Der Liberale

Christoph Flügge / Der 63-Jährige wird den Prozess gegen Ratko Mladic in Den Haag leiten

»Selbst der Straftäter, und sei es der übelste, hat noch eine Menschenwürde«, gab Christoph Flügge im November 2008 als Credo bei seinem Amtsantritt als Richter am Den Haager Tribunal für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) an. Im kommenden Prozess gegen Ratko Mladic, der wegen Völkermord, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt ist, soll der 63-jährige Flügge jetzt den Vorsitz haben. Unterstützt wird der liberale deutsche Experte für Straf- und Völkerrecht dabei von einem niederländischen und einem südafrikanischen Kollegen.

Dass Flügge für das komplexe Verfahren gegen Mladic die nötige Kompetenz besitzt, bezweifelt niemand. Ziemlich bemerkenswert für einen, der schließlich noch nicht allzu lange am ICTY ist. Doch in der vergleichsweise kurzen Zeit von zweieinhalb Jahren hat er sich auch hier einen guten Ruf als Experte erarbeitet: Mit den Massakern an muslimischen Männern und Jungen in und um Srebrenica 1995 etwa, die im Prozess eine große Rolle spielen dürften, ist der Deutsche bereits durch ein anderes Verfahren vertraut. Denn Flügge führt bereits den Vorsitz im Verfahren gegen den Mladic-Stellvertreter Zdravko Tolimir. Auch im Prozess gegen Radovan Karadžzic saß er mit auf der Richterbank.

Überhaupt dürften dem Deutschen, der bis 2007 Justizstaatssekretär im Berliner Senat war, seine großen internationalen Erfahrungen beim Erlangen des Postens in Den Haag behilflich gewesen sein. Engagierte sich der an der Freien Universität in Berlin und in Bonn ausgebildete Jurist doch jahrelang in der Deutschen Stiftung für Internationale Rechtliche Zusammenarbeit, die seit Beginn der neunziger Jahre osteuropäische Staaten unterstützt. 1996 beispielsweise inspizierte Flügge sieben Wochen lang ukrainische Knäste, um dem Land bei seiner Gefängnisreform behilflich zu sein.

Der Strafvollzug war auch das Kernthema in seiner Berliner Zeit. Flügge, der ein SPD-Parteibuch besitzt, war seit 1989 für die Gefängnisse der Hauptstadt zuständig. Die sogenannte Medikamentenaffäre in Moabit beendete 2007 abrupt seine Laufbahn. Seiner Karriere tat dies dennoch keinen Abbruch: Nicht wenige sahen den Rausschmiss aus der Senatsverwaltung damals als völlig übertrieben an.

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