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Kandidatenwanderung in Polen

Bürgerplattform wirbt vor den Wahlen um Sozialdemokraten

  • Von Julian Bartosz, Wroclaw
  • Lesedauer: 2 Min.
An der Weichsel werden derzeit seltsame Eiertänze aufgeführt. Es geht dabei nicht etwa um die Lösung wirklicher Probleme, sondern – vier Monate vor den Parlamentswahlen – um die »Neugestaltung« der Kandidatenlisten.

Für Polens demokratische Verhältnisse ist in diesem Falle markant, dass bei allen »Konsultationen« und Beratungen auf regionaler Ebene den Parteiführern das letzte Wort zusteht. So mag das zwar auch in anderen demokratischen Staaten sein, die polnische Eigentümlichkeit scheint indes darin zu bestehen, dass besagte Parteiführer für ihre Listen namhafte Leute von der Konkurrenz kapern.

Den ersten großen Fang machte Ministerpräsident Donald Tusk, Chef der Bürgerplattform (PO). Vor vier Wochen stellte er den Medien den linken Bartosz Arlukowicz vor, der – zum Minister für Angelegenheiten der sozial Schwachen im Büro des Regierungschefs berufen – noch heller strahlte als die Maisonne. Der 40-jährige Kinderarzt aus Szczecin wurde 2010 populär, nachdem er als Mitglied des Sejmsonderausschuss zur Aufklärung einer Glücksspielaffäre einige darin verwickelte PO-Größen gebrandmarkt hatte. Seitdem hatte er wesentlich mehr Fernsehauftritte als Grzegorz Napieralski, der Chef des Bündnisses der Demokratischen Linken (SLD).

Die PO will nach Zeitungsberichten jedoch noch mehr Linke ködern. Dabei soll es sich um Politiker handeln, die für das Wahlbündnis Linke und Demokraten (LiD) 2004 ins Europäische Parlament einzogen. Die Rede ist vom Wirtschaftsexperten Dariusz Rosati, dem ehemaligen Außenminister. Auch mit Jozef Pinior, einer der vielen »legendären Solidarnosc-Gestalten« würden Gespräche geführt.

Pinior war nach 1989 zuerst Trotzkist, Mitbegründer der neuen Polnische Sozialistischen Partei (PPS) und Vizechef der Union der Arbeit (UP). Der Walesa-Fan marschierte an der Spitze einer Anarchistendemonstration und stand schließlich als Demokrat mit »dem Herzen auf der linken Seite« bei weiteren Herausforderungen seinen Mann.

Die PO, sagte der gegenwärtige Parteichef der Polnischen Sozialdemokratie (SdPL), Wojciech Filemonowicz, wolle auch auch etliche aus seiner Partei bei deren Bemühungen um Parlamentssitze unterstützen, darunter Marek Borowski und Izabela Sierakowska, die sich 2004 mit dem damaligen SLD-Parteichef Leszek Miller verkracht und die SdPL gegründet hatten. Wer sonst noch auf der Wanderung durch die Parteienlandschaft an seiner politischen Karriere arbeitet, steht dahin. Am heutigen Sonnabend sollen die Delegierten des PO-Parteikonvents in Gdansk die Anwerbungen abhaken.

»Neugewinne« kann auch das SLD verbuchen. Eine Dame, die bisher erotisch an der Stange tanzte, soll die »junge Generation« repräsentieren. Und einen alten Gaul will Napieralski ebenfalls in die Arena schicken – Leszek Miller. »Wer einmal im Geschäft war, kann es nicht lassen«, sagte der ganz ungeniert.

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