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Der gefiederte Gegenführer

Wie die Gesellschaft gegen rechts mobilisiert

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Wo die NPD klebt, ist der Storch (s.u.) nicht weit: Heinar- und Neonazi-Plakate in Rostock.
Wo die NPD klebt, ist der Storch (s.u.) nicht weit: Heinar- und Neonazi-Plakate in Rostock.

Er hat eine Leibstandarte, er ist ein nationaler Modeschöpfer, er ist selbstverständlich auch Erfolgsautor (»Mein Krampf«) und außerdem im Popgeschäft aktiv, das er mit seinen »Storchkraft«-Alben bereichert: »Storch Heinar«, die klapprige ironische Kunstfigur mit dem zerzausten Hitlerscheitel und entsprechender Gesichtsbehaarung, hat im Nordosten ohnehin schon eine gewisse Bekanntheit erlangt – spätestens seit jenem realsatirischen Gerichtsverfahren, in dem die vom Storch persiflierte, bei Rechtsradikalen indes beliebte Bekleidungsmarke »Thor Steinar« dem Kampf-Adebar Markenrechtsverletzungen nachweisen wollte.

Der Prozess blieb erwartbar ohne Ergebnis und erwies sich als ein großer Lacher. Und in diesen Wochen lernt auch der letzte Mecklenburger und Vorpommer den gefiederten Gegenführer kennen: Fast flächendeckend ist »Storch Heinar« im Lande plakatiert, vorzugsweise, wie es scheint, direkt unter den Plakaten der NPD, die in großer Anzahl die Laternenspitzen schmücken.

Heinar ist eine Rotweinidee des SPD-Abgeordneten Mathias Brodkorb, der einst von der PDS zu den Sozialdemokraten übertrat und vor der letzten Landtagswahl auch »Endstation rechts« mitgründete, eine Internetseite über die parlamentarischen Leistungen der NPD und das Treiben der außerparlamentarischen Nazis im Lande. Standesgemäß undemokratisch zum »Spitzenkandidaten gegen die NPD« ausgerufen, wird Heinars Nest nun, da Brodkorb in der Landespolitik aufgestiegen ist, zur Hauptsache von den Jusos gepflegt. Auf den Plakaten fehlt allerdings jeder politische Hinweis. Die NPD, aus deren Umfeld im Internet auch eine Anti-Storch-Seite betrieben wird, hat denn auch versucht, die Storchplakate als kommerzielle Werbung untersagen zu lassen – ohne Erfolg.

Dass die Kameraden den klapprigen Oberführer inzwischen als ernst zu nehmenden Gegner betrachten, zeigt nicht nur das offenbar mehr oder minder organisierte Abreißen der Plakate durch mutmaßliche Naziparteigänger – sondern auch die Tatsache, dass sich die NPD sogar einen Gegenslogan ausgedacht zu haben scheint: »Sei kein Frosch, wähle deutsch« steht auf den farblich schreienden Rechtsplakaten, die wiederum auffällig häufig im Umfeld von Storchporträts auftauchen. Wer diesen vergleichsweise humorigen Slogan mit dem unsäglichen »Gas geben« vergleicht, mit dem die NPD in Berlin provoziert, kommt um eine Feststellung nicht herum: Die pfiffige Heinar-Kampagne hat die Braunen dumpf erwischt.

Die Rechtsextremem müssen sich auch nach der Decke strecken, denn nach allem, was bekannt ist, wird es knapp mit dem Wiedereinzug in den Landtag. In Umfragen dümpelte die Neonazipartei seit Monaten unter fünf Prozent, 2006 waren es 7,3. Und es ist zumindest fraglich, ob das wirklich nur daran liegt, dass sich Rechtswähler bei Umfragen nicht outen. Zwar haben die Neonazis in den letzten Jahren ein in manchen Regionen flächendeckendes Netz an Hetzblättchen etabliert, doch waren ihre Initiativen im Schweriner Landtag kaum einmal mehr als lächerlich.

Legendär im Land ist etwa die Szene, als Kamerad Tino Müller im Parlament versuchte, ausgerechnet Simone de Beauvoir zur Begründung eines besonders abstrusen Antrages herbeizuzitieren, nach dem »Gender-Mainstreaming« die Pädophilie befördert: Es gelang ihm in mehreren Anläufen nicht einmal, den Namen der französischen Feministin halbwegs korrekt vorzulesen. Und während die NPD seit Jahr und Tag gegen vermeintlich polnische Baumaschinen-Diebesbanden zu Felde zieht, stellte sich im Sommer heraus, dass in Wahrheit wohl der Ex-NPD-Vorständler Sven Krüger aus Jamel in etlichen Fällen der Hehler war; Krüger, dem gerade der Prozess gemacht wird, hat dies bereits gestanden.

Weder auf den Klapperstorch noch auf die Nazipeinlichkeiten möchte sich die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes im Nordosten verlassen. VVN/BdA-Landeschef Axel Holz präsentierte gemeinsam mit ver.di kürzlich eine Massenzeitung, die Wählerinnen und Wähler gegen die Rechtsextremen mobilisieren will und die Forderung nach einem Verbot der Neonazipartei bekräftigt. In 200 000 Exemplaren soll die Kampagnenzeitung in der letzten Woche vor der Wahl verteilt werden.

»Wir klären über die Nazinähe der NPD-Arbeit im Landtag auf«, sagt Holz, der sich über die Finanzierung der Rechtspartei durch den Staat ärgert und über rechte Gewalt im Lande sorgt. Ver.di-Landesbüro- leiter Ernst Heilmann hofft vor allem auf eine hohe Wahlbeteiligung, die die NPD aus dem Landtag katapultieren könnte. Und durch das Zusammenfallen der Landtags- mit den Kreiswahlen stehen die Chancen darauf gar nicht mal so schlecht.

Der gefiederte Gegenführer

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