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Bis zur nächsten Diktatur

Flattersatz: Bis zur nächsten Diktatur

Ich kann die Leute nicht verstehen, die immer noch bestreiten, dass es eine Diktatur gab! Die alles beschönigen oder »historisch begründen«. Besonders abscheulich war, wie kalt und buchhalterisch sich der Staat und seine als »die Behörde« bezeichnete Terrororganisation an unseren Kindern vergriff. »Von oben« gab es Planvorgaben, wie viele Schüler an ihren Wandertagen durch die Gefängnisse getrieben werden mussten. Dort erzählte man ihnen schaurige Geschichten, »Zeitzeugen« zogen plötzlich das Hemd hoch und entblößten ihre Folternarben. Verstört kamen die Kinder nach Hause. Und am nächsten Tag ging es weiter – ab ins Kino zum preisgekrönten Propagandafilm.

Widerstandskämpfer kamen regelmäßiger in die Schule als der Musiklehrer. In Einzelgesprächen wurden die Kinder psychologisch bearbeitet. Dabei wurde mit Fangfragen ermittelt, welche Eltern immer noch nicht »Unrechtsstaat« oder »Mordkommandos der Stasi« sagten, welche Fernsehsendungen zu Hause geguckt wurden und ob an bestimmten Tagen noch immer bestimmte Lieder gesungen wurden.

Auch die Lehrer standen unter Generalverdacht, nicht die richtigen Losungen aufzusagen. So wurden die Kinder zur Doppelzüngigkeit erzogen, zur Verlogenheit. Jugendliche lernten schon früh, dass sie Karriere machen konnten, wenn sie z.B. an einem Wettbewerb der »Behörde« teilnahmen, bei dem alle Gefängnisse und Folterinstitute auswendig aufzusagen waren. Wenn sie gewannen, durften sie vielleicht bei der nächsten großen, im Fernsehen übertragenen Propagandaveranstaltung zwischen einem hohen Staatsfunktionär und einem ekligen Popen stehen.

Im Fernsehen war die Hälfte der Sendezeit der Agitation der Bevölkerung vorbehalten (der Rest waren Wetterbericht und Kochsendungen). Unablässig wurden Filme über das Leid der Widerstandskämpfer wiederholt und jährlich kamen neue hinzu. In den Hauptnachrichtensendungen schrien sogenannte Moderatoren die Bevölkerung an und beschimpften die Menschen als gleichgültig, böswillig oder dumm. Sorgsam arbeiteten die Medien daran, die Bewohner des Landes in gute und böse einzuteilen.

Die Sache hatte aber einen Haken: Zum Schluss blieben sehr wenige Helden übrig. Das waren jene, die rechtzeitig dahin geflohen waren, wo das Gute und Schöne zu Hause war. Oft hatten sie dabei übermenschlichen Mut gezeigt. Zum Beispiel hatten sie selbstlos ihre Kinder in ihren vollgeschissenen Windeln zurückgelassen, während sie die Freiheit suchten. Oder sie hatten in Kauf genommen, dass ihre Kinder im Hohlraum eines präparierten Autos erstickten. Oder sie hatten aus Liebe zu den allgemeinen Menschenrechten einen bösen Grenzsoldaten hinterrücks erschossen.

Deshalb mussten sie auf Schritt und Tritt von der Propaganda geschurigelt werden. Auf offener Straße wurden Ausstellungen installiert, in der das Heldentum der Widerstandkämpfer und das segensreiche Wirken »der Behörde« vorgeführt wurden. Das Land hatte bald die höchste Mahnmaldichte der Welt. Hunde hatten weniger Gelegenheit das Bein zu heben als wir die Möglichkeit, an jeder Ecke Kränze abzulegen, Kerzen anzuzünden oder die Biografien der Widerstandkämpfer per Audiofile zu verinnerlichen. Häufig bimmelten die Glocken, damit wir auch beim Gang zur Toilette an Leid, Tapferkeit und den Sexappeal des Widerstands erinnert wurden.

Es entstand eine echte Diktatur-Kunst. Zum Beispiel wurde zu den Klängen eines Cellos der Widerstand in lebenden Bildern nachgetanzt. Am schönsten aber war zum Schluss der Diktatur die Schweigeminute. In der Berliner Prenzlauer Allee soll eine junge Frau ihren Freund mit einer Lutz-Rathenow-Büste erschlagen haben, weil er während der Schweigeminute den Koitus unterbrach.

Am nächsten Morgen, dem 14. August 2011, war die Diktatur vorbei. Genießen wir die Atempause bis zur nächsten!

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