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Das Gottesspiel

Britische Wissenschaftler testen die Rationalität religiöser Glaubensvorstellungen

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»Nun sag, wie hast du's mit der Religion?« lautet Gretchens berühmte Frage an Faust: »Glaubst du an Gott?« Faust scheut eine klare Antwort und bekennt sich stattdessen zu einer Art religiösem Gefühl: »Nenn's Glück! Herz! Liebe! Gott! Ich habe keinen Namen dafür ... Name ist Schall und Rauch.«

Die meisten gläubigen Menschen haben solche Zweifel nicht. Sie sind überzeugt, dass Gott existiert, und manche meinen gar zu wissen, wer oder was Gott ist. Die einen stellen sich darunter einen rachsüchtigen Despoten vor, der absoluten Gehorsam fordert und alle Sünder bestraft. Für andere ist Gott ein liebender Vater, der das Schicksal seiner Geschöpfe mit Verständnis und Wohlwollen verfolgt. Und wieder andere sehen darin eine unpersönliche Macht, die sich in der Schönheit der Natur offenbart.

Zwar ist es in einigen Religionen ausdrücklich untersagt, sich ein Bild von Gott zu machen. Dennoch fällt es vielen Gläubigen schwer, dieses Verbot einzuhalten. Im Mittelalter etwa stellten sich die Christen ihren Gott als greisen bärtigen Mann vor, der im Himmel thront und dort über die Welt wacht. Dank der Entwicklung der Wissenschaften haben solche Vorstellungen heute weitgehend ausgedient. Gleichwohl gelten andere Eigenschaften Gottes im Verständnis gläubiger Menschen bis heute als unverzichtbar für ein »höchstes Wesen«.

Mit Blick auf die drei großen monotheistischen Religionen (Ju- dentum, Christentum, Islam) haben die britischen Sozialwissenschaftler Julian Baggini und Jeremy Stangroom acht solcher Eigenschaften aufgelistet. Danach wäre Gott allmächtig, allwissend, allliebend, ewig und absolut frei. Außerdem gilt er als Schöpfer der Welt, als deren Erhalter sowie als ein Wesen, zu dem Menschen eine persönliche Beziehung haben können.

In ihrem Buch »Der kleine Denkverführer« fordern Baggini und Stangroom ihre Leser nun auf, sich aus diesen acht Merkmalen ein eigenes Gottesbild zu konstruieren. Die nachfolgende Auswertung des Gedankenexperiments versetzt jeden Teilnehmer in die Lage, vor allem zwei Fragen zu beantworten: Ist meine Gottesvorstellung in sich stimmig? Und ist sie vereinbar mit der Welt, in der wir leben? In England wurde das »Gottesexperiment« inzwischen vielerorts durchgeführt. Und natürlich berichten Baggini und Stangroom auch über die dabei erzielten Resultate, die namentlich bei fundamentalistisch eingestellten Gläubigen für viel Unmut gesorgt haben.

Diese zweifeln bekanntlich nicht, dass Gott allmächtig, allwissend, allliebend sowie der Schöpfer des Universums ist. Wie aber lässt sich unter diesen Umständen erklären, dass Gott eine Welt mit so viel Leid erschaffen hat? Denn hätte er nichts von dem Leid geahnt, wäre er nicht allwissend. Und wäre ihm das Leid egal, wäre er nicht allliebend. Es könnte nun sein, dass Gott einfach nicht in der Lage gewesen ist, eine bessere Welt zu bauen. Dann wäre er nicht allmächtig. Manche behelfen sich hier mit einem Denkmodell, das man im Anschluss an Gottfried Wilhelm Leibniz »Theodizee« nennt. Danach hat Gott die beste aller möglichen Welten erschaffen, in welcher der Mensch einen freien Willen besitzt und damit fähig ist, von sich aus Böses zu tun. Aber auch hier bleibt ein Erklärungsrest. Man denke nur an das Leid unschuldiger Kinder oder verheerende Naturkatastrophen. Warum lässt Gott all dies zu, wo er doch laut Definition allmächtig ist und bei Bedarf sogar Wunder wirken kann?

Viele Menschen gehen überdies davon aus, dass Gott sich jederzeit absolut frei entscheiden könne. Weil er jedoch gleichzeitig allliebend sein soll, darf er nichts tun, was nicht von Liebe geprägt ist. Das aber heißt im Klartext: Gott hat gar nicht die Möglichkeit, alles zu tun, und wäre damit entgegen der Voraussetzung nicht absolut frei.

Diese und andere Widersprüche, die nach Meinung der Autoren gläubigen Menschen oft gar nicht auffallen, sind nur vermeidbar, wenn man sich das »höchste Wesen« etwas bescheidener denkt. Allerdings dürfte ein Gott, der zwar allliebend, aber nicht frei in seinem Tun ist, den meisten Menschen schwer zu vermitteln sein. In Glaubensfragen sei es ohnehin ratsam, das Absurde und Widersprüchliche einfach zu akzeptieren, empfahl einst der dänische Philosoph Sören Kierkegaard. Aber auch das behagt vielen Gläubigen nicht, so dass sie, wie Baggini und Stangroom eindrucksvoll zeigen, manches für schlüssig halten, was nicht schlüssig ist.

Bei der Online-Version des »Gottesspiels« hielten zahlreiche Teilnehmer zum Beispiel die folgenden Aussagen für zutreffend: Ohne die Existenz Gottes gibt keine Basis für Moralität. Und: Nicht einmal Gott kann das, was heute als moralisch verwerflich gilt, irgendwann moralisch akzeptabel machen und umgekehrt. Einen Widerspruch zwischen beiden Aussagen bemerkten die Spielteilnehmer nicht – im Gegensatz zu Baggini und Stangroom: »Wenn Gott das Verwerfliche nicht gutmachen kann und umgekehrt, müssen die Dinge unabhängig von Gottes Entscheidung richtig oder falsch sein. Mit anderen Worten: Gott wählt das, was richtig ist, aufgrund seiner Richtigkeit.« Zu Ende gedacht folgt daraus: Es gibt eine Basis für moralisches Handeln auch ohne göttliche Vorgaben.

Solange jedoch niemand zwingende Beweise für die Nichtexistenz Gottes vorlegen könne, sei der Atheismus eine Frage des Glaubens und nicht der Rationalität. Dieser Aussage stimmten immerhin ein Drittel der Spielteilnehmer zu, die es aber gleichwohl für vernünftig hielten, manchen Dingen bereits dann die Existenz abzusprechen, wenn man dafür trotz intensiver Suche keine Beweise gefunden habe. Auch diese Haltung ist in sich widersprüchlich, da man bei der Beurteilung alltäglicher Dinge andere Maßstäbe anlegt als bei der Beurteilung Gottes. Würde man ein solches Vorgehen tolerieren, wäre etwa der Schluss, dass in Loch Ness kein Ungeheuer haust, nicht als ein rationaler zu bezeichnen. Er bliebe Glaubenssache. Damit stünde jede Wissenschaft von vornherein auf verlorenem Posten. Denn es lässt sich in Strenge niemals beweisen, dass irgendetwas nicht existiert.

Viele Teilnehmer gaben an, sie bräuchten keine Beweise für die Existenz Gottes, da ihr Glaube auf einer starken inneren Überzeugung beruhe. Wie Baggini und Stangroom jedoch anführen, war auch der britische Gewaltverbrecher Peter Sutcliffe fest davon überzeugt, dass Gott ihm befohlen habe, Prostituierte zu töten. Während die meisten Teilnehmer darin eine verwerfliche Tat erblickten, die Gott niemals befehlen würde, blieben einige wenige konsequent und gestanden anderen Menschen eine solche innere Überzeugung zu. Auch Kierkegaard sah in Abrahams Bereitschaft, seinen Sohn zu opfern, einen überzeugenden Glaubensbeweis, da der biblische Vater gegen die traditionelle Moral hätte verstoßen müssen, um Gottes Willen zu erfüllen. Weil dieser Wille aber nicht mit der Vorstellung eines allgütigen Vaters vereinbar sei, so Kierkegaard weiter, dürfe der gläubige Mensch nicht immer nach einem rationalen Gottesverständnis suchen. Rund 40 Prozent der Spielteilnehmer waren ähnlicher Auffassung und hielten Gott sogar für befähigt, quadratische Kreise zu erschaffen. Ob ein solcher Gott existiert, lassen Baggini und Stangroom offen. In rationaler Hinsicht steht er ihrer Meinung nach jedoch auf schwachen Füßen.

Wer nun neugierig geworden ist und mehr über das Gottesspiel und andere Tücken des logisch-rationalen Denkens erfahren möchte, der findet in dem genannten Buch weitere faszinierende Fallbeispiele. In England ist dieses bereits Geheimtipp zahlreicher Philosophielehrer.

Julian Baggini/Jeremy Stangroom: Der kleine Denkverführer. Philosophische Spiele. Piper Verlag München, 176 S., 7,95 €.

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