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Gewalt und Begehren

Das Performing Arts Festival »In Transit« im Haus der Kulturen widmet sich dem Zuschauer

  • Von Volkmar Draeger
  • Lesedauer: 4 Min.

Das Verhältnis zwischen Zuschauer und Akteur ist so vielfältig, wie es die Zuschauer sind. Jeder erwartet etwas und jeder etwas anderes, und alle wollen unterhalten sein. Mancher fühlt sich wohl, wenn er aktiver Teil des Vorgeführten sein darf, und hat im Extremfall die Lacher auf seiner Seite. Anderen wieder ist es peinlich, auf eine Bühne zu müssen, sich dort produzieren zu sollen. Nicht jeder besitzt diese Chuzpe, auch zu verkaufen, wovon er selbst nicht überzeugt ist. Der Akteur muss das öfter tun.

Diesem fragilen Gespinst zwischen Macher und Genießer ist das diesjährige Festival In Transit gewidmet. Vier Tage lang treten im Haus der Kulturen der Welt internationale Solisten und Gruppen nicht nur auf, sondern teils demonstrativ an ihre Besucher heran, um die Distanz zwischen beiden »Lagern« sanft oder auch provokant zu verringern.

»Spectator« steht denn auch als Motto über dem renommierten Performing Arts Festival, und das hat es in sich. Eröffnet wird es von Ming Wong aus Berlin. Die täglich aufgeführte Video-Installation dieses Filmfanatikers bezieht sich auf die türkische Sängerin Bülent Ersoy: Sie war einst jugendlicher Held, ist als Transgender-Queen heute die Grande Dame türkischen Gesangs. In vier Karaoke-Videos spielen Ming und seine Mutter May Ersoys Lebensstationen nach.

Eine radikale weibliche Version von Shakespeares »Richard III.« stellt die Spanierin Angélica Liddell vor und befragt darin die Beziehung zwischen Körpern und Macht. Das Publikum wird Zeuge eines zweistündigen Selbstversuchs. Heftiger und direkter noch treibt es Ann Liv Young aus New York. Ihre »Mermaid Show« nach Hans-Christian Andersens Märchen von der »Kleinen Meerjungfrau« ist Provokation und setzt, während sich die Aktrice krächzend ihrem glitschigen Schwanz zu entwinden sucht, auf die Reaktion der Betrachter.

Ebenfalls eine Stunde lang scheuen sich in »Sweat« die Performer von Branch Nebula aus Sydney nicht, Tätigkeiten wie Toilettenreinigung auszuführen, notfalls im Zuschauerraum. Bei der internationalen Besetzung aus einem Fußballer aus Sri Lanka, einer kolumbianischen Performerin, einer philippinisch-spanischen Tänzerin, einem thailändisch-irakischen Parcours-Fahrer, einem philippinischen Breakdancer und einem japanischen Soundkünstler kann das amüsant werden. Was das Publikum von einem zeitgenössischen Tanzstück erwartet, hat Daniel Kok aus Singapur per Online-Fragebogen eruiert. Seine Vorstellung »Q&A« meint »Question & Answer« und lebt vom Augenblickskommentar der Besucher als Performancepartner.

Für Zimperlichkeit ist der Bulgare Ivo Dimchev nicht bekannt. In seinem Solo »I-On« nimmt er tanzend, musizierend und singend Kontakt zu den Gaze-Gips-Objekten des Wieners Franz West auf. Als kontroverser noch gilt Dave St. Pierre aus Montreal in der Welt zeitgenössischer Tanzperformance. In »Libido« hockt eine Frau blutüberströmt und messerbewehrt auf ihrem nackten Partner und schnipselt an ihm herum.

Gewalt und Begehren machen den Zuschauer zum Voyeur. Mit einer »Passage Through the Night« als Mammut-Finale endet das Festival. Zwei wissenschaftliche Panels leiten ein. Um Scham und Angst einerseits, Verantwortung und Überwindung andrerseits geht es im ersten; um Macht im Theater, Verführbarkeit und ihre Strategien dreht sich das zweite. Dann gehören die Auftrittsorte wieder den Aktiven, ehe bis in den Morgen gefeiert wird.

Davor laufen jede Menge Performances. Etwa Workshop-Soli mit Jugendlichen um den Belgier Ruud Gielens zum Thema Macht oder die utopische Fiktion »E.I.O«, bei der man entscheiden kann, Publikum oder Performer zu sein: Dem Besten gehören die Einnahmen des Abends. Dick Wong aus Hongkong fragt in »Be Me«, ob er wirklich er selbst ist; Yann Marussich aus Genf vertraut sich in »Traversée« nackt auf einer Konstruktion dem Tun seiner Zuschauer an; die Südkoreanerin Geumhyung Jeong lebt technosexuelle Obsessionen aus; Eisa Jocson aus Manila zelebriert Stangentanz zwischen Artistik und Erotik. Als Sherry geht Ann Liv Young ihrem Publikum frontal ans Sexleben; Song-Ming Ang aus Singapur ermuntert, Lieblingsmusik mitzubringen; halbstündige Musikimprovisation bietet Ivo Dimchev.

Bis 18.6., Haus der Kulturen der Welt, John-Foster-Dulles-Allee 10, Tiergarten, Kartentelefon (030)-39 78 71 75, www.hkw.de

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