Rolle Rückwärts in der Schulpolitik

Schleswig-Holstein: Bildungsminister plant Stellenabbau und Abschaffung des Bachelor für Lehrerstudenten

  • Von Dieter Hanisch, Kiel
  • Lesedauer: 2 Min.
Schleswig-Holsteins Bildungsminister Ekkehard Klug (FDP) hat sich zum Schuljahrsbeginn mal wieder den Zorn von Eltern und Lehrern zugezogen. Sein Ressort gleicht einer Großbaustelle. Daher hagelt es für den Liberalen schlechte Noten von verschiedenen Seiten.

Mit einem Stellenabbau möchte Klug seinen Teil zur Haushaltssanierung beitragen. 3650 Planstellen will er bis 2020 streichen und klopft sich dabei auf die Schulter, weil der Landesrechnungshof am liebsten noch 500 zusätzliche Stellen kippen würde. Zum Schuljahrsstart sind schon mal 300 Lehrer weniger in die Schulen gekommen. Gerade an den Grundschulen hat man dafür überhaupt kein Verständnis, weil die Zahl der Erstklässler konstant geblieben ist und die Schuleinsteiger eigentlich mehr Zuwendung benötigen würden, zumal Klugs Parteikollege und Gesundheitsminister Heiner Garg gerade erst bekannt gab, dass 50 Prozent der Kinder bei den Einschulungsuntersuchungen »Auffälligkeiten« aufweisen würden. Und man findet im Land kaum eine weiterführende Schule bzw. Berufsschule, an der nicht Unterrichtsausfall zum Dauerproblem geworden ist und die vorgeschriebene Stundentafel nicht mehr erfüllt wird. Die Linke kritisiert das Zusammenkürzen von Differenzierungsstunden und Förderunterricht. Das verschlechtere systematisch die Zukunftsaussichten der Kinder. Aus dem Ministerium heißt es dagegen, die Unterrichtsversorgung verbessere sich tendenziell.

Die Personalsituation dürfte sich in den nächsten Jahren auch deshalb noch verschärfen, weil immer mehr teuer ausgebildete Lehrkräfte nach Niedersachsen oder Hamburg abwandern, moniert der GEW-Landeschef Matthias Heidn die Einstellungspraxis im nördlichsten Bundesland, wo laut Lehrergewerkschaft das Verhältnis von Daueranstellung zu befristetem Vertrag 1:10 beträgt.

Kopfschütteln erntet Klug auch für die von ihm zu verantwortende neue Prüfungs- und Ausbildungsordnung, zumal die Vorgängerregelung gar nicht evaluiert wurde. Die Grünen vermissen im Ausbildungsprozess eine Erhöhung des Praxisanteils in den Schulen. Zur dringend nötigen Neugestaltung des Lehramtsstudiums fällt Klug auch nur die Rückkehr zum Staatsexamen im Bereich der Grund-, Regional- und Gemeinschaftsschulen ein. Ein derartiges Begräbnis des Bachelor-Master-Systems mit der Einsparung von zwei Semestern bezeichnet Waltraud Wende, Uni-Chefin in Flensburg, als Katastrophe. Selbst im vom Koalitionspartner CDU geführten Wissenschaftsministerium hält man nichts von Klugs Rolle-rückwärts-Plänen. Anke Spoorendonk vom Südschleswigschen Wählerverband drückt ihre Enttäuschung so aus: »Wer die Inhalte und Qualität der Lehrerausbildung daran ausrichtet, dass sie nichts kosten dürfen, wirft die Zukunft der Kinder dem Sparschwein zum Fraß vor.« Die GEW spottet: Eine Rating-Agentur würde der schleswig-holsteinischen Bildungspolitik ein Triple C verpassen!

Unterdessen bleibt auch der mehrstündige Bildungsstreik vom 3. Juni 2010 mit landesweit mehr als 1800 beteiligten Lehrkräften Thema. Das Ministerium reagierte mit Disziplinarverweisen. Dagegen klagen stellvertretend sechs Lehrer vor dem Verwaltungsgericht in Schleswig.

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