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Japans Regierung greift bei Tepco ein

Fukushima-Opfer sollen entschädigt werden

  • Von Susanne Steffen
  • Lesedauer: 3 Min.
Die japanische Regierung hilft dem Fukushima-Betreiber in unbekannter Höhe, um ihn vor dem Bankrott zu bewahren. Dazu wurde eine staatliche Finanzierungsgesellschaft gegründet. Die Regierung stellt aber den Tepco-Krisenplan für Fukushima in Frage.

Die japanische Regierung hat am Freitag die Gründung einer staatlichen Finanzierungsgesellschaft beschlossen, um sicherzustellen, dass die Tokyo Electric Power Company (Tepco), die das Unglückskraftwerk Fukushima 1 betreibt, die extrem hohen Entschädigungen für Bürger und Gemeinden in den verstrahlten Gebieten zahlen kann. Noch gibt es keine offiziellen Schätzungen über die Höhe der Entschädigungen. Laut Medien muss das Unternehmen mit Forderungen in Höhe von bis zu 10 Billionen Yen (87 Milliarden Euro) rechnen. Der Staat will der Finanzierungsgesellschaft unverzinste Anleihen zur Verfügung stellen, damit die Gesellschaft Tepco jederzeit neue Kredite gewähren kann. Auch alle japanischen Stromversorger, die Atomkraftwerke im Land betreiben, sollen in die Gesellschaft einzahlen. Kritiker fürchten allerdings, dass die Stromkonzerne ihre zusätzlichen Kosten mittels höherer Stromgebühren auf die Verbraucher abwälzen könnten.

Die Situation in dem havarierten AKW Fukushima ist dramatischer als bisher angenommen. Am Donnerstag erklärte Tepco, in Reak- tor 1 seien große Teile der Brennstäbe geschmolzen und auf den Boden des Druckbehälters gesunken. Der Umfang dieser Kernschmelze sei jedoch unklar, sagte ein Firmensprecher. Man könne aber angesichts der Temperatur von 100 bis 120 Grad Celsius davon ausgehen, dass das Kernmaterial vorerst ausreichend gekühlt werde, versicherte der Sprecher. Es bestehe derzeit keine Gefahr, dass radioaktives Material durch den Boden des Reaktors schmilzt, ergänzte ein Vertreter der Atomaufsichtsbehörde. Gleichzeitig stellten Arbeiter fest, dass die Wasserstandsanzeige über Wochen hinweg falsche Daten lieferte. Jetzt ist klar, dass der Wasserstand trotz wochenlangen Besprühens mit vielen hundert Tonnen Kühlwasser etwa einen halben Meter unter den Brennstäben endet.

Die Gefahr einer Wasserstoffexplosion durch frei liegende Brennstäbe halten die Tepco-Experten jedoch für gering. Es werde ausreichend Stickstoff eingeleitet, um eine Explosion zu verhindern, erklärte ein Sprecher. Am 12. März, einen Tag nach dem verheerenden Erdbeben, hatten frei liegende Brennstäbe in dem Reaktor große Mengen Wasserstoff freigesetzt, der in Verbindung mit Sauerstoff eine schwere Explosion auslöste.

Die neuen Erkenntnisse über die Lage in Reaktor 1 bringen den Rettungsplan der Tepco ins Wanken. Da der Wasserstand trotz Dauerbesprühung nicht steigt, müsse es Lecks im Druckbehälter und möglicherweise auch im Sicherheitsbehälter geben, bestätigte die Gesellschaft. Wohin das radioaktiv verseuchte Kühlwasser fließt, ist unklar. Nach Informationen der Zeitung »Asahi« sind mindestens 3000 Tonnen Wasser ausgelaufen.

Eigentlich wollte das Unternehmen den Sicherheitsbehälter, der den Reaktorkern samt Druckbehälter umhüllt, vollständig mit Wasser fluten. Durch Wärmetauscher sollte ein stabiler Kühlkreislauf errichtet werden. In sechs bis neun Monaten sollten die Reaktoren unter Kontrolle sein. Nun müsse der gesamte Plan auf den Prüfstand, erklärte Japans Industrieminister Banri Kaieda.

Der Sprecher der japanischen Atomaufsichtsbehörde, Hidehiko Nishiyama, erklärte am Freitag, eine Flutung des gesamten Sicherheitsbehälters sei möglicherweise nutzlos, da das Kernmaterial auch durch eine geringe Wassermenge gekühlt werde. Falsche Messwerte und eine daraus folgende fehlerhafte Einschätzung der Lage in dem Reaktor werfen jedoch Zweifel auf die Glaubwürdigkeit der Zustandsbeschreibungen in den ebenfalls schwer beschädigten Reaktoren 2 und 3.

Unterdessen hat der Stromkonzern Chubu Electric am Freitag den ersten der beiden noch am Netz befindlichen Reaktoren des AKW Hamaoka heruntergefahren. Am heutigen Sonnabend soll der zweite Reaktor folgen. Die Regierung hatte die Abschaltung des AKW gefordert, solange der Betreiber keinen Tsunami-Schutzwall errichtet hat. Experten warnen bereits seit Jahren, dass das Kraftwerk in der Nähe einer Verwerfung steht, die Epizentrum eines schweren Erdbebens sein könnte. In den nächsten 30 Jahren werde es dort mit fast 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit ein Erdbeben der Stärke 8 geben.

Nach Recherchen des japanischen Fernsehsenders NHK sind derzeit knapp 60 Prozent aller japanischen Atomkraftwerke wegen Wartungs- und Reparaturarbeiten nicht am Netz. Vielerorts haben die Standortgemeinden schon angedeutet, dass sie einer Wiederinbetriebnahme der Anlagen nicht ohne weiteres zustimmen werden.

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