Das Vereinigte Königreich künftig getrennt?

Alex Salmond glaubt, Schottlands Unabhängigkeit sei unaufhaltbar

  • Von Ian King, London
  • Lesedauer: 3 Min.
»Ein vom Vereinigten Königreich unabhängiges Schottland ist jetzt nicht aufzuhalten«, meint der wiedergewählte schottische Premier Alex Salmond. Die Schotten hätten mit dem historischen Sieg der Nationalistischen Partei (SNP) auch ihre eigenen Ängste und Selbstzweifel überwunden, glaubt Kommentatorin Lesley Riddoch. Kommt es nach 300 Jahren zur Trennung vom großen englischen Nachbarn?

Nördlich des Tweed war Labour traditionell die Mehrheitspartei. Doch die Ausmaße des SNP-Wahlsiegs vom 4. Mai sind eindeutig: Mit 69 von 129 Mandaten besitzt der schlagfertige Alex Salmond die absolute Mehrheit im Edinburgher Parlament, kann also zum erwünschten Zeitpunkt eine Volksabstimmung über die Trennungsfrage durchsetzen.

Schon einmal waren die Schotten unabhängig – zwischen dem Sieg bei Bannockburn 1314 und der »Union der Kronen« 1603, als James VI., der Sohn Maria Stuarts, die angebotene englische Krone übernahm. Das schottische Parlament wurde 1707 zugunsten von Westminster abgeschafft. Im britischen Kolonialreich machten Schotten als Soldaten, Entdecker und Ingenieure begeistert mit. Eine schottische Literatur entstand in der Hochlandsprache Gälisch und vor allem im englischen Dialekt des Glasgower Industriegebiets. Erst unter dem in Schottland aufgewachsenen Tony Blair und seinem Minister Donald Dewar entstand das Parlament neu. Damit wollte Labour dem wiedergeborenen Nationalismus die Spitze abbrechen – und erreichte nach einer schwachen Oppositionsleistung in Edinburgh das Gegenteil: Salmonds Triumph.

Wird das Volk von William Wallace (Braveheart), dem Dichter Robert Burns und Schriftstellern wie Walter Scott und Irvine Welsh dem Beispiel der Kroaten, Slowaken, Esten oder Ukrainer folgen? In den gelichteten, demoralisierten Reihen der Opposition ist fürs Erste kein ebenbürtiger Gegenspieler für Salmond zu erkennen. Der Schotten-Premier wird eine Politik gezielter Nadelstiche gegen die Konservativen in London verfolgen, wohl wissend, dass seine Landsleute mit der Kürzungspolitik und der mangelnden Solidarität der englischen Tories nichts anfangen wollen. Die SNP steht eher links als rechts. Sie lehnt beispielsweise die in Schottland stationierten Trident-Atomwaffen ab. In der Wirtschafts-, Sozial- und Verteidigungspolitik sind also Konflikte programmiert, in denen Salmond mit der Unterstützung einer Mehrheit des Fünf-Millionen-Volkes rechnen kann.

Doch könnten sich Salmonds Hoffnungen trüben. Zwei Völker, die über 300 Jahre zusammengehört haben, sind nicht so leicht voneinander zu trennen. Kriege und Verbrechen, die die Gemüter in Wallung bringen – man denke an Irland Anfang des 20. Jahrhunderts oder an den Balkan in den 90er Jahren – sind seit dem 18. Jahrhundert zwischen Schotten und Engländern tabu, es sei denn im Fußball. Salmond klagt denn auch, seine Landsleute seien nur »90 Minuten Patrioten«.

Die Labour-Partei wird sich von ihrer Niederlage wahrscheinlich erholen und bei einer Volksabstimmung gemeinsam mit Liberalen und Konservativen für Großbritannien und gegen Klein-Schottland plädieren. Vielleicht wird der nördlich des Tweed noch beliebte Altpremier Gordon Brown dabei mitmachen.

Die schottischen Banken und ihre unfähigen Chefs mussten vor zwei Jahren vom britischen Steuerzahler gerettet werden, das bleibt unvergessen. Der Blick auf unabhängige Pleitestaaten wie Irland oder Island wirkt nicht verlockend. Und ob für London oder Edinburgh: Die entscheidenden Grenzen liegen eh nicht an Flüssen oder Bergketten, sondern zwischen den Klassen eines Landes. Egal, ob es Schottland oder Britannien heißt.

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