Von Gunnar Decker

Herr Joseph von Turnschuh und Taxis

Regisseur Pepe Danquart hat einen Film gedreht über einen deutschen Politiker. Es gibt diesen Mann in diesem Dokumentarfilm immer zweimal: als Repräsentanten und als bekennenden Außenseiter. So heißt der Film auch, der morgen in die Kinos kommt: »Joschka und Herr Fischer«.

Vielleicht hatte Regisseur Pepe Danquart, nach Sportfilmen im Kinoformat wie »Heimspiel« (Eishockey), »Höllentour« (Radsport) oder »Am Limit« (Bergsteigen) sowie der ziemlich missglückten Kriminalgroteske »Basta, Rotwein oder Totsein«, ja eine Art Synthese aus Extremsport und Rotwein im Sinn?

Was lag da näher als ein Porträt von Joschka Fischer, angelegt als Zeitreise durch die sechzigjährige Geschichte von Deutschland (West)?

Das Unternehmen wurde durch ein Dutzend Koproduzenten und Geldgeber gefördert. Auf den ersten Blick reichlich überdimensioniert, um ein Interview mit einem einzigen Mann zu führen. 140 Minuten Fischer-Biografie sind am Ende herausgekommen, und da man dies ja nicht mit einer etwas längeren Reportage verwechseln, sondern als Kinokunstwerk begreifen soll, gibt sich Danquart alle erdenkliche Mühe, im Umfeld des Films seine eigene jahrelange Arbeit zu beschreiben.

Für den Background des Interviews wurden allein 24 Kurzfilme aus Archivmaterial gedreht, die dann »als Loops, Endlosschleifen, auf Glaswände projiziert wurden«, so der Regisseur. Ziemlich aufwendiges Interieur, in dem dann Fischer zu sehen und zu hören ist. Er, Danquart, habe Leute angestellt, die für ihn in aller Welt recherchierten – immer auf der Suche nach unbekanntem Material.

Das Resultat dieser Art filmischer Hintergrundsuchbewegung ist allerdings zumeist enttäuschend. Die Filmsequenzen, die Musik, die Stimmen Dritter über Fischer – alles seltsam profillos, ein einziger bunt flackernder Brei aus Filmschnipseln, die historisches Kolorit erzeugen sollen.

Fischer allerdings trägt diese zweieinhalb Stunden mühelos. Ein Selbstdarsteller zweifellos, aber einer mit Selbstironie – und mittlerweile auch mit unübersehbar altersweiser Melancholie. Ein notorischer Machtmensch, nun, von dieser Macht befreit, wieder ganz ein eigensinniger Einzelgänger, einer, der nirgendwo im Gleichschritt mitmarschiert, dem alle Partei- und Gremienarbeit ein Gräuel ist. Diese Unabhängigkeit, die man ihm jederzeit glaubt, wurzelt zweifellos in seiner Sozialisierung als Frankfurter Sponti – der sichtlichen Unlust an aller Konformität. Das ist einer, der macht seine Fehler selbst und sagt hinterher nicht, er könne nichts dafür.

Es gibt Fischer immer zweimal – als Herrn Joseph Fischer, den Repräsentanten, und als Joschka, den bekennenden Außenseiter. Danquart geht nun im Gespräch mit ihm von Lebensstation zu Lebensstation – immer mit Joschka und seinem Doppelgänger Joseph zugleich. Die Familienmitglieder bei Fleischermeister Joszef Fischer gehörten als Ungarndeutsche zu den 1946 aus ihrer Heimat Vertriebenen. Wie Fischer über seine Kindheit im baden-württembergischen Gerabronn spricht, das ist bemerkenswert – etwa, wenn er in einer Filmsequenz seinen alten Pfarrer erkennt, bei dem er Messdiener war. Das Milieu: konservativ bis revanchistisch. »Meine Kindheit war voll von Vertreibungsgeschichten. Ich habe nie etwas über den Holocaust gehört.«

Gegen diese Selbstgerechtigkeit wird er sich schließlich wenden, doch nie in einem blindwütigen Abkehraffekt, sondern, das spürt man auch heute noch, bei Beibehaltung einer starken emotionalen Bindung. Es klingt eher liebevoll amüsiert, wenn er sagt: »Ich bin mir nicht sicher, ob meine Mutter mich jemals gewählt hat.«

Die Schule bricht er ab, geht eigene Wege – tourt erst einmal durch die Welt. Ohne Student zu sein (er hat kein Abitur), gehört er der Studentenbewegung an, studiert privatim mit an der Universität Frankfurt am Main: ein Autodidakt strenger Observanz. Wir hören etwas über die entscheidende Bedeutung des »Club Voltaire« in Fischers Bildung, über seine Begegnung mit Daniel Cohn-Bendit, die Gruppe »Revolutionärer Kampf«, in der er Mitglied ist, über die Arbeit bei Opel, den Schock des Terrorismus.

Der Straßenkämpfer und Steinewerfer wird nicht ausgespart, jedoch vorsichtig interpretiert. Dann jedoch verweigert er plötzlich jede Form von politischer Aktion, denn die Schleyer-Ermordung bereitet ihm Ekel. Da kehrt es sich für ihn um: der vorgebliche Nazi Schleyer, der von seinen Entführern »hingerichtet« wurde, wird in seinen Augen zum Menschen; die Mörder aber, die sich mit ideologischen Phrasen rechtfertigen, verkörpern nun jene Unmenschlichkeit, die er in der Vätergeneration so angeprangert hat: als Duldung der Nazis. Hier liegt auch ein Schlüssel für Fischers dann wohl gravierendsten Fehler als späterer Politiker – einen Krieg auf dem Balkan befürwortet zu haben –, der Schlüssel aber auch für sein »Nein« zum Irak-Krieg. Mord darf man nicht stillschweigend dulden, dann wird man zum Mittäter, so seine unverrückbare Position. Doch wenn die Lagebeschreibung, wie auf dem Balkan, nicht zutrifft – was dann?

Ist Fischer ein Karrierist, der immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort war, das Zusammentreffen notfalls arrangierte? Das wohl auch. Aber viel authentische Spontanität ist dabei – bis heute. Wenig klammerte er sich an Ämter – ebenfalls bis heute. Nachdem er als Taxifahrer in Frankfurt, wie er sagt, das wirkliche Leben kennenlernte, tritt er 1982 den Grünen bei – und wird drei Jahre später erster Umweltminister für die Grünen in Hessen. Ein heilsames Fiasko, wie er bekennt. Doch zeigen die Bilder eine heute kaum mehr vorstellbare Atmosphäre des Aufbruchs, der Angst auch der etablierten Parteien vor den Grünen, die als Chaoten und Spinner mit derselben Unverfrorenheit denunziert wurden, wie sie heute als Koalitionspartner hofiert werden.

Fischer musste zur Vereidigung als Minister (»das wurde ausführlich diskutiert«) Turnschuhe tragen, obwohl er lieber andere angezogen hätte. Wir sehen auch jene legendäre Szene vor dem Bundestag, da der Chefredakteur dieser Zeitung (und Gründungsmitglied der Grünen), Jürgen Reents, eine sehr provokante Rede hält und dabei mehrfach vom Vorsitzenden verwarnt wird. Die Situation eskaliert, Fischer ruft dem hohen Haus schließlich seine berühmt-niedrigen Kraftausdrücke entgegen. Das sind Szenen, die sich anzuschauen lohnen – diese befreiend-renitente Atmospäre ist dann spätestens seit der Wiedervereinigung aus dem Parlament verschwunden. Schade eigentlich.

Danquart hatte Fischer bereits 2005 auf seiner Wahlkampfreise begleitet, doch auf ominöse Weise verschwand das Filmmaterial, wurde aus einem abgestellten Wagen in Kiel während einer Kaffeepause gestohlen. Dies hier ist also der zweite Versuch Danquarts, mit Fischer zu sprechen – und der setzt sich dem aus, mit sichtlicher Lust an Selbsterklärung.

Soll man Danquart vorwerfen, er habe Fischer jede unangenehme Frage erspart, sich ganz zum Medium seiner Selbstdarstellung machen lassen? Ein Porträt ist kein Verhör, und Fischer, der hier auffallend zurückhaltend auftritt, bietet einem aus Selbstdenkern bestehenden Publikum vieles (auch Lebensirrtümer en masse), was die vorherrschend eindimensionale Sicht auf bundesrepublikanische Geschichte in wohltuender Weise zu stören vermag.

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