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Schadstoffe kein Rückrufgrund

Deutsche Umwelthilfe kritisiert Verbrauchertäuschung bei Spritverbrauch und Abgaswerten

  • Von Steffen Schmidt
  • Lesedauer: 2 Min.
Dass die Angaben der Autohersteller über den Kraftstoffverbrauch unrealistisch sind, ist ja schon ein alter Hut. Doch auch bei den Abgaswerten wird offenbar bei der Typzulassung massiv getrickst, wie Messungen im Auftrag der Deutschen Umwelthilfe (DUH) zeigen.
Der BMW 116i fällt durch besonders hohe Stickoxidwerte auf.
Der BMW 116i fällt durch besonders hohe Stickoxidwerte auf.

Wenn in den letzten Jahren wegen zu hoher Feinstaub- oder Ozonwerte Fahrverbote diskutiert wurden, galten immer die »alten Stinker« als die Schuldigen. Sieht man sich Vergleichsmessungen zweier nagelneuer Automodelle mit Benzindirekteinspritzung an, dann ist die Vorstellung, allein alte Fahrzeuge seien besonders umweltbelastend, wohl hinfällig. Die neuen unterbieten zwar auf dem Papier alle geltenden Grenzwerte, doch bei einer realitätsnahen Fahrweise liegt nicht nur ihr Benzinverbrauch höher, als die Hersteller angeben, bei einigen Modellen gehen mit der Geschwindigkeit auch die Schadstoffwerte rasant in die Höhe.

In einem vom ADAC ausgeführten Test, den die Deutsche Umwelthilfe gemeinsam mit dem Verkehrsclub Deutschland in Auftrag gegeben hatte, überschritt ein BMW 116i die geltenden Grenzwerte für Stickoxidemissionen (NOx) sowie die offiziellen CO2-Emissionen massiv. Das Fahrzeug weist im sogenannten Autobahnzyklus, der eine Fahrt auf freier Strecke simuliert, NOx-Emissionen auf, die 30fach über dem Grenzwert des Prüfzyklus liegen. Ursache ist nach Angaben des Verkehrsexperten Axel Friedrich, dass die Hersteller die Prüffahrzeuge und ihre Bordcomputer eigens für den in der EU vorgegebenen Fahrzyklus für die Prüfung optimieren, so dass sie bei den Tests die Werte einhalten. Ein ebenfalls vom ADAC geprüfter VW mit dem gleichen modernen Motorkonzept überschritt zwar ebenfalls die Herstellerwerte für den Treibstoffverbrauch, lag aber dank angepasster Abgasreinigung bei den Stickoxiden unabhängig von der Geschwindigkeit weit unter den Grenzwerten.

»Wir brauchen endlich eine wirksame Regulierung, um die NOx-Belastung in den Städten nicht nur auf dem Papier, sondern auch im realen Leben deutlich zu senken«, fordert Jürgen Resch, Bundesgeschäftsführer der DUH. Die hohen NOx-Werte besonders in den Städten resultieren in erster Linie aus dem Straßenverkehr.

Für die DUH ist eine Konsequenz aus den Messabweichungen, dass staatliche Stellen wie Kraftfahrtbundesamt oder Umweltbundesamt wieder die Befugnis und das Budget für eigene Messungen unter realistischen Bedingungen bekommen. Derzeit – so Friedrich – seien an den Messungen für die Typzulassungen zu viele Einrichtungen beteiligt. Und da diese an den Messungen verdienen, seien sie auch daran interessiert, die vom Hersteller gewünschten Messwerte zu bekommen.

Außerdem verlangt die DUH, dass künftig auch deutliche Überschreitungen von Schadstoffgrenzwerten ein Grund sein müssten, von den Herstellern einen Rückruf zu verlangen. In den USA sei dergleichen üblich, während das deutsche Kraftfahrtbundesamt einzig bei sicherheitstechnischen Mängeln eingreifen dürfe.

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