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Mit den Ohren sehen lernen

Klangkunstpaar Janet Cardiff und Georges Bures erhält Kollwitz-Preis der Akademie der Künste

Detail von »The Killing Machine«
Detail von »The Killing Machine«

Das Ohr verstärkt das Auge. Diese Erfahrung der Fokussierung der visuellen Wahrnehmung durch die Konzentration auf das Hören machten viele Teilnehmer der Audio-Spaziergänge von Janet Cardiff und ihrem Partner Georges Bures Miller auch in Berlin. Das kanadische Klangkunstpaar wurde nun mit dem Käthe-Kollwitz-Preis der Sektion Bildende Kunst der Akademie der Künste bedacht. Der Preis wird seit 1960 verliehen und ist mit 12 000 Euro dotiert.

Sektionschef Robert Kudielka wies darauf hin, dass Cardiff und Miller das Sehen neu lehrten und daher durchaus in der Tradition von Kollwitz stünden. Miller wiederum achtet die Namensgeberin des Preises als eine »revolutionäre, sich immer einbringende Künstlerin«. Sich selbst würde er nicht mit dem Begriff revolutionär kennzeichnen.

Aber immerhin hat die Ausstellung, die zu Ehren der Preisträger in der Akademie der Künste eingerichtet ist, durchaus politische Furchen. In »Cabinet of Curiousness« etwa, einem Karteikartenschrank, in dessen 20 Fächer je eine Tonkonserve eingelagert ist, dringt dem Benutzer der Installation beim Herausziehen eines Faches die Stimme Winston Churchills entgegen.

Der einstige britische Premier ist mit einer Rede zu hören, in der er das Land, ja die ganze Welt zum »Kampf gegen das schlimmste Regime, das die Welt je hervorgebracht hat«, zu mobilisieren versucht. Dieses Regime hatte Berlin als Hauptstadt. Und der dem Regime am nächsten stehende Sichtraumgestalter, der Architekt Albert Speer, hatte ausgerechnet in dem Gebäude, in dem jetzt Churchills Stimme ertönt, sein Atelier.

»Wir haben das Werk nicht extra für Berlin produziert. Aber ich freue mich, dass jetzt Churchills Stimme auch zu denen sprechen könnte, die damals, in den 40er Jahren, in Berlin heimlich BBC gehört haben«, machte Miller auf eine unverhoffte Aufladung der Arbeit aufmerksam.

»Cabinet of Curiousness« ist eine Wunderbox, die man durch das Herausziehen und Hereinschieben der Schubladen wie ein – freilich etwas grobschlächtiges – Musikinstrument benutzen kann. Gitarren- und Akkordeonstücke wechseln sich mit Atemgeräuschen und Ausschnitten von Radiohörspielen ab.

Im angrenzenden Raum ist mit »Sync No Sync« eine konzeptionell interessante, aber nicht sonderlich rezeptionsfreundliche Arbeit untergebracht. Cardiff und Miller sind auf zwei gegenüberliegenden Projektionsflächen beim Autofahren durch Wald- und Feldgegenden British Columbias zu sehen. Die Bildspuren unterscheiden sich nur marginal: Die Abweichungen auf den Tonspuren sind schon größer.

Auf einer Seite wird vor allem ein Arbeitsgespräch der beiden über Konzeption und Aufbau dieser Berliner Ausstellung wiedergegeben. Die andere setzt sich stärker aus Kommentaren und weiterführenden Gedanken zusammen, die beide beim gemeinsamen Anhören des früheren Gesprächs äußern. Eine weitere Tonschicht legt sich im Studio beim Mixen des Materials darüber. Das ist als Idee der interaktiven Überlagerung ganz reizvoll, in der Installation selbst überwiegt das Gefühl der Ratlosigkeit angesichts der minimalen Differenzen zweier parallelisierter Bild-Ton-Quellen.

Politisch aufgeladen wiederum ist die halb automatische Installation »Killing Machine«. Neben einem mit Kunstpelz bedeckten Zahnarztstuhl agieren zwei Montageroboter wie Folterknechte. Unter Klängen von Musik, auch eine Diskokugel dreht sich, bohren und stechen sie permanent in jenen Raum auf dem Stuhl, der gewöhnlich von einem Patienten eingenommen wird.

Weil »Killing Machine« sich ausgerechnet an der Stelle befindet, in der sich bis 1989 eine Arrestzelle der Grenztruppen befunden haben soll, springt umgehend der Assoziationsapparat an und holt alles Gehörte, Gelesene und möglicherweise selbst Erfahrene zum Themenkomplex Verhöre, Foltern und Drangsalierungen ins Bewusstsein.

Auch wenn man sich in einem zweiten Schritt bewusst wird, dass diese Überlagerung vielleicht nicht ganz zulässig ist, weil Grenztruppen und Staatssicherheit nun eben nicht die perfekte, in Technik und Perfidie aufs höchste Niveau gehobene Repressionsmaschinerie darstellten.

Es ist gut, dass das kanadische Künstlerpaar mit Zweitwohnsitz Berlin nun auch mit einigen seiner Arbeiten ein temporäres Zuhause in dieser Stadt gefunden hat.

Bis 14.8., Akademie der Künste, Pariser Platz 4, Di.-So. 11-20 Uhr, Eintritt 5/3 Euro, 1. Sonntag im Monat freier Eintritt.

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