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Die Heilung

Belgrad Radio Taxi von Srdjan Koljevic

  • Von Marion Pietrzok
  • Lesedauer: 3 Min.

Belgrad Radio Taxi – der deutsche Filmtitel hört sich gut an, weckt Assoziationen zu anderen Filmen und klingt jedenfalls besser als »Die Frau mit der gebrochenen Nase«. So nämlich lautet das serbische Original. Um die gebrochene Nase geht es ohnehin nicht so sehr in diesem Film. Vielmehr kommt ein Taxifahrer vor. Kein Taxi Driver Travis Bickle zwar, wie bei Scorsese. Das Trauma eines Krieges ist allerdings auch hier präsent. Gavrilo ist »Driver« der Handlung, ist Bosnienflüchtling und hört in seinem Taxi immer einen bestimmten Belgrader Radiosender.

Einen Sommermonat lang ist er zu begleiten, die 33 Tage, bis der Sender abgeschaltet wird – sein fröhliches Musikprogramm mit den Oldies, die eigentlich alle mögen, hänge zu sehr der Vergangenheit an, heißt es, der unbeschwerten Zeit vorm Krieg. Gavrilo, an diesem Morgen gerade in der grauen Rush-Hour im Auto, nimmt den Gruß des Radiosprechers »an alle, die auf der Brücke im Stau stehen«, gern an, denn er hat sonst niemanden, schon gar keinen, der ihm etwas Gutes wünschen würde. Außerdem regnet es heftig, er kommt nicht vorwärts und eine durchnässte Frau steigt bei ihm ein, ein Baby im Arm, und die beschmutzt – er bemerkt es gerade im Rückspiegel – das Autopolster mit Blut, das ihr vom Nasenrücken tropft. Kaum ermahnt er sie, sich etwas vorzusehen, springt sie raus und stürzt sich ohne zu zögern übers Brückengeländer.

Ein Schock. Überdies: Gavrilo (Nebojša Glogovac) sieht sich plötzlich – in doppeltem Sinne – in anderen Umständen, nämlich hat er den Säugling auf der Rücksitzbank. Nun muss er Kindsmutter oder Angehörige selbst ausfindig machen, will er nicht zur Polizei gehen, was ihn die Taxilizenz kosten könnte. Das ist ein Desaster. Noch dazu er ein Babyfeind ist und ein realistischer Pessimist (»Wozu ein Kind? ... bin ich etwa ein Sadist?«), ach, diese Windelpakete, die nicht sagen, was ihnen fehlt, wenn sie schreien, und in diesem Land keine Zukunft haben. Erst einmal drückt er das Bündel, es zu versorgen, der alten Bekannten Jadranka aus Mostar (Jasna Zalica) in den Arm.

Den unvermittelten Todessprung der jungen Mutter hatten auch die Apothekerin Biljana (Branka Katic) und die Lehrerin Anica (Anica Dobra) mit ansehen müssen. Diese Ereignis ist der Auslöser dafür, dass jede der beiden Frauen sich ihren verdrängten schmerzlichen Erfahrungen und ihren wirklichen Wünschen stellen und Lebensmut zurückgewinnen.

Die Belgrader Brücke und die Musik des Radiosenders sind Kreuzungspunkt und Bindeglied der Schicksalslinien der Hauptpersonen, zu der auch dann Jasmina, die Frau mit der gebrochenen Nase, zählen wird.

Erzählt in tragikomischen Episodenstückchen, die auf wunderbar leichte Weise miteinander verwoben sind, ist ein meisterhaft gefilmtes und dargestelltes Gesellschaftsbild des heutigen Serbiens entstanden. Ganz verhalten vermittelt es den tiefen Wunsch des Regisseurs, die Narben des Krieges mögen verheilen. Was dabei hilft: die Liebe, Versöhnung und dass man, so, wie Gavrilo seinen kleinen Schreihals aufrichtig zu mögen beginnt, an die Zukunft glaubt.

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