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Nadel, Einhorn, Birkenblatt

Der große Wurf geht oft vorbei: In Berlin berät sich Europas entstehende Dorfbewegung

  • Von Velten Schäfer
  • Lesedauer: 5 Min.
»Es ist zehn vor 12«, sagt Silke Last vom Heimatverein Breese/Kuhblank über den Zustand der Dörfer im Land. Es fehle vielerorts nicht nur an Mitteln, sondern auch an Identifikation, Austausch und Debatte. Eine Dorfgemeinschaft, die weiß, was sie will, sei schon der erste Schritt zur Rettung.
Blick auf ein besonderes Dorf: Im sächsischen Cunewalde steht Deutschlands größte evangelische Dorfkirche.
Blick auf ein besonderes Dorf: Im sächsischen Cunewalde steht Deutschlands größte evangelische Dorfkirche.

Es ist vielleicht nicht die auf den ersten Blick wichtigste Angelegenheit in der Gemeinde Breese, doch die Diskussion um das Wappen des Dorfes im Amt Wilsnach bei Wittenberge schreitet voran. Der Heraldik-Verein »Prignitz-Herold« hat schon im Herbst einen Vorschlag erarbeitet, bald will man sich entscheiden. Der Vorschlag sieht ein Einhorn vor, das aus dem Wappen der Ritterfamilie v. Retzdorf stammt, die die Dorfgeschichte über Jahrhunderte geprägt hat. Ein Birkenblatt soll an die slawischen Wurzeln des Dorfes und seines Namens erinnern – der Ortsname Breese stammt aus dem Slawischen und heißt so etwas wie Birkendorf. Und die Nadel steht für die jüngere Geschichte der Gemeinde, die vor einigen Jahren aus den Dörfern Breese, Groß Breese und Kuhblank gebildet worden ist: 1903 eröffnete dort ein Nähmaschinen-Werk der Firma Singer, was zeitgenössisch zu einem schnellen Ausbau führte. Die »Singer-Häuser«, die für die Arbeiter im Nähmaschinenwerk gebaut worden waren, prägen bis heute das Ortsbild in Breese, das mit seinen 1200 Einwohnern ein eher »städtisches Dorf« ist.

Wer sich einen Weg suchen will, muss erst einmal bestimmen, wo er eigentlich steht. So ungefähr sagt es Silke Last, die Vorsitzende des Heimatvereins in Breese, Groß Breese und Kuhblank. Deshalb findet sie auch die Wappendiskussion nicht irrelevant: So klein die Dreiergemeinde auch ist, so verschieden ist sie im Detail: Während Kuhblank und Groß Breese, historische Bauerndörfer, sich seit Jahren selbst überlassen sind, erlebte der stadtnahe Gemeindeteil Breese zuletzt auch Zuwanderung: Städter aus dem nahen Wittenberge, die sich auf dem Lande Häuser bauen, die nahe Kita und die im Wald gelegene Schule schätzen – aber den Ort ansonsten eher als ruhige Schlafstätte sehen. Schon etwas mehr Wissen über Geschichte und »Identität«, glaubt Silke Last, kann helfen, auch neue Bewohner tiefer an ihrem Ort zu interessieren.

Und das echte Interesse am eigenen Dorf, da ist die 42-Jährige sicher, ist der erste Schritt zu dessen Rettung. Denn die Gefahr, dass die Dörfer einfach links liegen bleiben und allmählich aussterben, hält Last für sehr real, auch wenn sie nicht in Alarmismus machen will. »Es ist erst zehn vor 12«, sagt sie lächelnd. Doch dass, wenn die Alten sterben, die Häuser leerstehen, weil die Kinder weg sind und niemand anders kommen will, das kennt sie aus eigener Anschauung. Obwohl es in den beiden kleineren Dorfteilen inzwischen auch Rückkehrer gibt – so wie Silke Last selbst, die aus dem Ort stammt, aber in Berlin studiert und auswärts gearbeitet hat.

Den Heimatverein in Breese gibt es seit über 15 Jahren. Begonnen hat alles mit einer Sammlung historischer Alltagsgegenstände, hinzu kamen bald Veranstaltungsangebote. Seit 2001 stehen Dorfgemeinschaftsräume zur Verfügung, vergangenes Jahr wurde eine alte Fachwerkscheune ausgebaut, die der Verein jetzt nutzen kann – mit einer ständigen Ausstellung soll »ein kleines touristisches Aushängeschild« entstehen. Überhaupt ist, wie in vielen ländlichen Gemeinden, ein sanfter Fremdenverkehr eine Perspektive, etwa Radwanderer. Groß Breese und Kuhblank gehören zum Netz »historischer Dorfkerne« im Land Brandenburg, besonders der unberührte Rundlings-Zuschnitt von Kuhblank sei da von Interesse, sagt Silke Last. Allerdings ist sie der Ansicht, dass neue dörfliche Pläne stets sehr behutsam gefasst werden sollten. Denn der vermeintlich »große Wurf« geht oft am Ziel vorbei.

Lernen könne man da von den Skandinaviern, sagt Silke Last. Besonders die finnische und schwedische Dorfbewegung sei vorbildlich. Dort herrscht nicht nur in den Dörfern selbst eine rege Meinungsbildung, sondern auch ein organisierter Transfer dieser Meinungen in die Politik – über sogenannte Landparlamente. Solche Prozesse wünscht sich Silke Last auch für Deutschland. Sie seien fast ebenso wichtig wie die Geldtöpfe, etwa das Leader-Programm der EU, das Dörfer unterstützen soll.

In Breese findet die erste Meinungsbildung derweil bei »Dorfrundgängen« statt, bei denen die Bewohner oft konstruktiv darüber ins Gespräch kommen, was sie am Orte wollen und was sie stört. In der Prignitzer Dreiergemeinde ist ein erstes Ergebnis, dass endlich die Gehwege befestigt werden sollen. Schließlich seien immer mehr Bewohner künftig auf einen Rollator angewiesen.


Konferenzdetails

Internationale Dorfkonferenz am 13. und 14. Mai 2011 in Berlin unter dem Motto »Dörfer in Aktion – Die Kraft der dörflichen Gemeinschaften und der Dorfbewegungen«. Die Konferenz findet zum ersten Mal statt. Sie wird organisiert von der Rosa-Luxemburg-Stiftung (RLS) und der parteienunabhängigen Vereinigung der Dorfbewegungen in Europa (ERCA). Das Brandenburgische Netzwerk für Lebendige Dörfer ist regionales Mitglied der ERCA. Bisher gingen 240 Konferenzanmeldungen ein.

Ort: RLS, Konferenzraum 1. OG, Franz-Mehring-Platz 1, 10243 Berlin

Ziel der Konferenz:
– Erfahrungsaustausch über praktische Dorfentwicklung anhand internationaler guter Beispiele;
– die Rolle von Dorfbewegungen in der Bundesrepublik bekannter zu machen und deren Umsetzung zu diskutieren;
– Ortsvorsteher, Ortsbürgermeister, Mitglieder von Ortsbeiräten, Verantwortliche von Dorfvereinen, Unternehmer, Akteure in kommunalpolitischen, regionalen und landesweiten Funktionen, Verbänden und Netzwerken sowie in der Wissenschaft mit internationalen Erfahrungen vertraut zu machen und eigene einzubringen.

Wichtige Themen:
– Die Kraft der dörflichen Gemeinschaft;
– Dörfliche Entwicklung aus Bürgersicht;
– Neue Kraft, Gestalt und Attraktivität durch Kooperation und Vernetzung;
– Selbstorganisation des Dorfes im Verhältnis zur Gemeinde;
– Rolle von Landwirten und Agrarbetrieben im Dorf;
– Nachhaltige Entwicklung lokaler Ökonomie und Infrastruktur;
– Dem demografischen Wandel aktiv begegnen;
– Die 50Plus-Generation im Dorf

Namhafte Teilnehmer:
Prof. Dr. Bert Broekhus, Präsident der ERCA; Staffan Bond, Schweden; Nathalie Franzen, Universität Mainz; Franz Nahrada, Wien; Vanessa Halhead, Schottland; Sirje Vinni, Estland; Eero Uutisalo, Finnland ND

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