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Apropos Grimmepreise

MEDIENgedanken: Populäres und Unpopuläres im Fernsehen

  • Von Harald Kretzschmar
  • Lesedauer: 4 Min.

»Wer gewillt ist, das Beste im Menschen anzusprechen, muss nun einmal zugleich den Mut zur Unpopularität aufbringen.« Und » der Wille zum Niveau« werde »nicht stets den Majoritätsgeschmack auf seiner Seite haben« – so sprach am 25. November 1948 in seiner Antrittsrede der neuberufene erste deutsche Generaldirektor des Nordwestdeutschen Rundfunks Adolf Grimme. Britische Besatzungsmacht und demokratische Öffentlichkeit gleichermaßen hatten den seinerzeit inhaftierten Hitlergegner favorisiert. Er blieb bis 1956 in dieser Funktion. So konnte er seit 1951 den Vorgang befördern, dass das neugeschaffene Medium Fernsehen das bewährte Radio in Bedeutung und Massenwirkung sehr bald einholte und schließlich überflügelte.

Diese Rede mit der kaum verhohlenen Absage an eine falsche Mehrheitsgläubigkeit sollte sich noch als programmatisch erweisen. Als sozialdemokratischer Bildungsspezialist und Kulturexperte vertrat Grimme (nie unangefochten, wohlgemerkt) eine klare ethische Zielsetzung zur Bildung des »ganzen Volkes in allen Schichten und Gruppen«. Gerade in der Gestaltung des öffentlichen Lebens durch die Medien sah er diese Verantwortung. Eine demokratische Neugestaltung des Bildungswesens, die ihm als preußischer Kultusminister 1930/32 verwehrt gewesen war, gelang ihm 1945/46 für die britische Besatzungszone in derselben Funktion. Danach übernahm er die Aufgabe, eine Medienöffentlichkeit zu strukturieren.

Die Geschichte des Adolf-Grimme-Preises beginnt pünktlich 1964 kurz nach dem Tod des Namensgebers am 27. August 1963. Freunde und Kollegen des Verstorbenen vom »Deutschen Volkshochschulverband« und aus den Sendern brachten das Projekt auf den Weg. Das von ihnen verfasste Statut sah vor, dass dieser Preis »Fernsehleistungen, die Möglichkeiten des Fernsehens nutzen (...) und nach Inhalt und Methode Vorbild (...) sein können« würdigt. Weil undotiert, war also von Anfang an eine uneigennützige Ehrung qualitativ hoher Leistung gemeint. 1973 gründete der Volkshochschulverband namens des federführenden Professors Bert Donnepp zusätzlich das Adolf-Grimme-Institut im westfälischen Marl. Es ist noch heute für die Berufung von Nominierungskommission und Jury sowie das gesamte Management des Preises zuständig. Im übrigen entwirft es diverse »Modelle für eine Zusammenarbeit der Volkshochschulen mit dem Fernsehen«.

In der Öffentlichkeit fast unbemerkt blieb allerdings, dass 2010 eine kleine (überflüssige, weil letzten Endes peinliche) Amputation des Begriffs Adolf-Grimme-Preis stattfand. Er heißt jetzt nur noch Grimmepreis, das Institut nur noch Grimme-Institut. Als Grund gab man die Fusion mit dem gleichfalls in Marl ansässigen »Europäischen Zentrum für Medienkompetenz« an. Nunmehr sollen die »neuen Medien« stärker in ihrer Kompetenz gewürdigt werden. Was immer das heißen mag – an der Kernfrage scheiden sich nach wie vor die Geister: In allen Medien Spitzenleistungen ansteuern, die allmählich in die Breite zu wirken vermögen. Wer sich dem geistigen Erbe Adolf Grimmes verpflichtet fühlt, gibt den Minimalanspruch, unterhaltend zu bilden und bildend zu unterhalten, nicht auf. Daran darf sich kein Deut ändern – ob nun mit oder ohne Vornamen. Und die diesjährige Preisverleihung von Anfang April hat wiederum diesen Anspruch erneut eindrucksvoll bestätigt.

Aus der Fülle der Fernsehbeiträge des vergangenen Jahres filterten wieder zahlreiche ehrenamtliche Mitwirkende einen Extrakt hochwichtiger und bedeutender Leistungen heraus. Wie gut, sich zu erinnern an »Am Ende kamen Touristen« über Auschwitz besuchende Jugendgruppen oder an »Die Anwälte« zur ultralinken Vergangenheit Horst Mahlers, Otto Schilys und Christian Ströbeles. Oder an »DDR ahoi« als ein filmisches Hohelied auf die Hochseefischerei eines ausgrenzend ausgegrenzten Landes. Oder an »Wo ist Gott?« mit den Fragen der Kinder im Gott, Jehova und Allah huldigenden »Heiligen Land«. Oder an »20 x Brandenburg«, dem Gemeinschaftsprojekt von Andreas Dresen und Johannes Unger zur poetisch-sachlichen Gegenwartserfassung dieser deutschen Weltgegend. Oder an »Iran Elections 2009« von dem seit seiner Komödie »Salami Aleikum« weltbekannten Ali Samadi Ahadi. Im Zusammenhang mit seinem neuen tiefschwarzen Wahlreport bezog er sich bei der Preiszeremonie bewusst achtungsvoll auf den Namen des deutschen Antifaschisten Adolf Grimme als großes Vorbild. Nomen est Omen.

Abgesehen davon, wie sehr die Jury darauf Wert legte, so hervorstechende Unterhaltungs-Asse wie Thomas Gottschalk und Kurt Kroemer ganz besonders zu würdigen, ließ sie keinen Zweifel daran, was ihr besonders wichtig ist. Dokumentarische Kunstformen analysiert sie auf immer moderneren, will heißen zeitgemäßen Ausdruck hin. Also: das traditionelle Niveau nicht aufgeben, aber neuartige Varianten fördern. Der Direktor des Grimme-Instituts, Uwe Kammann, bringt es auf den Punkt: »Neue Deutungshierarchien bilden sich, herkömmliche verlieren ihre Dominanz.« Und der seit 1981 für die Verleihung der Grimme-Preise speziell zuständige Vizechef Ulrich Spies ergänzt: »Wenn innovative Darstellungsformen sowie inhaltliche Bildungs- und Aufklärungsintentionen zusammen kommen, dann ist eine im Sinne Adolf Grimmes auszeichnungswürdige Qualität erreicht worden.«

Der Autor ist Zeichner, Buchautor und ND-Karikaturist.

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