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  • 9. ND-Lesergeschichten-Wettbwerb

Wie »Die Kuh im Propeller«

Manfred Urban aus Berlin

Noch heute, mehr als 18 Jahre danach, denke ich an den Misserfolg.

Wo und wann es möglich gewesen war, hatten meine Frau und ich seit dem Ende unserer Arbeit in der Lehrerbildung in Äthiopien von 1981 bis 1984 uns für die Menschen dieses Landes engagiert.

Nach der Einheit Deutschlands schlossen wir, Klaudia und ich, uns im Herbst 1991 in Berlin dem Arbeitskreis »Menschen für Menschen«, der Hilfsorganisation Karlheinz Böhms für Äthiopien, an. Herr Böhm, so wurde vereinbart, sollte im September 1992 meine Schule im Prenzlauer Berg als für ihn erstes Ostberliner Gymnasium besuchen.

Einen Tag vor dem Ereignis, es war ein Sonntag, hielt Karlheinz Böhm in der Urania in Westberlin einen sehr interessanten Vortrag über das auch uns zur Herzenssache gewordene afrikanische Land und seine Menschen. »Menschen für Menschen«, das wussten wir aus unserer eigenen Arbeit im äthiopischen Hochland, gab mit wachsendem Erfolg unabhängig von den politischen Bedingungen im Lande Hilfe zur Selbsthilfe.

Nach diesem Vortrag waren wir felsenfest davon überzeugt, dass der Besuch von Herrn Böhm und seine Ausführungen vor Schülern und Kollegen am nächsten Tag ein Erfolg werden würde und damit Motivation für weitere Hilfsbereitschaft.

Man sagt, Irren sei menschlich.Dem Umstand, dass Herr Böhm das erste Ostberliner Gymnasium besuchte, hatte ich kaum Bedeutung beigemessen. Mir war das Anliegen von »Menschen für Menschen« wichtiger, und Karlheinz Böhm als Repräsentant dieser Hilfsorganisation hatte doch etwas zu sagen.

Ja, aber er meinte der damaligen politischen Großwetterlage entsprechen und seinen Beitrag zur Verteufelung der DDR leisten zu müssen.

Jedenfalls war er nach den ersten Sätzen seines Vortrages bereits bei der Stasi und behauptete, dass das, was von der DDR in Äthiopien bleiben wird, nur mit Staatssicherheit und Marxismus-Leninismus zu tun habe. »Nur das wird bleiben!« Er merkte überhaupt nicht, wie er vielen Schülern und Kollegen, denen solidarisches Handeln für Menschen in Not immer ein Bedürfnis gewesen war, vor den Kopf stieß. Selbstherrlich hatte er sich auf der Bühne der Aula nicht auf einen der bereitgestellten Stühle gesetzt, sondern sich auf dem Tisch platziert.

Im Auditorium gab es immer wieder Unruhe und Widerspruch. Als er sich dann gegenüber den Schülern, immerhin aus den oberen Klassen, noch zu der Bemerkung – »40 Jahre musstet ihr tun, was von euch gefordert wurde. Wenn ihr jetzt nicht zuhören wollt, geht auf den Hof und spielt Fußball!« - hinreißen ließ, drohte die Veranstaltung aus dem Ruder zu laufen.

Mit »Gewendet sind wir ja nun genug ...« leitete der erste Schüler seine Frage an Herrn Böhm ein. Als dieser nach wenigen weiteren Anfragen mit »Sicher werdet ihr eine Mark für ›Menschen für Menschen‹ übrig haben.« endete, wurde ich arg an »Die Kuh im Propeller« von Michail Sostschenko, vorgetragen mit großem Applaus von Manfred Krug innerhalb der Veranstaltungsreihe »Jazz und Lyrik«, erinnert.

Sostschenko resümiert zum agitatorischen Wirken des Fliegers Grigori Kossonossow: »Geld für ein neues Flugzeug brachte Kossonossow nicht mit. Die Bauern seines Dorfes waren eben ein ungebildetes Volk.«

Kollegen fragten mich anschließend, warum ich diesen Menschen an die Schule geholt habe. Natürlich stellten Klaudia und ich ihn am Abend beim Treffen des Berliner Arbeitskreises wegen des Vormittags zur Rede. Widerspruch war er nicht gewohnt. Trotzdem wiederholte er seine Beschuldigungen auch uns persönlich gegenüber. Die anderen Arbeitskreismitglieder, bis auf uns Westberliner, hörten sehr aufmerksam zu. Herrn Böhm war der Beitrag der DDR zum äthiopischen Bildungswesen nicht unbekannt.

Als wir ihm verdeutlichten, dass wir in neun Monaten Ausbildungszeit zusammen mit unseren Studenten und Partnerkollegen viel von dem schaffen wollten, wofür in europäischen Ländern Jahre gebraucht werden, beantworteten sich viele seiner Beschuldigungen von selbst.

Da wir die Nützlichkeit der Arbeit von »Menschen für Menschen« in Äthiopien kannten, arbeiteten wir 14 weitere Jahre im Arbeitskreis mit und verbrachten Tage, ganze Wochenenden an Ständen auf Märkten oder organisierten Projekttage zugunsten von »Menschen für Menschen« an unseren Schulen.

Als aber im Jahre 2006 alle Mitglieder von »Menschen für Menschen« ein Papier, das wir aus etlichen Gründen kritisierten, unterzeichnen sollten, zogen wir einen Schlussstrich.

Zwei Jahre nach Karlheinz Böhms Besuch an meinem ehemaligen Gymnasium weilten wir als Touristen an unserer ehemaligen Wirkungsstätte. Den Empfang und die gemeinsamen Tage mit unseren äthiopischen Freunden werden wir nie vergessen.

Nur das wird bleiben! Wie sich Menschen irren können.

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