Werbung

Wachsende Grauzonen

Warum in Deutschland die Löhne sinken – das Beispiel des Einzelhandels im Nordosten

  • Von Velten Schäfer
  • Lesedauer: 3 Min.
In Mecklenburg-Vorpommern haben Tarifverhandlungen für die 60 000 Beschäftigte im Einzelhandel begonnen – nirgends in Deutschland ist das Lohnniveau niedriger. Vom Mindestlohnniveau können selbst manche tariflich Bezahlten nur träumen.

7,12 Euro pro Stunde, etwa 1200 im Monat, natürlich brutto – das ist laut aktueller Liste der niedrigste tarifliche Einstiegslohn im Einzelhandel Mecklenburg-Vorpommerns. Der Einstiegswert gilt altersgestaffelt und nur bei einem Berufseintritt im Alter von unter 19 Jahren, verdeutlicht aber einen bekannten Trend: Das schöne Land an der Küste ist Schlusslicht bei Löhnen und Gehältern.

In Hessen beginnt die Liste bei 8,23 pro Stunde, in Baden-Württemberg bei 8,67 für Angestellte und 9,52 für Arbeiter. Aber auch im Osten ist Mecklenburg-Vorpommern kaum zu unterbieten: In Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und in Thüringen bekommen die am schlechtesten Bezahlten laut Tarif immerhin noch 7,70 Euro pro Stunde Lebenszeit.

Zwar nicht das Stundenlohnniveau aus dem Südwesten, aber immerhin die in Baden-Württemberg zuletzt vereinbarte prozentuale Steigerung von fünf Prozent, verteilt auf zwei Jahre, nimmt sich ver.di nun auch für den Nordosten zum Vorbild. Mindestens aber sollen Beschäftigte 120 Euro mehr pro Monat bekommen und Auszubildende 60 Euro.

Sie gehe davon aus, dass Arbeitgeber im Nordosten ihre Mitarbeiter nicht weniger schätzten als die im Südwesten, erklärte Verhandlungsführerin Cornelia Töpfer. »Im Einzelhandel Mecklenburg-Vorpommerns liegt der Lohn oft knapp über dem Existenzminimum«, sagt auch Linkspartei-Spitzenkandidat Helmut Holter: Eine kräftige Lohnerhöhung wäre gut für das Land.

Gewerkschaft geschwächt

Wenn auch der Kompromiss von Baden-Württemberg in Mecklenburg-Vorpommern als Eingangsforderung erhoben wird, wird es an der Küste am Ende wohl wieder weniger geben als etwa im Schwarzwald, wo man im Einzelhandel mit listenmäßig ab 14,36 Euro Monatsbrutto auch nicht reich wird. Preisbereinigt haben die ohnehin schon niedrig bezahlten Beschäftigten in Deutschland im vergangenen Jahrzehnt spektakuläre 16 bis 22 Prozent ihres Einkommens verloren. Die nun – vorerst ergebnislos – angelaufene Einzelhandels-Tarifrunde im Nordosten zeigt, warum: Da ist nicht nur der Eingangs-Tariflohn, der stark unter der eigenen Mindestlohnforderung liegt. Da ist, auch bei Töpfer, vor allem das Wissen darum, dass selbst dieser Lohn beileibe nicht alle erreicht. »Leiharbeit und Werkverträge«, schwächten die Gewerkschaften weiter. Und die Löhne fallen derweil am Tarifsystem vorbei.

Über die Praxis mit den Werkverträgen hat im vergangenen Herbst »Report Mainz« berichtet: In großen Warenlagern von Discounterketten arbeiteten damals von externen Dienstleistern angeheuerte Arbeitskräfte auf Akkordbasis – ohne festen Stundenlohn, stattdessen mit einer lächerlichen »Anwesenheitsprämie«. Löhne von weit unter 900 Euro seien keine Seltenheit, hieß es in dem »Report«-Bericht.

Der eigentliche Clou ist, dass solche Beschäftigungsverhältnisse offenbar auch bei der Edeka-Tochter »Netto« bestanden, welche die Gewerkschaftszeitung »publik« noch ein halbes Jahr zuvor für Fortschritte bei der Tarifbindung gelobt hatte. Es wachsen offenbar Grauzonen in den Unternehmen, von denen nicht einmal die Fach-Gewerkschafter ahnen. So ähnlich ist es zuweilen auch bei der Leiharbeit: Die Gewerkschafter spüren, dass sie zunimmt – wirklich exakte Zahlen aber sind schwer zu bekommen. »Viele Unternehmen sind da nicht kooperativ«, sagt Töpfer. Klar ist aber, dass der niedrigste mögliche Tariflohn – der einst von der »Arbeitsgemeinschaft Mittelständischer Personaldienstleister« AMP mit den Christlichen Gewerkschaften ausgehandelte Stundensatz – im Osten 6,89 Euro beträgt.

7,50 Euro dann 2012

Auch nach der Fusion der drei Zeitarbeit-Verbände zum »Bundesarbeitgeberverband Personaldienstleister« (BAP) gelten die langfristigen »christlichen« Verträge parallel zu den mit der DGB-Tarifgemeinschaft Zeitarbeit ausgehandelten weiter. »In Mecklenburg-Vorpommern gibt es beide Versionen«, sagt ver.di-Verhandlungsführerin Cornelia Töpfer.

Laut DGB-Zeitarbeitertarif steigt die Vergütung der untersten Lohngruppe im Osten bis November 2012 nach einem »Stufenplan« von 6,49 auf 7,50 Euro. Auf den erstmals vor bald einem Jahrzehnt geforderten Mindestlohnsatz also – aber erst ab nächstem Jahr.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln