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Das Herz zum Werkzeug machen?

Kleist-Jahr 2011: mal keine Reflexion, sondern Blick auf ein Original des Dichters – »Prinz Friedrich von Homburg«

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In losen Abständen bringt ND kurze Auszüge aus Dramen des Dichters Heinrich von Kleist. Klar, das ist Platzraub wider das Aktuelle – mit Stoff, der doch in Büchern gut und reichlich findbar ist. Aber der dort auch verhängnisvoll ruht. Und woalso ein »Kleist-Jahr« ausgerufen und der Dichter Konzentrationspunkt aktueller Berichterstattung wurde, da darf im Wust der sekundären Betrachtungen durchaus mal, per Zeitung, zum Original gebeten werden.

»Prinz Friedrich von Homburg« gehört zu den eindringlichsten Werken des Schriftstellers, der im November 1811, die Pistole wider sich selbst richtend, aus dem Leben fiel. Homburg rückt bei Fehrbellin draufgängerisch gegen Schwedens Truppen an. Er siegt – wird aber vom Kurfürsten Friedrich Wilhelm zum Tode verurteilt, weil er nicht nach vorgegebener Order, sondern nach der »Parole des Herzens« handelte. Disziplin kontra Eingebung. Gehorsam gegen Gefühl. Konstitutive Hierarchie gegen kreativen Eigensinn. Und das in wuchtig herreitender Poesie! In einer eindringlichen Rede versucht Oberst Kottwitz den Kurfürsten von der patriotischen Lauterkeit des Prinzen und der Wichtigkeit individueller Redaktionskräfte in einem kollektiven Gefüge zu überzeugen ... hds

DER KURFÜRST: Gebt mir auf einen Augenblick Geduld.

Er tritt an den Tisch und durchsieht die Schrift. – Lange Pause.

Hm! Sonderbar! – Du nimmst, du alter Krieger,

Des Prinzen Tat in Schutz? Rechtfertigst ihn,

Daß er auf Wrangel stürzte, unbeordert?

KOTTWITZ: Ja, mein erlauchter Herr; das tut der Kottwitz!

DER KURFÜRST: Der Meinung auf dem Schlachtfeld warst du nicht.

KOTTWITZ: Das hatt ich schlecht erwogen, mein Gebieter!

Dem Prinzen, der den Krieg gar wohl versteht,

Hätt ich mich ruhig unterwerfen sollen.

Die Schweden wankten, auf dem linken Flügel,

Und auf dem rechten wirkten sie Sukkurs;

Hätt er auf deine Ordre warten wollen,

Sie faßten Posten wieder, in den Schluchten

Und nimmermehr hättst du den Sieg erkämpft.

DER KURFÜRST: So! – Das beliebt dir so vorauszusetzen!

Den Obrist Hennings hatt ich abgeschickt,

Wie dir bekannt, den schwed'schen Brückenkopf,

Der Wrangels Rücken deckt, hinwegzunehmen.

Wenn ihr die Ordre nicht gebrochen hättet,

Dem Hennings wäre dieser Schlag geglückt;

Die Brücken hätt er, in zwei Stunden Frist,

In Brand gesteckt, am Rhyn sich aufgepflanzt,

Und Wrangel wäre ganz, mit Stumpf und Stiel,

In Gräben und Morast, vernichtet worden.

KOTTWITZ: Es ist der Stümper Sache, nicht die deine,

Des Schicksals höchsten Kranz erringen wollen;

Du nahmst, bis heut, noch stets, was es dir bot.

Der Drachen ward, der dir die Marken trotzig

Verwüstete, mit blut'gem Hirn verjagt;

Was konnte mehr, an einem Tag, geschehn?

Was liegt dir dran, ob er zwei Wochen noch

Erschöpft im Sand liegt, und die Wunde heilt?

Die Kunst jetzt lernten wir, ihn zu besiegen,

Und sind voll Lust, sie fürder noch zu üben:

Laß uns den Wrangel rüstig, Brust an Brust,

Noch einmal treffen, so vollendet sich's,

Und in die Ostsee ganz fliegt er hinab!

Rom ward an einem Tage nicht erbaut.

DER KURFÜRST: Mit welchem Recht, du Tor, erhoffst du das,

Wenn auf dem Schlachtenwagen, eigenmächtig,

Mir in die Zügel jeder greifen darf?

Meinst du das Glück werd immerdar, wie jüngst,

Mit einem Kranz den Ungehorsam lohnen?

Den Sieg nicht mag ich, der, ein Kind des Zufalls,

Mir von der Bank fällt; das Gesetz will ich,

Die Mutter meiner Krone, aufrechthalten,

Die ein Geschlecht von Siegen mir erzeugt!

KOTTWITZ: Herr, das Gesetz, das höchste, oberste,

Das wirken soll, in deiner Feldherrn Brust,

Das ist der Buchstab deines Willens nicht;

Das ist das Vaterland, das ist die Krone,

Das bist du selber, dessen Haupt sie trägt.

Was kümmert dich, ich bitte dich, die Regel,

Nach der der Feind sich schlägt: wenn er nur nieder

Vor dir, mit allen seinen Fahnen, sinkt?

Die Regel, die ihn schlägt, das ist die höchste!

Willst du das Heer, das glühend an dir hängt,

Zu einem Werkzeug machen, gleich dem Schwerte,

Das tot in deinem goldnen Gürtel ruht?

Der ärmste Geist, der in den Sternen fremd,

Zuerst solch eine Lehre gab! Die schlechte,

Kurzsicht'ge Staatskunst, die, um eines Falles,

Da die Empfindung sich verderblich zeigt,

Zehn andere vergißt, im Lauf der Dinge,

Da die Empfindung einzig retten kann! .

Schütt ich mein Blut dir, an dem Tag der Schlacht,

Für Sold, sei's Geld, sei's Ehre, in den Staub?

Behüte Gott, dazu ist es zu gut!

Was! Meine Lust hab, meine Freude ich,

Frei und für mich im stillen, unabhängig,

An deiner Trefflichkeit und Herrlichkeit,

Am Ruhm und Wachstum deines großen Namens!

Das ist der Lohn, dem sich mein Herz verkauft!

Gesetzt, um dieses unberufnen Sieges,

Brächst du dem Prinzen jetzt den Stab; und ich,

Ich träfe morgen, gleichfalls unberufen,

Den Sieg wo irgend zwischen Wald und Felsen,

Mit den Schwadronen, wie ein Schäfer, an:

Bei Gott, ein Schelm müßt ich doch sein, wenn ich

Des Prinzen Tat nicht munter wiederholte.

Und sprächst du, das Gesetzbuch in der Hand:

»Kottwitz, du hast den Kopf verwirkt!« so sagt ich:

»Das wußt ich Herr; da nimm ihn hin, hier ist er:

Als mich ein Eid an deine Krone band,

Mit Haut und Haar, nahm ich den Kopf nicht aus,

Und nichts dir gäb ich, was nicht dein gehörte!«

DER KURFÜRST: Mit dir, du alter, wunderlicher Herr,

Werd ich nicht fertig! Es besticht dein Wort

Mich, mit arglist'ger Rednerkunst gesetzt,

Mich, der, du weißt, dir zugetan ...

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