Am Berliner Grips geht eine Ära zu Ende

Theatergründer und »Linie 1«-Erfinder Volker Ludwig tritt ab / Nachfolger Stefan Fischer-Fels hat neue Ideen

  • Von Elke Vogel, dpa
  • Lesedauer: 2 Min.

Natürlich wird die legendäre »Linie 1« auch in Zukunft durch das Berliner Grips Theater fahren. Doch die 42 Jahre währende Ära von Grips-Gründer und »Linie 1«-Erfinder Volker Ludwig (74) geht an diesem Freitag endgültig zu Ende. Dann startet sein Nachfolger Stefan Fischer-Fels (47) in seine erste Spielzeit – und der neue Intendant hat den Kopf voller neuer Ideen.

Mit der Uraufführung des sozialkritischen Stücks »Schöner wohnen – Ein singender Umzug« von Franziska Steiof eröffnet Fischer-Fels die Saison. Damit setzt der neue Leiter des als Pionier des modernen Kinder- und Jugendtheaters in Deutschland geltenden Hauses gleich ein Zeichen. Das Stück über die Nöte von Menschen, deren Haus luxussaniert werden soll, ist vor allem für Erwachsene gedacht. »Ich will die absurde Trennung zwischen Kinder-, Jugend- und Erwachsenentheater aufheben«, sagt der vom Jungen Schauspielhaus Düsseldorf kommende Fischer-Fels.

Ironische Referenz an den einst berüchtigten Ruf des als »antiautoritäres Theater« verschrienen Grips ist das Plakat, das für »Schöner wohnen« wirbt. Nach dem Vorbild der legendären Kommune 1 zeigen die Schauspieler darauf ihre nackte Rückenansicht. Auch Prominenz hat der neue Grips-Chef ins Team geholt: Filmregisseur Sönke Wortmann (»Deutschland. Ein Sommermärchen«, »Das Wunder von Bern«) inszeniert Lutz Hübners »Frau Müller muss weg« (Februar 2012) über einen aus dem Ruder laufenden Elternabend. Künftig soll es am Grips mehr Abendvorstellungen für Erwachsene geben als bislang.

Das »gesellschaftskritische Volkstheater« des Grips wolle er behutsam weiterentwickeln, sagt der gebürtige Berliner Fischer-Fels über seine »freundliche Übernahme«. Den typischen Grips-Stil mit seiner scharfen, sehr auf die Spitze getriebenen Figuren-Zeichnung wolle er um neue, auch abstraktere Spielformen erweitern. Dass man keine Angst haben muss, junge Zuschauer damit zu überfordern, zeigte sich vor zwei Wochen. Da wurde eine unter Fischer-Fels' Düsseldorfer Intendanz entstandene Inszenierung am Grips bejubelt: Daniela Löffners ebenso feinsinnige wie kraftvolle Hesse-Interpretation »Demian«.

Volker Ludwig, den seine »Linie 1« zum meistgespielten Autor in Deutschland nach Shakespeare, Brecht und Molière gemacht hat, bleibt dem Grips als Autor erhalten.

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