am häufigsten gestellt?
Padura: Wie ich die Zukunft Kubas sehe.

Und was antworten Sie darauf?
Dass ich keine Kristallkugel habe, die mir die Zukunft voraussagen kann.

Ja, aber im Ernst ...
Das ist Ernst. Vor fünf Jahren hätte ich nie voraussagen können, was wir gerade im Moment erleben. Es sind Dinge passiert, die die historischen Diskurse völlig verändert und dazu geführt haben, dass die Realität einen anderen Kontext erhält.

Wie steht es mit dem Projekt zur »Aktualisierung« der Wirtschafts- und Sozialpolitik Kubas, das kürzlich auf dem Kongress der Kommunistischen Partei diskutiert wurde?
Es gibt Hoffnung, weil man von notwendigen Veränderungen spricht, obwohl man die schon vor Jahren hätte vornehmen sollen. Vor allem die, die sich auf die Wirtschaft beziehen, auf die Dezentralisierung des Staates, auf die Suche nach ausländischen Investoren etc. Es ist indes besorgniserregend, wenn das Projekt vom Abbau von Subventionen spricht, was die schwächsten Sektoren der Gesellschaft treffen könnte, wenn es um die notwendige Entlassung von überzähligen Arbeitern geht.

Auch ist nicht ganz klar, auf welchem Weg das Land nun weiter schreitet. Von oben nach unten ist die Linie eindeutig: Die Bürger müssen mehr arbeiten, Steuern zahlen, sollten keine ungerechtfertigten Vergünstigungen mehr erhalten. Aber von unten nach oben? Werden sich neue Wege für eine soziale und wirtschaftliche Partizipation öffnen? Werden die bürokratischen Hindernisse abgeschafft, die das Leben der Menschen erschweren? Werden Regulierungen aufgehoben, die es etwa verhindern, frei zu reisen, Eigentum verkaufen und Güter kaufen zu können?

Deshalb komme ich darauf zurück, was ich immer sage: Ich habe keine Zauberkugel, die in die Zukunft schauen kann. Aber ich vertraue darauf, dass es besser wird, dass wir mehr Möglichkeiten bekommen, von jenen Verantwortlichkeit zu fordern, die unser Land führen.

Wie gehen Sie vor, wenn Sie in ihren Büchern über Kuba schreiben?
Ich versuche auf jeden Fall, ein anderes Bild über Kuba zu vermitteln als jenes, das für gewöhnlich auf offiziellem Weg verbreitet wird. Aber es weicht auch von jenem ab, das die andere, extreme Seite vermittelt. Ich bemühe mich darum, die historischen, philosophischen, wirtschaftlichen und politischen Gründe zu finden, die mit diesen Abläufen zu tun haben, ohne dabei aber in eine Propaganda abzudriften, weder in die eine noch in die andere Richtung.

Füllen Sie mit Ihrem Roman »Der Mann, der Hunde liebte«, in dem es um die Ermordung Leo Trotzkis durch Ramón Mercader geht, eine Lücke in der kubanischen Geschichte?
Ja, obwohl die Lücken immer noch riesig sind. Und sie werden auch nur durch tief greifende soziologische, philosophische und historische Analysen über diese Epoche gefüllt werden können. »Der Mann, der Hunde liebte« – obwohl er auf einem soliden historischen Hintergrund aufbaut und diesem eine umfassende historische Forschung über das Thema vorausging – ist ein Roman.

In Ihrem Roman hat der Mörder Trotzkis etwas von einem Täter und Opfer zugleich, stimmen Sie mir darin zu?
Ja, völlig. Mercader ist ein Mensch seiner Zeit, der 30er Jahre, als sich die revolutionären – linken – und die konterrevolutionären – rechten – Positionen weltweit polarisierten. Aus diesem Panorama geht er als absolut gehorsame und parteiische Person hervor. Das Problem ist aber, dass die Partei selbst auch absolut gehorsam war. Und dieser Gehorsam führte zu Stalin, der nicht nur die sowjetische Partei manipulierte, kommandierte und zusammensetzte, sondern auch alle anderen kommunistischen Parteien, die in Beziehung zur Kommunistischen Internationale und zur Sowjetunion standen. Das heißt bis zu Mercader nach Spanien, wie auch zu vielen anderen Militanten jener Epoche reicht die Führungslinie, die Stalin vom Kreml aus diktierte. Parteitreue und Gehorsam zwangen viele Menschen, Verhaltensweisen anzunehmen, die, ethisch betrachtet, verachtenswert waren. Nur sie selbst sahen das nicht so, denn sie glaubten, so wie sie handelten, sähe der revolutionäre Vormarsch aus. Aber dieser revolutionäre Geist, der von der damaligen Sowjetunion ausging, war in Wirklichkeit mit Stalin identisch.

Wie man in Ihrem Roman lesen kann, wurde der Kampf zwischen Stalin und Trotzki irgendwann zu einem persönlichen Krieg.
Den Trotzkisten passt es überhaupt nicht zu hören, dass der Mord einen persönlichen Hintergrund hätte haben können. Für sie ist es wichtig, deutlich zu machen, dass das Verbrechen aus politischen und ideologischen und nicht aus persönlichen Gründen geschah. Ich glaube aber, dass es ganz offensichtlich einen persönlichen Krieg zwischen den beiden Männern gab.

Welche Quellen waren es, über die Sie zu Informationen über Mercader gekommen sind?
Es gab sehr wenige Quellen. Einmal die Biografie über Ramón Mercader, die sein Bruder Luis geschrieben hat, die eine starke Verteidigungshaltung zu Ramón einnimmt. Die andere Quelle ist ein Dokumentarfilm von José Luis López-Linares und Javier Rioyo, der 1996 in Spanien gedreht wurde und in dem eine Reihe von Menschen interviewt wird, die Mercader in Mexiko, Spanien und Moskau begegnet sind. Auch in Kuba gab es Aufnahmen, aber nur ein kurzes Toninterview, denn damals erlaubte man nicht zu filmen.

Die Basis, um die Figur zu schaffen, waren meine Nachforschungen über die Zeit, in der Mercader lebte, die Gewohnheiten und die Verhaltensweisen der Menschen, so dass Mercader in einen historischen Kontext gesetzt wurde. Was aber sein Denken und Handeln angeht, so ist er eine absolut fiktive, literarische Figur.

Fühlen Sie sich in Ihrer Rolle als eine Art Informationsvermittler über Kuba wohl?
Es ist ein ziemlich widersprüchliches Gefühl, das man in dieser Situation empfindet und zu dem einen der kubanische Kontext und die Wahrnehmung zwischen den Kubanern auf der Insel und außerhalb der Insel zwingen. Als kubanische Schriftsteller und Künstler im Allgemeinen tragen wir in allem, was wir machen, eine politische und soziale Last mit uns herum, die mitunter wirklich ermüdend werden kann. Immer wird von uns erwartet, dass wir, wenn wir nicht eine Antwort parat haben, doch wenigstens eine Vorstellung von den sozialen, politischen und wirtschaftlichen Problemen in Kuba haben müssen. Ja, der Schriftsteller auf Kuba trägt in gewisser Weise wirklich die Verantwortung dafür, eine solche Vorstellung von seinem Land zu haben. Diese Art der Reflexion, der Erklärung und Darstellung der Wirklichkeit sollte ja eigentlich die Presse übernehmen. Da die Presse auf Kuba aber einen absolut propagandistischen Charakter entweder für oder gegen die Revolution hat – denn es gibt die staatlichen Presseorgane und die Presse am Rande des Staates, die absolut konträre Positionen innehaben –, bleibt ein Leeraum, für den wir Schriftsteller uns gegenüber der Gesellschaft verantwortlich fühlen. Das ist gut und schlecht zugleich: schlecht, die Literatur mit Verantwortung zu belasten, die sie nicht haben sollte, und dem Schriftsteller Verpflichtungen aufzuerlegen, die er nicht haben müsste. Aber gut, dass die Literatur Antworten geben und einen Raum der Reflexion bieten kann, der sonst leer bliebe.

Ist das die Verantwortung der Intellektuellen, die auch Noam Chomsky fordert?
Richtig. Im kubanischen Fall liegt diese eindeutig vor. Es gibt natürlich auch solche, die ihr ausweichen, dann solche, die sie manipulieren. Und dann gibt es jene, die sie als Lebensform benutzen, die ihnen zwar keine besonderen Privilegien verschafft, aber Repräsentativität in der Presse, im Fernsehen, sie reisen zu Kongressen nach Venezuela oder Bolivien. Schließlich gibt es solche, die, weil sie eine unabhängige Meinung haben, darunter leiden, dass man uns von offizieller Seite aus mit Schweigen begegnet, als Preis für diese Unabhängigkeit. Wichtig daran ist aber, dass es heute möglich ist, in Kuba diese unabhängige Meinung zu vertreten. Das ist wirklich ein politischer und kultureller Gewinn.

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