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Gesehen

»Buchholzens« im Palais

Heute würde man es einen Bestseller nennen. Julius Stindes humorvolle Geschichten um die kleinbürgerliche »Familie Buchholz« waren um die Wende zum 20. Jahrhundert ein Riesenerfolg – nicht nur in Berlin, wo sie spielten, sondern im ganzen Land, sogar im Ausland. Später waren sie als Hörspiel ein Straßenfeger, wurden erfolgreich verfilmt und haben jetzt sogar die Bühne erklommen: Das Theater im Palais hat sich der heiter-satirischen Erzählungen angenommen und präsentiert sie als szenische Lesung unter dem Titel »Die Buchholzens oder Wie angelt man einen Schwiegersohn«.

Vorgestellt wird eine lose Sammlung von Geschichten um die Familie Buchholz, die ab 1878 im Deutschen Montagsblatt erschienen und schnell eine riesige Fangemeinde fanden. Geraume Zeit wusste fast niemand, dass sich hinter dem Pseudonym Wilhelmine Buchholz der Autor Julius Stinde verbarg, ein Wahlberliner aus Holstein, der Chemie studiert hatte und über Fachaufsätze zum Journalismus kam. 1876 erfand er seine Familie Buchholz, ein Abbild des gehobenen Kleinbürgertums, selbstgefällig, oft heuchlerisch, im Denken beschränkt und trotzdem liebenswert. Vor allem Wilhelmine Buchholz, Ehefrau des Tuchhändlers Karl und Mutter zweier Töchter, die sich mit ihrem praktischen Hausfrauenverstand über Konzert und Kutschfahrten ebenso auslässt wie über die Tücken des Alltags, schlossen die Leser ins Herz.

Stinde betätigte sich da gleichsam als Diplomat. Er weckte im ganzen Land Sympathien für die Einwohner der neuen Hauptstadt, die damals, sieben Jahre nach Gründung des Deutschen Reiches, von traditionsreicheren Städten argwöhnisch begutachtet wurde. Obwohl aus dem Norden, traf Stinde die Mundart und Schlagfertigkeit der Berliner auf den Punkt, ebenso wie die Ich-bezogene, eitle Haltung des Spießbürgers, der stets mit einem Auge auf Nachbarn und Verwandte schielt. Was heute Auto, Designklamotten und Wohnung sind, waren damals gute Partien für die Kinder und zur Schau getragener Wohlstand. Im Prinzip hat sich wenig geändert, und gerade das macht die Buchholz-Geschichten zum zeitlosen Vergnügen.

So gesehen: Eine gute Wahl, die das Theater im Palais mit dieser losen Auswahl an Buchholz-Abenteuern getroffen hat. Vorgetragen werden sie von Gabriele Streichhahn und Carl Martin Spengler, den Allzweckwaffen des kleinen Theaters, die leider wieder einmal nicht lassen können von der jovial-anbiedernden, augenzwinkernden Art, die sie stets in Sachen Humor anschlagen. Zwar gefällt’s dem Großteil des betagten Stammpublikums; für die jüngeren Besucher aber dürfte es ruhig etwas bissiger zugehen. Denn Frau Wilhelmines Anekdoten sprechen für sich. Sei es, dass sie sich über ein arg anzügliches Kinderpuppenspiel empört, ihre Lebensweisheiten zum Besten gibt (»Wer eine Uhr versetzt, ist zu allem fähig«), sich wegen einer bösem Bemerkung mit der befreundeten Familie Bergfeldten entzweit oder im Bemühen, den Hausarzt als Ehemann für Tochter Emmi zu gewinnen, nur Unheil stiftet – stets sind die Protagonisten ebenso realitätsnah beschrieben wie die gut beobachteten Alltagsszenerien, paart sich Mutterwitz mit Sinn fürs Timing. Stinde entlarvt das standesbewusste Kleinbürgertum, ohne es vorzuführen – eine Kunst. Und so lachen die Menschen, damals wie heute, auch über sich selbst.

30./31.8., 20.9., 20 Uhr; Theater im Palais, Am Festungsgraben 1, Karten unter Tel.: (030) 201 06 93

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