Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Ackerbau vorm Zwingerteich

Dresdener Schau zur Kleingartenbewegung

  • Von Sebastian Hennig, Dresden
  • Lesedauer: 3 Min.
Eine Ausstellung im Stadtmuseum blickt auf hundert Jahre Kleingartenbewegung in Dresden zurück. Es war ein Jahrhundert mit vielen Verwerfungen im Alltagsleben der Menschen, die auch in den grünen Oasen ihre Markierungen hinterlassen haben. Den jüngsten Einschnitt brachte das große Hochwasser von 2002, in dessen Folge viele Parzellen in den alten Überflutungsgebieten aufgegeben werden mussten.

Aus dem volkserzieherischen Ansatz des Leipziger Arztes Moritz Schreber, der arbeitenden Bevölkerung der Ballungsgebiete Freilanderfahrungen und frische Zukost zu verschaffen, erwuchs in Krisen- und Kriegszeiten ein überlebenswichtiger Miniatur-Ackerbau. Die Dresdener Ausstellung zeigt unter anderem die Fahne der »Gartenkolonie Dresden West e. V.«, auf deren Rückseite die Aufschrift »Ohne Fleiß kein Preis. Gew. v. d. Frauen des Vereins im August 1925«. Vorn findet sich das gestickte Bild eines Mütterchens mit Kopftuch und Schürze, die den Rechen schultert und einen Knaben im Arm trägt, der einen rotbackigen Apfel hält. Das Bild versetzt uns mitten in jene Zeit, da die Gartenäpfel Lebensspender waren. Nach 1933 wurde mit der kleingärtnerischen Brachlandgewinnung die Kriegswirtschaft gestützt. In einer Vitrine findet sich der Wanderpreis »Der goldene Spaten«, der in den dreißiger Jahren von der Zeitschrift »Grüne Post« verliehen wurde. Zum Kriegsende war die Lage dann derart prekär, dass Beete auch am Zwingerteich angelegt wurden, wie auf alten Fotos erkennbar ist.

1946/47 wurden über 200 Hektar zusätzliche Anbaufläche im Stadtgebiet urbar gemacht. Die damalige Ausstellung »Vom Brachland zum Kleingarten« in der Albertkaserne feierte die Erfolge und ermunterte zur Fortsetzung des Kultivierungswerkes. Nach 1989 musste so manches Gärtchen, das sich nach dem Krieg etabliert hatte, der Lückenbebauung weichen. Ein Aquarell von Irmgard Uhlig von 1948 zeigt einen dunstigen Großen Garten, unter kahlen Baumriesen die gebückten und knienden Gestalten der Ackernden. Nachtwachen wurden abgehalten um die Früchte vor Diebstahl zu schützen. Etwas von dieser Erfahrung scheint den Gärtchen heute noch anzuhängen. Die Fotografin Ardine Nelson aus der Partnerstadt Columbus/Ohio vermutete in ihnen beim ersten Anblick die Armensiedlungen der Stadt. Die differenzierte Lebenswelt der Garteninhaber aus allen Lebensaltern und Berufsschichten verführte sie zu einer umfangreichen Reihe von Fotoporträts der Kleinfarmer auf ihrem Pachtland.

Wer mit der Stadtbahn von Pieschen nach Neustadt fährt, der sieht auf der linken Seite eine endlos scheinende Fläche von Hütten und Beeten, die sich bis an den Heiderand hinziehen. Dort soll jetzt mit einem Kleingartenpark ein Erholungsgebiet für die Allgemeinheit entstehen. Eine Streuobstwiese und ein Spielplatz wurden schon eingerichtet. Das Wegenetz wird für die Öffentlichkeit erschlossen. Es werden Querungen über die vierspurige Hansastraße entstehen, die der Anlage ihren Namen leiht, sie aber auch unbarmherzig zerteilt. Weitere Parks dieser Art sollen folgen.

Im Zentrum der Ausstellung steht die Nachbildung eines Vereinslokals mit bestickten Tischdecken, Blumenaquarellen und Urkunden. Eine Hollywoodschaukel, 1968 im Eigenbau hergestellt, besteht aus Rohren und einer Lkw-Sitzbank. Konservengläser, Dampfentsafter und Einkochtopf zeugen von der gewissenhaften Verwertung der Erträge. Rückzug bietet der Garten nicht nur dem zivilisationsmüden Menschen. Auch eine ganze Reihe von Tieren finden Brutstätte und Nahrung. Als Präparate sind sie in den Vitrinen gegenwärtig. Auf ausgewählten Gemälden aus dem Bestand der Städtischen Galerie wird der Kleingarten schließlich als Landschaft aufgefasst.

»Klein(e) Garten Freuden – 100 Jahre Kleingartenbewegung in Dresden 1911 bis 2011« Stadtmuseum Dresden, bis 26.6.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln