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Never Ending Life

Der Künstler, der das Kunstwerk Bob Dylan schuf, wird morgen 70

Eines der ersten Kunstwerke, das der junge Robert Allen Zimmerman schuf, war sein Künstlername: Bob Dylan. Und kaum ist so ein Kunstname in der Welt, will jedermann wissen, was er bedeutet. Der Künstler wurde gefragt – und widersprach sich andauernd selbst. Dylan? Ja, da gibt es doch diese Figur in der Fernsehserie »Gunsmoke«, die schreibt sich zwar anders, nämlich »Dillon«, aber »Dylan« sieht ja wohl eindeutig besser aus. – Dylan? Ist natürlich eine Hommage an den walisischen Dichter Dylan Thomas, den ich begierig lese und verehre. – Dylan? Bedeutet gar nichts, ist mir einfach so eingefallen.

Warum diese Geheimniskrämerei? »The answer, my friend, is blowing in the wind«. Vielleicht kennt Dylan sie wirklich nicht.

Es ist schon fast eine Binsenweisheit, dass ein gutes Kunstwerk klüger ist als der Künstler. In die Welt entlassen, steht es zunächst für sich. Aber so bleibt es ja nicht stehen. Jeder Leser, Betrachter, Hörer entdeckt etwas Anderes, etwas Neues in so einem Werk – und ergänzt es dabei um ein Stück von sich selbst. Warum sollte ein Künster dieser wunderbaren Vergrößerung seiner Schöpfung absichtlich entgegentreten, indem er sie mit unzweifelhaften Erklärungen zu vereindeutigen sucht? Dylan wusste und weiß bis heute nicht, warum – und praktizierte deshalb zeitlebens das Gegenteil.

Schon als Neuankömmling im winterlichen New York des Jahres 1961 schmückte der Elektrikersohn aus der Erzbergbaustadt Hibbing, Minnesota, sein gelebtes Leben mit wild erfundenen Anekdoten aus. In seinen Songs, auch den frühen, bediente sich der eifrige Leser und genaue Beobachter nach Lust und Zweck der nächsten wie der entlegensten Quellen und ließ sie (ohne Fußnoten oder Register) zu einem musikalisch und lyrisch unerhört originellen Strom zusammenfließen. Immer, wenn man ihn dingfest machen, vereinnahmen wollte, entwich er den Händen, die nach ihm griffen: Von Folkpuristen wollte er sich so wenig begreifen, sprich: begrapschen lassen wie von Bürgerrechtlern und Friedenskämpfern. Jene schockte er 1965 mit dem rockigen Einsatz einer elektronisch verstärkten Gitarre, diesen verweigerte er sich als Leitfigur. Dass der Schöpfer des wütend die Waffenindustrie anklagenden Songs »Masters of War« das Image des Protestsängers vehement ablehnte, heißt aber nicht, dass er die politischen Forderungen der Bewegung nicht gutgeheißen hätte. Es heißt nur, dass Dylan sich nicht als hauptberuflicher Demonstrant sah, sondern als Dichtersänger, dem die »Nachrichten« aus alten, teils fast vergessenen Liedern und Büchern vor größere Aufgaben stellten als die aus der neusten Zeitung. Bob Dylans Interesse galt der Wahrheit stets mehr als der Wirklichkeit. Wirklich sind immer nur Momente. Wahr ist das, was diese Momente durch die Zeiten hindurch verbindet.

Klarstmögliche Aussagen zu treffen, ist die Aufgabe der Wissenschaften – so auch der »Dylanologie«, deren Forschungsergebnisse sich in unzähligen Büchern und Aufsätzen niederschlagen. Die Künste aber öffnen Türen in Möglichkeitsräume. Zimmerman nutzt und nutzte alle Mittel, die ihm zur Verfügung stehen – Widersprüchlichkeit, Verwirrung, Schweigen –, um die Türen zu Dylans Kunst nicht zuzuschlagen. Kann die Dylan-Forschung mit all ihren Datensammlungen und Werkinterpretationen ihrem Gegenstand also gar nicht näher kommen? Doch. Aber ihn gänzlich erfassen zu wollen, ist ein Ziel ohne Sinn.

Wer über Dylan schreiben will, kommt um die Frage nicht herum, über welchen Dylan er schreiben will, denn wirkliche Dylans gab und gibt es viele: den Schüler im Mittleren Westen, der mit seiner Rockband »The Golden Chords« Little Richard nacheifert; den 19-jährigen, der alles dafür tut, Woody Guthrie zu sein; den Bohèmien in Greenwich Village, der sich an der Seite von Gauklern in den Cafés mit Mundharmonika und Gitarre verdingt; den vermeintlich neuen Stern am Folkhimmel, den Columbia Records quasi als Katze im Sack einkauft – ein prima Geschäft, wie sich herausstellen soll; den musikalischen Allesfresser, der Blues so gut verdaut wie Country, Folk so gut wie Rock; den Dichter, der die Poesiefähigkeit von Poptexten unter Beweis stellt und irgendwann sogar als Kandidat für den Literatur-Nobelpreis gehandelt wird; den Rocker, dessen Hit »Like a Rolling Stone« vom Musikmagazin »Rolling Stone« zum größten Song aller Zeiten gekürt wird; den nach seinem kräftezehrenden Blitzstart und einem Motorradunfall in die Stille zurückgeworfenen Privatmann, der sich nichts sehnlicher wünscht, als ein geregeltes Leben in Familie zu führen; den schweigsamen Alias-Darsteller im Western »Pat Garrett jagt Billy the Kid«; den religiös Erweckten, der eine Zeitlang auf Konzerten zu seinem Publikum predigt; den heiß ersehnten Star auf einer FDJ-Bühne 1987 im Treptower Park, der die Massen ignoriert und schlecht gelaunt sein Programm abnudelt; den Zeichner und Maler, der eine große Zahl eigens zu diesem Anlass geschaffener Gouachen 2007 erst- und einmalig in den Kunstsammlungen Chemnitz ausstellt; den seit über 20 Jahren mit seiner »Never Ending Tour« um den Globus ziehenden wortkargen Musikanten, der seine eigenen Lieder so lange und immer wieder anders zersingt und verfremdet, bis sie kaum noch jemand erkennt.

Über jeden dieser wirklichen Dylans (und über einige weitere mehr) könnte man schreiben. Über den wahren Dylan aber kann man nicht schreiben. Der kann man nur sein. Und wer ist das schon, der wahre Bob Dylan? Wahrscheinlich nicht einmal Robert Zimmerman. Der, so hört man, wird heute 70. Ein »Never Ending Life« wird dem Künstler auf dieser Welt leider nicht beschieden sein. Seinem Kunstwerk Bob Dylan womöglich schon.

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