Werbung

Ein Alarmrufer

Bernhard Heisig, der große Moralist der Gegenwartskunst, Maler, Grafiker und Zeichner, ist gestorben

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Ein Alarmrufer

Er war ein mitschuldiges Opfer des Untergangs des alten Deutschlands und ein aktiver Mitgestalter des am Ende misslungenen Neuanfangs für dieses Land. Vor allem war er ein großartiger, kraftvoller, ideenreicher Maler und Zeichner. Er wühlte förmlich in den Farben, so dass seine Bilder die sie Betrachtenden aufwühlten. Niemals taugen sie zu bloßem ruhigen Genuss. Selbst Stillleben scheinen farblich geradezu zu explodieren, und eine funkelnde Trompete spielt in ihnen eine bevorzugte Rolle. Er gestaltete hauptsächlich Historien, aber immer um der Zukunft willen. Er malte und zeichnete tief in die Persönlichkeit eindringende Porträts, dazu ganz viele Selbstbildnisse, und fast immer blicken uns die Dargestellten bohrend, fragend und besorgt an, auch mit weit aufgerissenen Augen angstvoll aufschreiend und mit warnend erhobenem Zeigefinger.

Ein Alarmrufer

Bernhard Heisig wurde am 31. März 1925 in Breslau als Sohn eines Malers geboren, der ihm erste Anleitung gab, aber früh verstarb, und vererbte sein Talent später an zwei malende Söhne. Der Krieg unterbrach seine Ausbildung zum Gebrauchsgrafiker. In jugendlicher Verblendung meldete er sich zu den Panzerfahrern der Waffen-SS. Kurz vor Kriegsende musste er an der sinnlosen Verteidigung seiner Geburtsstadt teilnehmen, kam kurz in sowjetische Gefangenschaft und wurde dann in der nun Wroclaw genannten Stadt als Grafiker beschäftigt. Ende 1946 wies man ihn mit seiner alten Mutter in die sowjetische Besatzungszone aus. Heisig trat in die SED ein. Ab 1948 studierte er in Leipzig, anfangs an der Fachschule für angewandte Kunst, dann an der Akademie für Graphische Künste und Buchgewerbe, die damals unter Kurt Maßloff der Hort des beschränktesten propagandistischen Pseudorealismus sowjetischer Prägung war. Er brach das Studium ab – und kehrte drei Jahre später, in der »Tauwetter«-Periode, als Lehrkraft an die Hochschule zurück und wurde Vorsitzender des Künstlerverbandes im Bezirk Leipzig.

1964 und 1968 stieß er in Konflikten mit der Kulturpolitik zusammen, aber letzten Endes setzte sich die Anerkennung seiner außergewöhnlichen künstlerischen Potenz durch und konnte er neben und gemeinsam mit seinen völlig anders malenden Studienkollegen und nun Lehrerkollegen Mattheuer und Tübke Leipzig in nie dagewesenem Maße zu einem Zentrum aufregender bildender Kunst machen. Staunende Kunstkritiker in der Bundesrepublik, die Leipzig infolge der Messen leichter als andere Orte in der DDR besuchen konnten, nannten das »Leipziger Schule«. Wohl von keinem anderen Maler aus der DDR erwarben mit der Zeit so viele westdeutsche Museen mindestens ein Werk.

In der DDR wurde Heisig Mitglied der Akademie der Künste und Vizepräsident des Verbandes Bildender Künstler, ab 1978 mit der Sonderstellung eines Ersten Stellvertreter des Präsidenten Willi Sitte. Im Verband und als Hochschullehrer und Rektor verstand er sehr klug, verschiedene Schaffensweisen Jüngerer zu akzeptieren und zugleich für die Notwendigkeit und Fruchtbarkeit von Realismus zu wirken. So wurde der Grund für den Erfolg einer »Neuen Leipziger Schule« innerhalb der gesamtdeutschen Malerei nach 1990 gelegt.

Nachdem Heisig 1991 die Malerin Gudrun Brüne geheiratet hatte, übersiedelte er 1992 nach Strodehne im Havelland. Er wurde 1997 eingeladen, ein Bild für das Reichstagsgebäude zu malen, was eine gehässige Kampagne ost- und westdeutscher Neider und Publizisten gegen den sogenannten Staatskünstler der DDR auslöste, die aber sein Bild »Zeit und Leben« nicht verhindern konnte, das freilich in der Abgeordnetenkantine nicht allgemein zugänglich ist. Heisig blieb rastlos tätig, auch noch vom Rollstuhl aus, bis ihn die körperliche Kraft verließ, und eine Ausstellung folgte der anderen, darunter 2005 die große unter dem bezeichnenden, von ihm selbst gewählten Titel »Die Wut der Bilder« in Berlin, Leipzig und Düsseldorf.

Eine Reihe von Eigentümlichkeiten zeichnen das riesige Lebenswerk aus, das Bernhard Heisig hinterlassen hat und das einen besonderen Anteil am Gesamtcharakter der Kunst in der DDR hatte. Er sah den Sinn seiner Kunst vor allem darin, etwas von deutscher Geschichte und auch von seinem Leben mitzuteilen und belud dazu seine Bilder mit einem wahren Wirbelsturm heftiger Motive. In gleicher Weise illustrierte er Bücher von Ludwig Renn, Goethe, Fontane und anderen mit Lithografien. In viele Bilder nahm er die Aussage unterstreichende Schriftzeilen auf, anfangs auf Transparenten, die dargestellte Demonstranten trugen. Manche Motive ließ er durch Bilder mit verschiedener Thematik wandern, um Sinnzusammenhänge anzuzeigen. Mit mehreren Themen beschäftigte sich Heisig jahrelang, malte neue Fassungen, zerstörte leider auch eine ganze Anzahl früher Beispiele. Er war überhaupt selten endgültig mit dem von ihm Geschaffenen zufrieden. Museumsdirektoren und Ausstellungskuratoren befürchteten zu Recht, dass der Künstler Pinsel und Farben in seinen Taschen versteckte und in einem unbeobachteten Moment heimlich Änderungen an schon ausgestellten und abgebildeten Werken vornahm.

Heisig verehrte Max Beckmanns Bildkonstruktionen und nahm in der Malweise viel von Lovis Corinth auf. Ihm sind packende, an Momentaufnahmen erinnernde Porträts des Dirigenten Václav Neumann, eines Brigadiers und der eigenen Mutter zu verdanken, sowie bereits 1986 das offizielle Porträt von Helmut Schmidt für das Bundeskanzleramt. Ihn beschäftigten im Lauf der Jahre u.a. die Pariser Kommune von 1871, die Schlacht um Breslau 1945, ein Kriegskrüppel, der sich immer noch unbelehrbar an seinen Orden erfreut, der Flugtraum und Absturz des Ikarus, die Verführbarkeit durch Massenmedien und die Person und ideologische Nachwirkung des Preußenkönigs Friedrich der Große. Gleichsam im ideellen Zentrum dieser aufgewühlten Bilderwelt steht die Lithografienfolge »Der faschistische Alptraum«, die 1965-1975 in Varianten entstand.

Am Freitag verstarb Bernhard Heisig, u.a. philosophischer Ehrendoktor der Leipziger Universität. Er schuf sich eine unauslöschbare Bedeutsamkeit für die Entwicklung der Kunst im 20. und 21. Jahrhundert.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!