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Goran Hadzic - das Jugoslawien-Tribunal in Den Haag erwartet seinen letzten Angeklagten

  • Von Detlef D. Pries
  • Lesedauer: 2 Min.

Serbiens Präsident Boris Tadic meldete am Mittwoch Vollzug: »Heute morgen ist er verhaftet worden.« Gemeint war der letzte Angeklagte, dessen das Haager Jugoslawien-Tribunal bisher nicht habhaft geworden war: Goran Hadzic, 1992 bis 1993 Präsident der Republik Serbische Krajina.

Die Republik – flüchtiges Zerfallsprodukt Jugoslawiens – war Ende 1991 in den Grenzregionen Kroatiens ausgerufen worden, in denen Serben seit Jahrhunderten die Bevölkerungsmehrheit bildeten. Durch überschäumenden kroatischen Nationalismus an ihre blutige Verfolgung im faschistischen kroatischen Staat (1941-45) erinnert, hatten sich die Serben einem neuerlich unabhängigen Kroatien widersetzt. An ihre Spitze schwangen sich Politiker, die wie ihre kroatischen Gegenspieler die Emotionen schürten, darunter der 1958 in Vinkovci geborene ehemalige Lagerarbeiter Goran Hadzic. Im Bürgerkrieg zwischen 1991 und 1995 wurden auf beiden Seiten abscheuliche Verbrechen begangen. Hadzic soll für Vertreibung, Misshandlung und Ermordung tausender Kroaten und anderer Nicht-Serben verantwortlich sein. Die Anklage legt ihm unter anderem die Verantwortung für ein Massaker serbischer Verbände in Vukovar im November 1991 zur Last, dem 264 Kroaten zum Opfer fielen.

Nach der Vertreibung der Serben aus der Krajina im Zuge der kroatischen Operation »Oluja« (Sturm) 1995 lebte Hadzic zunächst in Novi Sad. Einer Verhaftung nach der Anklageerhebung 2004 entzog er sich durch Flucht – bis zum Mittwoch, als er in einem Gebirgsdorf unweit Novi Sads festgenommen wurde. Binnen einer Woche werde er nach Den Haag überstellt, hieß es aus Belgrad.

Serbien tue damit einen wichtigen Schritt »zur Verwirklichung seiner europäischen Perspektive«, verlautete daraufhin aus Brüssel: Endlich winkt der Status des EU-Beitrittskandidaten.

Übrigens landeten sämtliche drei Krajina-Präsidenten vor dem Haager Tribunal: Hadzic-Vorgänger Milan Babic bekannte sich 2003 für schuldig, wurde zu 13 Jahren Haft verurteilt und erhängte sich 2006 in seiner Zelle. Hadzic-Nachfolger Milan Martic wurde 2007 zu 35 Jahren Haft verurteilt. Dagegen befand das Tribunal auf kroatischer Seite ausschließlich Militärs für schuldig.

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